Schon der Opa säte hier Möhren

Die Kleingartenanlage "Silberblick" feiert 80-jähriges Bestehen. Viele der Hobbygärtner pflegen in der Oase auch Familien-geschichte. So wie Reiner Büttner, der aus dem Nähkästchen plaudern kann.

Freiberg.

80 Jahre gibt es die Freiberger Kleingartenanlage "Silberblick" am Fuße der Alten Elisabeth schon. Heute noch bewirtschaften hier Gartenfreunde eine Parzelle, die schon der Opa oder der Vater zum Grünen und Blühen brachte.

Reiner Büttner ist einer von denen, die mit ihrem Garten auch Familiengeschichte pflegen. Sein Vater Richard machte das Gelände neben der großen Bergbauhalde mit urbar. Damals mussten die Kleingärtner, die ursprünglich ihre Gärten im Fürstental hatten, wegen Bauarbeiten auf diesen neuen Standort ziehen. "Sie räumten Steine weg, trugen Mutterboden auf und bauten Lauben", erzählt der Sohn. "Die Feuerwehr füllte immer eine große Zisterne, damit es auch Wasser gab." Bei seinem Nachbarn steht heute noch ein innen verzinktes Feuerspritzenunterteil, das einzige seiner Art, das in der Anlage übrig blieb. Denn in den Anfangsjahren nutzten viele diese Behälter für das wertvolle Nass auf der gepachteten Scholle.

"Ich bin geboren und war schon am nächsten Tag im Garten", unterstreicht Büttner seine Verbundenheit mit dem "Silberblick". Für den heute 75-Jährigen eine unvergessliche Zeit inmitten der Natur und vieler Freunde. Vor allem Bergleute genossen anfangs mit ihren Familien nach anstrengender Schicht ihr kleines Stückchen Erde. "Wir Kinder haben Regenwürmer für die Hühner des Nachbarn gesammelt und auf der kleinen Halde in der Anlage gespielt", berichtet der Gartenfreund. Nicht nur Hühner, sondern auch Kaninchen hielten sich die Kleingärtner damals. Seine Eltern fütterten manchmal bis zu 50 Langohren, und das in der Laube. Den Mist der Tiere musste Büttner als Junge oft mit dem Handwagen hinaus zum Freiberger Wasserturm ziehen, weil sein Vater dort noch ein Feld mit Mohn hatte, den er den Bäckern in der Stadt verkaufte. "Andere Jungen gingen baden, und ich habe Mist gekarrt. Da war ich immer ein bisschen sauer", erinnert er sich lächelnd. Später kaufte ihm der Vater einen Schäferhund. Der zog dann den Wagen. Einen kürzeren Weg hatte Büttner, wenn er Kaninchenfelle abliefern sollte. "Die Annahmestelle war in der Donatsgasse", so der heutige Rentner. "Das Geld, das man für die Felle bekam, war eine große Hilfe für die Familie."

Stundenlang kann Reiner Büttner Geschichten aus dem "Silberblick" erzählen. Von dem, der Schnaps gebrannt und ausgeschenkt hat, vom Fleischer, der immer die Bockwürste für die Vereinsgaststätte besorgte und vom Kassierer, der die Pacht noch persönlich einsammelte und das Geld getarnt im Beutel heim trug. Oder von den Kinderfesten. "Die Männer hatten eine Rutsche gebaut, die von der kleinen Halde auf die Wiese führte. Das war ein Riesenspaß", so Büttner. Eine andere Begebenheit bringt ihn heute noch zum Lachen, obwohl einigen Kindern damals nicht danach war. Ein Freiberger Fahrunternehmer hatte sein Karussell zum Fest in der Anlage aufgebaut. Dieses drehte und drehte sich irgendwann unentwegt, weil keiner mehr da war, der es ausschalten konnte. Den Enteilten fanden die besorgten Eltern dann in einem Garten beim heftigen Biergenuss mit einem Gartenfreund. Noch etwas brannte sich ins Gedächtnis des Gartenfreundes ein: Zum Kinderfest versammelten sich stets alle Kleingärtner schon an der Jakobikirche. Einige Männer, auch sein Vater, musizierten, die Kinder bekamen riesige Pappköpfe aufgesetzt, und alle zogen fröhlich zur Festwiese.

Ein Leben ohne Garten kann sich Reiner Büttner nicht vorstellen. 1966 übernahm er ihn vom Vater. Mit seiner Frau baut er Gemüse, Obst und Blumen an, umsorgt Goldfische in einem Miniteich und beobachtet amüsiert seine Spatzenbande. Besonders freut ihn, dass von der Leidenschaft zu gärteln und in der Natur zu sein auch Sohn und Enkel etwas geerbt haben. Letzterer nimmt sich jetzt bei Dresden einen Garten. Klar, dass der Opa mit hilft.

Zur Kleingartenanlage "Silberblick" gehören heute 80 Gärten, und die sind begehrt. Vor allem junge Familien mit Kindern zieht es hierher. Das Vereinsheim, das früher von den Gartenfreunden im Wechsel selbst bewirtschaftet wurde, vermieten diese jetzt für Familienfeiern. Mit Kinderfest, Tanzabend und der Einweihung eines neuen Spielgerätes im Sandkasten feierten die Gartenfreunde das Jubiläum der Sparte, die der Stadt einmal als Musteranlage diente.

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