Schulsozialarbeiter sind auf dem Land Mangelware

Sie hören zu, vermitteln und stehen jungen Leuten helfend zur Seite. Der Bedarf an sozialen Fachkräften steigt - nicht jede Stelle kann besetzt werden.

Rechenberg-Bienenmühle/Freiberg.

Stress mit den Eltern und keine Lust auf Schule? Nicht selten hadern junge Leute in der Pubertät mit sich und ihrem Umfeld. Ganz zu schweigen vom steigenden Einfluss durch Internet und soziale Medien. "Oft sind es häusliche Probleme, die die Schüler nicht lösen können. Sie bringen sie mit in die Schule und stören in Extremfällen den Unterricht", sagt Andreas Schmieder.

Der erfahrene Leiter der Oberschule Rechenberg-Bienenmühle kennt die Fälle von Lernverweigerung aufgrund persönlicher Schwierigkeiten, denn unter den 280 Mädchen und Jungen der Oberschule sind auch Kinder aus Wohngruppen - vorübergehend das Zuhause einiger. "In solchen Fällen konnten wir auf die Unterstützung unseres Sozialpädagogen zählen", so Schmieder. Dieser habe ebenso an der Seite der Lehrer unterstützend gearbeitet wie präventiv. Doch seit längerem ist die Stelle in Rechenberg-Bienenmühle unbesetzt - wie auch zwei andere in Mittelsachsen, heißt es aus der Pressestelle des Landkreises. An der Finanzierung liege es jedoch nicht: Melden die Schulen Bedarf an Schulsozialarbeit an und werde dieser durch den Landkreis bestätigt, würden die Personalkosten der Fachkräfte an Oberschulen in öffentlicher Trägerschaft zu 100 Prozent gefördert, erklärt Kreissprecher André Kaiser. An anderen Schulformen seien es bis zu 80 Prozent.

Andreas Schmieder sieht den Grund für die unbesetzte Vollzeitstelle an seiner Schule vor allem in der ländlichen Gegebenheit. "Je weiter wir von den Ballungszentren weg sind, umso schwieriger wird es, jemanden zu finden. Dazu kommt noch der Fachkräftemangel", bestätigt Jens Klafki, Gesamtleiter des Don Bosco Jugend-Werks Sachsen. Der freie Träger der Behinderten- und Jugendhilfe hat ebenso wie beispielsweise der Berufsausbildungsförderverein in Brand-Erbisdorf Fachkräfte, die an Schulen tätig sind. "Mehr als die Stellen auszuschreiben, können wir nicht tun", sagt Klafki. Acht Sozialarbeiter des Trägers seien an Schulen in Mittelsachsen tätig, der Bedarf steige an. Grundlage für den Einsatz ist das Konzept für Schulsozialarbeit im Landkreis. Den Bedarf melden die Schulen an.

"Zum 1. Januar gibt es 38 Projekte der Schulsozialarbeit", erklärt Landkreissprecher André Kaiser. Auch Schulen, in denen die Mädchen und Jungen besondere Förderung beim Lernen sowie in der emotionalen und sozialen Entwicklung brauchen, benötigten neben den Oberschulen Sozialarbeiter.

An Oberschulen in Freiberg, Mittweida und Flöha sind jeweils zwei Sozialarbeiter in Teilzeit tätig. In Freiberg sei das Verfahren zur Stellenbesetzung aber noch nicht abgeschlossen. Hohe Schüleranzahlen, die Integration von Kindern mit Migrationshintergrund, ein größerer Bedarf an Beratung und Hilfe sowie verstärkte Elternarbeit - der Kreissprecher zählt vielfältige Probleme als Gründe für erhöhten Bedarf auf. Neu auf der Prioritätenliste für einen Schulsozialarbeiter ist ab 2020 die Freiberger Grundschule "Clemens Winkler".

An 91 allgemeinbildenden Schulen im Landkreis gebe es keine Schulsozialarbeit. Für 2020 jedoch seien die Mittel entsprechend der jährlichen Anträge ausgeschöpft.


"Ich darf dazu beitragen, Kindern wieder ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern"

Kristin Gelbricht ist von Beruf Diplom-Sozialpädagogin. Seit 2013 arbeitet sie an der Oberschule Brand-Erbisdorf als Sozialpädagogin und seit 2016 als Schulsozialarbeiterin. Träger ist der Berufsausbildungsförderverein Brand-Erbisdorf. Finanziert wird ihre Stelle über den Freistaat.

Welche Aufgaben sehen Sie als die wichtigsten Ihrer Tätigkeit an?

Kristin Gelbricht: Das Arbeitsfeld ist sehr vielfältig. Zu meinen Hauptaufgaben zählen unter anderem die Einzelfallhilfe, Beratung, Präventionsarbeit, aber auch die Krisenintervention und die Gemeinwesenarbeit.

Wenden Sie sich auch an die Eltern, wenn ja, in welchen Fällen?

Die Elternarbeit ist eine wichtige Voraussetzung für gelingende Schulsozialarbeit. Ich versuche eine partnerschaftliche Elternarbeit aufzubauen, um gemeinsam mit der Schule Schwierigkeiten im Schulalltag und Probleme zu lösen. Das ist umso erfolgreicher, wenn ich es schaffe, die Eltern bzw. das familiäre Umfeld des Schülers mit "ins Boot" zu holen. Vor allem, wenn es um schuldistanziertes Verhalten, Schwierigkeiten im Elternhaus, Stärkung des Selbstbewusstseins und Präventionsarbeit geht.

Was bereitet Ihnen in der Arbeit Freude?

Ich darf dazu beitragen, Kindern wieder ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern, wenn alles hoffnungslos scheint. Wenn sie glauben, dass sie selbst nicht die Kraft haben, ein Problem zu lösen, habe ich die Chance, sie zu motivieren. Wir versuchen gemeinsam, den Stein Stück für Stück aus dem Weg zu räumen. Kinder sind sehr dankbar für jegliche Unterstützung. Manchmal reicht es schon, ihre Sorgen anzuhören, damit sie sich besser fühlen. Ich lerne viele Schüler mit unterschiedlichen Stärken, Vorstellungen und Ideen kennen und kann sie durch die Mitarbeit im Schülerrat bestärken, aktiv zu werden und sich für andere einzusetzen.

Was sind Ihre Erfolge und was gilt für Sie als Misserfolg?

Als Erfolg zählen für mich in erster Linie Vertrauen und konsequentes Handeln aller am Hilfeprozess Beteiligten. Ich freue mich besonders, wenn ich Kindern helfen kann, wieder zuversichtlich zu sein und den oft schweren Rucksack mit Problemen leichter werden zu lassen. Misserfolge gehören auch zur sozialen Arbeit dazu. Ein Misserfolg ist für mich, wenn meine Erwartung an ein Hilfsangebot höher war, als das, was ich erreicht habe. Zugleich ist es aber auch die Chance, beim nächsten Mal einen anderen Lösungsansatz zu wählen.

Welche Schwerpunkte und Probleme beobachten Sie zunehmend bei Schülern? Wie versuchen Sie, diesen entgegenzutreten?

Ich kämpfe schon seit Jahren für einen respektvollen Umgang miteinander. Mit dem Schülerrat wurden viele Projekte organisiert, um schon in Klasse 5 und 6 präventiv tätig zu werden. Ein weiteres Problem ist die unsachgemäße Nutzung sozialer Medien. Die meisten Kinder erhalten in Klasse 5 ein Smartphone und haben freien Zugang zum Internet, ohne zu wissen, welchen Gefahren sie sich aussetzen. In Zusammenarbeit mit der Polizei leisten wir Aufklärungsarbeit. Zukünftig richtet sich das Angebot auch an die Eltern. ar

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