So ein Theater im Klassenzimmer

In Brand-Erbisdorf finden das sogar die Lehrer gut. Sie haben sogar selbst mit dafür gesorgt. Am Ende spricht der Beifall Bände.

Brand-Erbisdorf/St. Michaelis.

Als es richtig losgeht, ist schlagartig erwartungsvolles Schweigen in dem Klassenzimmer der Förderschule "Clemens Winkler" im Brand-Erbisdorfer Stadtteil St. Michael. Eben noch haben die rund 25 Kinder der Klassen 4 bis 6 ein wenig getobt, sind hin und her gesprungen, haben Bälle umher geworfen, gelacht, Witze gerissen. Doch dann ist mit einem Mal Stille. Und zwar genau von dem Moment an, als Almut Buchwald und Robert Kapelle vor ihnen Platz genommen haben. Die beiden sind Schauspieler am Mittelsächsischen Theater. Nun spielen sie den Kindern eine Unterrichtsstunde lang ein Stück vor.

Gegeben wird an diesem Montag der erste Teil einer szenischen Lesung von Peter Härtlings Kinder- und Jugendgeschichte "Djadi, der Flüchtlingsjunge". Von Anfang an zeigen die beiden Schauspieler, was in ihnen steckt, arbeiten präzise nicht nur die Tragik der Handlung, sondern auch ihre durchaus vorhandenen humoristischen Aspekte heraus. Djadi kommt aus dem syrischen Homs allein über das Mittelmeer nach Deutschland, wird dort in einer Wohngemeinschaft aufgenommen und erlebt allmählich Integration. Dabei muss er sich aber seinen Ängsten stellen, den psychischen Schäden, die er aus einem Kriegsland mitgebracht hat, noch verstärkt durch die Grausamkeiten der Flucht. Nicht nur Hilfe und Verständnis erwarten ihn in Deutschland, sondern auch Ablehnung und der Amtsschimmel. Bei all dem lernt nicht nur der Junge viel dazu, sondern auch die Deutschen, die sich seiner annehmen.

Neben den Schülern und Lehrern sitzt im Publikum auch Francois Maher Presley, Vorstandsvorsitzender der nach ihm benannten Stiftung aus Hamburg. Ihm ist dieser Ausflug des Theaters in ein Klassenzimmer zu verdanken. "Insgesamt haben wir für diese Spielzeit 1000 Anrechte genehmigt", so Presley. "40 davon allein für diese Förderschule." Ein Anrecht beinhaltet drei Theatertickets, es partizipieren also insgesamt 120 Kinder in Brand-Erbisdorf von diesem und weiteren Angeboten. Doch auch in Freiberg, Roßwein, Waldheim oder Rochlitz freuen sich Förderschüler über diese Möglichkeit. "Einmal ins Theater gehen ist etwas Besonderes", meint Francois Maher Presley. Und er verbindet damit die Hoffnung, dass die Kinder später diese Kultureinrichtung regelmäßig nutzen.

Der Beifall, den die beiden Schauspieler am Ende erhalten, spricht Bände. "Das war richtig cool", sagt etwa Teo Bogotoiu. "Und außerdem macht es schon sehr nachdenklich." Teo ist zur Hälfte rumänischer Herkunft, und auch wenn er nicht nach Deutschland fliehen musste, so kennt er im Kleinen doch ein paar Probleme, und sei es das Buchstabieren des Nachnamens. Sein Kumpel Thomas Brabetz ist ein halber Tscheche. "Auch deshalb habe ich überhaupt keine Probleme mit Ausländern", meint er. Er freut sich schon auf den Mittwoch, wenn der zweite Teil der Inszenierung gezeigt wird. Und Leon Joel Arnold ist ebenfalls gespannt. Er sieht Probleme mit Ausländern nur dann, wenn die sich nicht benehmen. "Aber das gilt ja auch für Deutsche", sagt er.

Für Schulleiterin Ute Schnabel ist der Auftritt des Theaters wichtiger Bestandteil des Unterrichts. Zum ersten Mal findet so eine Aufführung an der Förderschule statt. "Das ist spannend, auch weil das Thema so polarisiert", sagt sie. "Damit wollen wir auch weg von jeder Form der Pauschalisierung", so Schnabel. Das sei zudem ein Baustein auf dem Weg zur demokratischen Entwicklung der Kinder.

Almut Buchwald und Robert Kapelle haben sich ihren Applaus in jedem Falle verdient. Mit viel Hingabe und noch mehr Können zogen sie die Zuschauer in ihren Bann.

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