Öffentliches Leben fährt weiter runter

Vier neue Coronafälle in Mittelsachsen sind seit Dienstag bekannt. Unterdessen sollen ab heute tausende Schüler zu Hause lernen. Das Brander Cottagymnasium begreift die Krise auch als Chance, die Digitalisierung voranzutreiben.

Freiberg/Brand-Erbisdorf.

In Mittelsachsen sind am Dienstag vier neue Coronafälle bekannt geworden. Es handelt sich um drei Männer (zwei 1968 geboren, einer 1984) und eine Frau (Jahrgang 1981). Damit gibt es laut Landratsamt neun Kranke. Bei den Neuerkrankten handelt es sich um Reiserückkehrer, die in häuslicher Quarantäne sind. Sie leben im Raum Freiberg und Mittweida. "Wir haben die Kontaktpersonen ermittelt und Quarantäne angeordnet", erklärt die Leiterin des Gesundheitsamtes, Dr. Annelie Jordan.

Am Nachmittag trafen sich Vertreter aller mittelsächsischen Kliniken erneut mit dem Gesundheitsamt. Landrat Matthias Damm dankte den Kliniken für ihr Mitwirken. "Man spürt, was die Klinken und ihre Mitarbeiter für die Gesamtbevölkerung für eine Verantwortung übernehmen." Ein Thema war eine Corona-Ambulanz. Eine Entscheidung zu ihrer Einrichtung sei noch nicht getroffen, so Jordan. "Wir reagieren je nach Lage." Die Amtsärztin stellte klar, dass nur Abstriche von Personen genommen werden, die Symptome haben und aus einem Risikogebiet zurückkehrten oder direkten Kontakt mit einer erkrankten Person hatten.

Das Mittweidaer Krankenhaus ist auf die Aufnahme von Corona-Patienten vorbereitet. Laut Geschäftsführer Florian Claus können bis zu 16 Patienten mit Covid-19 stationär isoliert und behandelt werden. Weitere acht Patienten können intensivmedizinisch behandelt und beatmet werden. Derzeit werde ein isolierter Intensivpflegebereich vorbereitet. Alle Nicht-Corona-Patienten - auch Notfälle und überwiesene Patienten, die laut ärztlicher Entscheidung aufgenommen werden müssen - werden medizinisch versorgt und behandelt. Nur planbare, nicht dringliche Operationen werden verschoben.

Im Freiberger Kreiskrankenhaus bereite man sich zwar laut Sprecherin Ulrike Träger darauf vor, für Covid-19-Patienten eine Station mit separatem Eingang einzurichten. Doch auf Weisung des Gesundheitsamtes würden keine Corona-Verdachtsfälle aufgenommen. "Stationäre Verdachtsfälle werden weiterhin ans Klinikum Chemnitz überstellt", sagte Träger. Diese Regelung könne sich aber kurzfristig ändern.

Zur aktuellen Situation im Landkreis haben am Dienstag auch Vertreter von Landratsamt und Vorstand des Städte- und Gemeindetages (SSG) Mittelsachsen beraten. "Wir stehen als kommunale Familie zusammen und agieren in enger Abstimmung", sagte Landrat Damm.

"Jede Kita, die jetzt besteht, soll ab Mittwoch eine Notbetreuung anbieten", unterstrich Kreis-Jugendamtsleiterin Heidi Richter. Dies gelte auch für Tagesmütter in Mittelsachsen. Die Sorgeberechtigten erklären laut einem Formblatt unter anderem, dass die Kinder gesund sind. Die Arbeitgeber bestätigen, dass sie unverzichtbar sind und in einem Sektor der kritischen Infrastruktur tätig sind. Wichtig ist, so Richter weiter, dass bei zwei Sorgeberechtigten beide einem Beruf in der kritischen Infrastruktur nachgehen. "Nach ersten Rückmeldungen sind zum Teil weniger als zehn Prozent der eigentlich möglichen Kinder in Notbetreuung."

Ab heute bleiben auch alle Oberschüler und Gymnasiasten sicherheitshalber zu Hause - ohne Notbetreuung. Deshalb haben aber nicht 76 Lehrer plötzlich frei, stellt Manuela Kunath, Leiterin des Bernhard-von-Cotta-Gymnasiums Brand-Erbisdorf, klar. Denn lernen sollen die Kinder zu Hause trotzdem. Dafür nutzt das Gymnasium eine bereits vor der Krise initiierte Plattform, um online für jede Klasse in jedem Fach Aufgaben bereitzustellen. "Der Aufwand für die Lehrer ist sogar höher. Sie müssen den Unterricht jetzt umstellen", erläutert Kunath. Sie sind angehalten, weitestgehend von zu Hause aus zu arbeiten, digitale und analoge Lernangebote zu schaffen.

Beispiele: Deutsch, Klasse 5: ein Buch lesen und ein Lesetagebuch verfassen Musik, Klasse 10: Den Stil der top 15 Werke der Musikgeschichte von Beethoven bis zum Musical "West Side Story" charakterisieren. Die Schüler können sich die Aufgaben von der Plattform herunterladen. Wie die Aufgaben kontrolliert werden, handhaben die Lehrer unterschiedlich. Um Probleme und Aufgaben von Angesicht zu Angesicht zu besprechen, haben 14 Lehrer am Dienstag von Kollegin Stephanie Schmidt eine Weiterbildung darin bekommen, wie sie Videokonferenzen via Tablet, Handy und PC mit Schülern und Eltern führen können. "Wir machen aus der Not eine Tugend: Eigenständiges Lernen unter Nutzung digitaler Medien wird durch die aktuelle Situation enorm gefördert", sagt Kunath. Zudem seien Aufgaben wichtig, um den Schülern zu Hause eine Aufgabe, eine Tagesstruktur zu geben.

Schüler der Freien Gemeinschaftlichen Schule "Maria Montessori" in Freiberg können von zu Hause aus zudem die Fachlehrer per E-Mail kontaktieren. Eine Klassenlehrerin hat angeboten, einen wöchentlichen YouTube-Livestream zu machen, bei dem Schüler und Eltern Fragen stellen können. Die gelösten, zurückgemailten Aufgaben werden von Lehrern kontrolliert. In einigen Klassen schreiben Schüler täglich einen Tagesplan, den die Eltern am Ende des Tages kontrollieren und der Lehrer am Ende der Coronaferien benotet. mit grit, jl, sksö


Kommentar von Astrid Ring

Was geht?

Wann haben Sie das letzte Mal mit Ihrer Familie zusammen gesungen? Klingt albern? Macht aber Spaß, lockert die Stimmbänder und lässt Geist und Seele aufatmen. Aber vielleicht lesen Ihnen die Kinder auch mal Lieblingsgeschichten vor und Sie kramen Ihre eigene aus der Kindheit selbst heraus? Und wo finden sich eigentlich Fotos vergangener Urlaubsabenteuer oder das alte "Mensch ärgere Dich nicht"-Spiel? Außerdem findet sich ganz bestimmt (mindestens) ein Buch im Regal, das Sie schon immer einmal lesen wollten ... Nun ist Zeit dafür. Die Work-Life-Balance ist eine andere, ein bisschen ruhiger - bestimmt aber besser miteinander.s geht?WasW


Öffentliche Einrichtungen sind ab 19. März geschlossen - Blutspendezentrale sucht Räume für mobile Termine

Veranstaltungen verboten: Um das Ansteckungsrisiko mit dem Corona-Virus weiter zu reduzieren, schließt der Freistaat Sachsen per Allgemeinverfügung fast alle private und öffentliche Einrichtungen und untersagt alle Veranstaltungen. Das Kabinett hat diese Maßnahme am Dienstag beraten. Die Verfügung des Gesundheitsministeriums gilt ab 19. März, 0 Uhr früh, bis zunächst 20. April.

Landratsamt: Die Kreisverwaltung stellt den Besucherverkehr ab 18. März komplett ein. Die Beschäftigten sind per Telefon oder per E-Mail für Fragen oder Beratungen erreichbar. Nur im Ausnahme-Fall kann es noch persönliche Vorsprachen geben.

Vollstreckung: Das Landratsamt verzichtet bis zum 19. April 2020 auf Vollstreckungsmaßnahmen zu offenen Forderungen des Kreises. Ausnahme sind drohende, endgültige Zahlungsausfälle durch Verjährung und Maßnahmen zum Schutz der öffentlichen Sicherheit und Ordnung.
Busse: Trotz der angekündigten Schulschließungen laufen ÖPNV und Schülerbeförderung auch in den kommenden Tagen noch normal. Laut ÖPNV-Abteilungsleiter Thomas Kranz müsse man sehen, wie viele Kinder in die Notbetreuung gehen und sich dann entsprechend ausrichten.

Blutspende: Es wird weiter Blutspendetermine geben. Einen drastischen Rückgang könne man nicht verkraften, teilt die Blutspendezentrale mit. Das Problem: 90 Prozent der Blutspendetermine sind mobil, das heißt, sie fanden in Schulen, Seniorenheimen und anderen öffentlichen Einrichtungen statt. Deshalb wird mit Hochdruck daran gearbeitet, die Notfallversorgung sicherzustellen. Gefragt sind Unternehmen oder Vereine, die Räume für mobile Blutspendetermine zur Verfügung stellen können. Hotline 08001194911

Bürgertelefon des Gesundheitsamtes täglich, 9 bis 16, Dienstag und Donnerstag, 9 bis 18 Uhr unter 03731 799-6249 erreichbar.


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