Schulfrei für den Bundeskanzler

Gunther Bellmann stand 40 Jahre vor Schülern, war sogar mit ihnen "Mauerklopfen". Seine Geo-Prüfungen gelten als legendär. Nun geht der Chef eines der größten Gymnasien im Freistaat in Rente.

Brand-Erbisdorf.

"Ich wollte nie Lehrer werden." Wenn diese Worte einer sagt, der seit 1979 Schüler in Geografie und Geschichte unterrichtet, dann ist das schwer zu glauben. Doch stammt der Satz von Gunther Bellmann, der von seinen Kollegen und Schülern nicht selten als "Institution" bezeichnet wird. Vor wenigen Tagen wurde der heute 63-jährige Schulleiter in den Ruhestand verabschiedet; am 31. Juli steht sein letzter Arbeitstag an.

Klar, Gunther Bellmann geht mit einem lachenden und einem weinenden Auge - nicht nur so ein Spruch, meint er. Für den Mann - der lieber im legeren Look als mit Schlips und Kragen die Schulkorridore durchstreifte - beschließt sich ein Lebensabschnitt, der Generationen von Schülern in Erinnerung bleiben wird. Denn obwohl er mit der Schulleitung des Mammut-Gymnasiums "Bernhard von Cotta" eigentlich genug zu tun hatte, gab er das Unterrichten nicht auf. Fast durchweg stand er wöchentlich zwischen vier und acht Stunden vor den Elft- und Zwölftklässlern - seine Geografieprüfungen gelten als legendär. "Ich hatte in einem Abi-Jahrgang mal 36 Prüflinge", erinnert er sich. Und fügt spitzbübisch lächelnd an: "Da muss man improvisieren, weil einem die Prüfungsfragen ausgehen." Vor wenigen Wochen waren es 16 Gymnasiasten, die dem Team um Gunther Bellmann ihr Geografie-Wissen unter Beweis stellten.

So wie all seine Schüler-Generationen hat auch Gunther Bellmann selbst in Brand-Erbisdorf sein Abitur abgeschlossen. 1973 war das, seine Kindheit und Schulzeit verbrachte er in Lichtenberg und Mulda.

"Mein erster Studienwunsch war Diplomingenieur für Werkstoffprüfung", nimmt er den Faden wieder auf. Förster wäre er auch gern geworden - schrieb aber als Zweitstudienwunsch Lehrer für Chemie/Geografie ins Formular. "Man musste zu DDR-Zeiten einen weiteren Wunsch angeben", erklärt er. Die Fachrichtung aber fiel durch eine Hochschulreform weg, so studierte Gunther Bellmann die Kombination Geschichte/Geografie an der Berliner Humboldt-Universität - das prägte ihn. Er erinnert sich an die Weltoffenheit der Stadt damals schon. An eine, wie er sagt, gediegene fachliche Ausbildung und an Diskussionen, die von den Uni-Dozenten nie weggedrängt wurden.

Eine Erfahrung, die der angehende Lehrer für sich nutzte. Vier Jahre unterrichtete er zunächst an der Oberschule in Döbeln, bevor er 19983 nach Brand-Erbisdorf an die Oberschule mit EOS-Teil wechselte. "Eigentlich wollte ich nach Lichtenberg", erinnert er sich. Aber der damalige Kreisschulrat beauftragte ihn, als Geografie-Lehrer an der EOS zu unterrichten, später kam Geschichte dazu. "Gerade die Militärgeschichte war ein heißes Eisen - ich habe die Dinge offen angesprochen", sagt er. Eingebracht hat es ihm wohl ein Gespräch mit der Staatssicherheit. "Fachlich konnte mir aber keiner etwas falsches nachweisen", sagt er und etwas sinnierend: "Meine Akte habe ich nie angefordert."

Was also über die "wilde Zeit der Wende" möglicherweise darin zu lesen steht, kann er nicht sagen. Dafür aber erzählt er, wie er im Dezember 1989 seinen Schülern frei gab, damit sie in Dresden den damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl live miterleben konnten. Und er lacht, als er vom "Mauerklopfen" mit Schülern im März 1990 auf Westberliner Seite des Brandenburger Tores erzählt.

Ab 23. Mai 1990 leitet Gunther Bellmann nach der Wahl durch das Lehrerkollegium die EOS Brand-Erbisdorf. Am 31. Mai desselben Jahres wird er per Ministerratsbeschluss entlassen - um ab August 90 erneut berufen zu werden. 1992 wird er Schulleiter des Gymnasiums, seit 1997 ist er verbeamtet. Im ersten Brand-Erbisdorfer Kreistag nach der Wende vertritt der Parteilose mit FDP-Mandat die Region.

Zu seinen größten Herausforderungen zählt er den Neubau des Cottagymnasiums mit zweimaligem Baustopp und Zeitverzug. 1997 öffneten sich die Türen des Neubaus für die Schüler. "Herausforderung waren auch die Schülermassen, die wir bewältigt haben", so der Chef. In Spitzenzeiten - etwa 2003/04 waren es um die 1350 Schüler und bis zu acht Parallelklassen. Auch der zu händelnde Schulbusverkehr war für Gunther Bellmann, wie er sagt, "Abenteuer" seiner Arbeit.

Ein Credo hat den Schulleiter immer begleitet: "Schüler sind gleichberechtigte Partner." Man muss ihnen ihren guten Kern bewusst machen - und das ohne viel böse Worte, meint er. Sachlichkeit in der Debatte ohne Emotionen nennt er das. Und: "Von vielen Schülern kommt viel zurück", hat er erfahren.

Aus Sicht des Landesamtes für Schule und Bildung geht mit Gunther Bellmann ein "von allen Seiten geschätzter Kollege in den Ruhestand. Immer hatte er ein offenes Ohr für Schüler, Kollegen und Eltern", heißt es von Sprecher Roman Schulz. Gunther Bellmann hat sich für die Schullandschaft in Brand Erbisdorf große Verdienste erworben.

Nun will er erst einmal nacharbeiten - in Haus und Hof, aber auch die Lichtenberger Chronik, denn dort ist er Ortschronist. Seine vier Enkel bekommen ebenso Zeit - die er bisher nicht immer hatte. Und vielleicht gibt es ja irgendwann ein Buch aus seiner Feder über all die Schulgeschichten, die unerzählt geblieben sind.

Wer den Staffelstab aus den Händen Gunther Bellmanns nun übernimmt, dazu will sich das Landesamt aufgrund des noch laufenden Verfahrens derzeit nicht äußern, teilte es gestern mit.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...