Sayda muss Schüler wegschicken

Schulen kämpfen um Schüler, die Kommunen um Schulen und die Eltern um ihr Recht auf freie Schulwahl - auch im ländlichen Raum. Schiedsrichter soll die Schulbehörde sein. Und die Kinder? Sechs sollen sich eine andere Schule suchen.

Sayda.

Rico Mudrak will es nicht hinnehmen. Er sieht es gar nicht ein. Für ihren Sohn Linus haben die Mudraks aus Großhartmannsdorf bewusst die Oberschule in Sayda ausgewählt. Dort soll er ab Ende August weiterlernen. Linus war fristgemäß angemeldet. Und doch wurde er abgelehnt. Warum?

Der Schulleiter: Steffen Hänel tut es im Herzen weh, Schüler wegschicken zu müssen. "Wir hatten 62 Anmeldungen für die 5. Klasse. Das Landesamt für Schule und Bildung hat uns bislang aber nur zwei Klassen à 28 Schüler genehmigt", schildert er. Damit können 56 Schüler aufgenommen werden; sechs Familien müssen für ihr Kind eine andere Schule suchen. Dazu zählen Mudraks. Das Problem: Auch die umliegenden Oberschulen Olbernhau und Rechenberg-Bienenmühle sind gefragt. Hänel plädiert dafür, eine dritte 5. Klasse zu eröffnen und die 62 Schüler auf drei Klassen zu verteilen. "Das würde die Lernbedingungen ungemein verbessern, gerade jetzt, wo in der Coronakrise der Unterricht leidet", sagt er. Vor vier Jahren gab es schon einmal ähnlich hohe Anmeldezahlen; da wurde die dritte 5. Klasse genehmigt.

Das Schulamt: Das Landesamt für Schule und Bildung (Lasub) bestätigt, dass für das Schuljahr 2020/21 die Bildung von zwei 5. Klassen genehmigt worden ist. Begründet wird das mit dem Argument, dass das Bildungsangebot in ganz Sachsen gleichmäßig abgedeckt sein muss. Nur wenn die Gelder gerecht verteilt würden, so Lasub-Sprecher Lutz Steinert, könne ein hohes Bildungsniveau für die Schüler aller Regionen gewährleistet werden. Heißt konkret: Eine Klasse mehr an der Schule braucht mehr Lehrer. In Sachsen mangelt es jedoch an Lehrern; doch die Unterrichtsversorgung muss überall gewährleistet sein. "Vor diesem Hintergrund ist die Lasub gehalten, Klassenoptimierungen zu prüfen und gegebenenfalls vorzunehmen", erklärt Steinert.

Der Bürgermeister: Im jüngsten Stadtrat kam die Frage auf, wie die Beschränkung auf zwei 5. Klassen mit der Sanierung der Grundschule im Ort zusammenhänge. Bürgermeister Volker Krönert (CDU) erklärte, dass in den Schuljahren 2020/21 und 2021/22 jeweils zwei starke Grundschulklassen eröffnet wurden und werden. Mit dem Schulamt sei daher diskutiert worden, so Krönert, ob man zwei Grundschulklassen während des Baubetriebes an die Oberschule auslagern könne. "Diese Frage steht nicht im Zusammenhang mit der Klassenbildung. Entscheidungen zur Bereitstellung geeigneter Unterrichtsräume obliegen dem Schulträger", erklärt Schulamtssprecher Steinert. Krönert stimmt dahingehend zu, dass es theoretisch zwei voneinander losgelöste Themen sind, die beiden Schulen in einem Ort sich aber gegenseitig bedingen.

Für Steffen Hänel ist beides machbar: "Die Oberschule hat Kapazität für 17 bis 18 Klassen. Aktuell lernen dort 13 Klassen. Mit einer dritten 5. Klasse wären es 14 Klassen. Damit wären immer noch Räume frei, um Grundschüler während der Sanierung aufzunehmen."

Das Kind: Linus Mudrak ist eines der sechs Kinder, welches sich wohl eine andere Schule suchen muss. "Für uns stehen nur Sayda und Eppendorf zur Wahl, weil wir eine Schule im ländlichen Raum bevorzugen", sagt sein Vater Rico Mudrak. Erstens hat der Familie die Saydaer Schule schon beim Tag der offenen Tür gefallen: moderne Ausstattung, die Kinder tragen Hausschuhe im Schulhaus, und der Umgang mit den Schülern sei angenehm, schildert er. Ein zweites Argument ist persönlicher: Es gebe einen Mitschüler in Linus' Klasse, der andere Kinder "terrorisiert", so der Vater. Dieser Junge wechsle an die Oberschule Eppendorf. Um weitere Stänkereien wie Schubsen oder den Ranzen vom Rücken herunterreißen, zu verhindern, soll Linus eben nicht auch in Eppendorf weiterlernen. "Dazu kommt, dass die Kinder auf dem Heimweg von Eppendorf 20 Minuten ohne Aufsicht an der Bushaltestelle in Mittelsaida auf den Schulbus nach Großhartmannsdorf warten müssten. Und dort gibt's dann Keile", meint Mudrak.

Welches der 62 Kinder nun in Sayda lernen kann, hängt von verschiedenen Kriterien ab. Hänel hat für jeden Schüler einzeln geprüft: Ist das Kind ein Wiederholer? Hat es sonderpädagogischen Förderbedarf? Sind bereits Geschwisterkinder an der Schule? Handelt es sich um einen Härtefall? Dann erst geht es darum: Wie lang ist der Schulweg und wie ist die Beförderung möglich? "Mit Google Maps und dem Schülerbeförderungsplaner haben wir unter großem Zeitaufwand die Schulwege nachempfunden und gemessen", so Hänel. Linus wohnt weiter weg als andere Kinder.

Für Rico Mudrak wäre der Fahrtweg kein Problem. Gegen die Absage hat er vorige Woche beim Landesamt für Schule und Bildung Einwand erhoben. "Es gibt schließlich eine freie Schulwahl!", betont er.

Die Elternsprecherin: Nicole Weidensdörfer ist seit fünf Jahren Elternsprecherin an der Oberschule Sayda und kennt solche Debatten. "Ich kann die Eltern absolut verstehen. Oft entstehen dann weite Wege. Gerade mal 5. Klasse und dann sonst wohin in die Schule fahren, das ist unvorstellbar", sagt sie.

Wie die Situation an umliegenden Oberschulen aussieht, dazu wollten sich die Schulleiter nicht äußern. Das Landesamt arbeite ja noch daran, hieß es. Einen Bescheid über die Aufnahme erhalten die Eltern am 4. Juni 2020, bestätigt Steinert. Das neue Schuljahr beginnt am 31. August. Wo Linus dann lernt, wird sich zeigen.

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