Seit 20 Jahren ein Zuhause auf Zeit

Kinder mit einem schwierigen Start ins Leben finden in einer Wohngruppe in Niederbobritzsch Geborgenheit. Dort werden sie intensiv betreut.

Niederbobritzsch.

Die Apfelernte fällt in diesem Jahr an vielen Orten nicht gerade üppig aus. Entsprechend gedämpft sind die Erwartungen von Julia Pergande und der kleinen Besucherschar gewesen, als sie auf das Gelände des Hofes am Alten Fernweg in Niederbobritzsch kamen, um Äpfel zu pflücken. Julia Pergande ist seit Januar die Leiterin einer Intensivpädagogischen Wohngruppe für Kinder und Jugendliche mit der Kinderarche Sachsen als Träger, die in der Nachbarschaft des Hofs zu finden ist.

Im Mai 1999, zog man mit diesem Angebot in das alte Schulgebäude von 1837. Die damals acht Erstbewohner kamen aus dem ehemaligen Jugendhilfezentrum in Bräunsdorf. Hier fanden die Kinder, die aus unterschiedlichen Gründen für kürzere oder längere Zeit aus ihren Familien herausgenommen wurden, eine Heimstatt, die es ihnen ermöglicht, in einem reizarmen und natürlichem Umfeld unter fachlicher Betreuung durch Pädagogen zu leben und zu lernen. Bei diesem Konzept ist es geblieben. Derzeit leben hier fünf Jungen. Der Jüngste ist acht, der Älteste 17 Jahre alt. Fünf pädagogische Fachkräfte und ein Hausmeister komplettieren das Bild.

Dass man zu Wochenbeginn nach Äpfeln suchte, hat seinen guten Grund, denn am gestrigen Freitag feierte man das 20-jährige Bestehen. Und da wollte man selbstgepressten Apfelsaft präsentieren. Und so schlecht fiel die Ernte dann doch nicht aus. Mit dabei war auch Erzieherin Elaine Löffler, der vor allem am Herzen liegt, dass die Kinder die Nähe zur Natur intensiv erfahren. Löffler kam vor drei Jahren dazu. "Ich selbst ernähre mich vegetarisch", sagt sie. "Im Gespräch mit den Kindern habe ich gemerkt, dass manche gar nicht wussten, woher die Lebensmittel kommen und was in ihnen enthalten ist."

Als Teil des pädagogischen Konzepts begann man, sich damit auseinanderzusetzen, besuchte landwirtschaftliche Betriebe und baute gemeinsam mit dem Hausmeister aus einem alten Schuppen ein perfektes Hochbeet, auf dem nun abwechselnd Erdbeeren, Kräuter oder Salat wachsen. Für dieses Projekt erhielt die Wohngruppe 2017 einen Preis, verbunden mit einer Prämie, die in ein Gewächshaus investiert wurde.

Dreimal sah es in der Geschichte der Wohngruppe nicht gut für ihr Fortbestehen aus. 2002 waren es die Naturgewalten der Flut, welche das Haus bedrohten. Glücklicherweise erreichte das Wasser lediglich die Haustürschwelle, und so blieb es bei einer Nacht, in der alle Bewohner evakuiert werden mussten. Sechs Jahre später sorgte die Reduzierung von Plätzen in der Jugendhilfe dafür, dass die Wohngruppe geschlossen werden musste und erst 2010 mit dem Einzug der Therapeutischen Intensivgruppe Berthelsdorf wieder öffnete. 2013 war es wieder das Wasser, das für Probleme sorgte. Eine weitere Flut schnitt das Haus zeitweise sogar völlig von der Umgebung ab.

Die Kinder, die hier ein Zuhause finden, haben einen komplexen Hilfebedarf, entstanden aus frühen Traumatisierungen und besonders kritischen Entwicklungsverläufen, aus denen sich psychische Störungen bildeten und ihre Integration beeinträchtigen. Unterstützung erfahren sie nicht nur von ihren Betreuern vor Ort. Motorradfreunde nehmen sie immer wieder einmal mit auf eine Bikerausfahrt, eine Familie bastelt mit ihnen oder unternimmt Ausflüge in die Natur. Auch zur Gemeindeverwaltung besteht eine enge und gute Beziehung. Für all das sagen Kinder und Betreuer zum Jubiläumsfest Danke. "Dazu luden wir viele Gäste ein", erzählt Julia Pergande. Darunter waren auch andere Wohngruppen der Kinderarche, die ein Programm aufführten. Und natürlich stellte die Einrichtung sich den Interessierten an diesem Tag vor. "Unser Naturkonzept steht dabei im Mittelpunkt", sagt Julia Pergande.

Es zeigt sich ein Miteinander der Bewohner, wenn sie hölzerne Archen basteln oder herumtollen im großen Garten hinter dem Haus. Die vielen Gäste erlebten die Arbeit, die in der Wohngruppe geleistet wird, und konnten sehen, wie das pädagogische Konzept Früchte trägt.

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