Rollentausch vor dem Jahreswechsel

Heute unter anderem mit: Einem OB als Verkäufer, einem Professor als Springer - und einer Königin als Vorkoster.

Ja, ist denn jetzt schon Weihnachten? Das mag sich Dietrich Heber gedacht haben, damals, als er die Ausstellung zur Schulgeschichte in seinem alten Heimatort Clausnitz besuchte und dort etwas fand, wonach er sicher nicht suchte: seinen alten Schulranzen. Der Vater, Pächter der jüngst abgerissenen Stuhlfabrik am Zeisigberg, hatte sich in den 1950er-Jahren immer mehr der Drangsalierung der Staatsgewalt gegenüber gesehen. Und siedelte mit seiner Familie 1954 in die Bundesrepublik über. Ein Arbeiter des Betriebs nahm den Schulranzen des Steppkes mit. Und irgendwie landete das Stück auf einem Dachboden, bis es für die Ausstellung der Schulgeschichte - Clausnitz feierte damals 800 Jahre - entstaubt wurde. Wo Dietrich Heber das Ding zufällig entdeckte. Dass ihm seine Erinnerung keinen Streich spielte und es wirklich sein Ranzen war, dessen konnte er sich damals ganz sicher sein: Denn seine Initialen standen noch im Innern der ledernen Tasche. Heber kaufte das Stück zurück. Der Fund war für ihn Anlass, die Geschichte niederzuschreiben - aus der Sicht des Ranzens.

Nun schlüpfte der Diplom-Ingenieur und Heimatforscher in die Rolle eines Geschichtenerzählers. Erstmals las er dort aus dem Buch, wo es meistens spielt: an der Grundschule Clausnitz (großes Foto). Er berichtete, dass, da viele Lehrer im Krieg geblieben waren oder noch in Gefangenschaft saßen, manche längst pensionierte Pädagogen reaktiviert wurden - oder Quereinsteiger, die kein Lehrerinstitut von innen gesehen hatten. Er erzählte, wie der Mangel in der Nachkriegszeit allgegenwärtig war. Wie seine Mitschüler damals Holz mit in die Schule schleppten, damit der Kachelofen beheizt werden konnte. Wie er auch in der Schule schon der Ausbeutersohn genannt wurde. Wie eben dieser Ausbeutersohn bei einer Geldsammlung für die in Berlin entstehende Stalin-Allee das kreisweit beste Ergebnis erzielte. Wie er damit die Lehrer in Erklärungsnot brachte: Denn als Auszeichnung gab es eine Einladung zu einem Empfang mit DDR-Präsident Wilhelm Pieck. Die aber erst in Clausnitz eintraf, als die Familie längst ihr Heil in Westdeutschland gesucht hatte.

Dann öffnete Dietrich Heber den Ranzen, und als etwa eine Schiefertafel zum Vorschein kam, war es an den Schülern, mit offenem Mund zu staunen, als sei bei ihnen der Heilige Nikolaus erschienen. Auf dem Freiberger Christmarkt ist ja immerhin sein weltlicher Vertreter, der Weihnachtsmann, tagtäglich zugange, damit die Besucher trotz zweistelliger Temperaturen auch wirklich merken, was die Stunde geschlagen hat. Nicht nur der Weihnachtsmann hat dort einen festen Platz im Terminkalender, auch der Stollenanschnitt am ersten Samstag des Christmarkts gehört dazu wie Glühwein, Tauwetter, Bratwurst und Spieß. Der diesjährige Stollen der Bäckerei Kästner fiel mit einer Länge von zwölf Metern und einem Gewicht von 60 Kilogramm beachtlich aus, und angesichts von zehn Kilo Zucker und 17 Kilo Früchten konnte auch Bergstadtkönigin Lucy Fischer (kleines Foto unten) nach der Verkostung nur zu einem Urteil kommen: "Schmeckt sehr gut".

Das nutzte auch Oberbürgermeister Sven Krüger, denn ihm dienten Probierhappen des Stollens als Köder. Am Samstag half Krüger an der Silberstadt-Baude dabei, Produkte an den Mann zu bringen, die mit Freiberg im Allgemeinen und mit dem Christmarkt im Besonderen in Zusammenhang stehen. So unterstützte der OB die Verkäuferin Ilona Schmidt (das Foto Mitte links zeigt die beiden zusammen mit City-Managerin Nicole Schimpke), Garnituren aus dem heimischen Brauhaus an den Mann oder die Frau zu bringen, das Freiberg-Monopoly zu empfehlen oder den derzeitigen Renner, nämlich die Christmarkt-Sonderedition der Räucherkerzen aus dem Hause Knox über den Ladentisch zu schieben. Dass das Team an der Silberbaude wechselnde Unterstützung erfährt, wird sich in den kommenden Wochen bis zum 23. Dezember fortsetzen. So sollen auch einige der Freiberg-Botschafter zum Einsatz kommen.

Über Geschenke, wenn gleich nicht zu Weihnachten, durfte sich bereits Konrad Heinze (kleines Foto rechts) freuen. Der erste Oberbürgermeister Freibergs nach der Wende feierte nun seinen 75. Geburtstag. Für sein größtes Geschenk, sagt Heinze, braucht er heute nur durch die Straßen fahren. "Unglaublich, wie sich alles entwickelt hat", sagt er. Seine Wünsche an die Stadt nehmen sich bescheiden aus: "Dass die letzten Bauruinen verschwinden und die letzten unsanierten Straßen drankommen." Da Heinze als CDU-Stadtrat nach wie vor aktiv ist, kann man darauf zählen, dass er es nicht nur beim Wünschen belässt.

Schließlich sei an dieser Stelle noch Hans-Jürgen Kretzschmar gewürdigt. Im vergangenen Jahr bereits hatte er sein Goldenes Diplom erhalten - Kretzschmar studierte von 1962 bis 1967 am Institut für Tiefbohrtechnik - im April feierte er seinen 75. Geburtstag. 1998 gründete er das DBI-Gastechologische Institut. Wie aktiv er noch ist, bewies der Professor auf der traditionellen Barbarafeier des Vereins der Freunde und Förderer der TU Bergakademie. Der langjährige Vereins-Geschäftsführer meisterte den traditionellen Arschledersprung (Foto Mitte rechts) und ist jetzt Träger des Ehrenarschleders des Vereins. (mit wjo)

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