So studierte es sich vor 60 Jahren an der Bergakademie

Schon gehört?
Sie können sich Ihre Nachrichten jetzt auch vorlesen lassen. Klicken Sie dazu einfach auf das Play-Symbol in einem beliebigen Artikel oder fügen Sie den Beitrag über das Plus-Symbol Ihrer persönlichen Wiedergabeliste hinzu und hören Sie ihn später an.
Artikel anhören:

Wie geht die Technische Universität Fragen der Zukunft an und welche Rolle spielt dabei die Stadt Freiberg? In loser Folge gibt "Freie Presse" einen Einblick in Wissenschaft und Studentenleben. Heute: Absolventen und ihre Erinnerungen.

Freiberg.

Zuerst feierten Klaus Zschoke und seine Frau Diamantene Hochzeit, kurz danach bekam er sein Diamantenes Diplom. 60 Jahre ist es her, dass er seinen Abschluss im Gasfach an der Bergakademie Freiberg gemacht hat. Zusammen mit 15 weiteren Männern und einer Frau. Inzwischen sind fünf von ihnen verstorben, zu einem gibt es keinen Kontakt. Doch elf Absolventen konnten im Sommer ihre Jubiläumsurkunde in den Händen halten.

Wegen der Pandemie kamen die Urkunden per Post. So mancher wunderte sich nach so vielen Jahren über das Päckchen von der Hochschule, erzählt Klaus Zschoke: "Einige dachten, die Bergakademie hätte ihnen alte Unterlagen geschickt."

Der Inhalt war jedoch erfreulicher: Neben der Urkunde bekam jeder ein Gruppenfoto von 1960, einen Freiberger Bauerhasen und eine Tasse mit dem Logo des Lehrstuhls Gas- und Wärmetechnische Anlagen. Stefanie Preißler, bis Jahresende für die Alumni zuständig, sagt: "Pro Jahr betreuen wir etwa drei bis vier Seminargruppen mit rund 30 bis 50 Jubilarinnen und Jubilaren an der TU Bergakademie Freiberg, die tatsächlich das Diamantene Diplom erhalten. Es ist also ein recht seltener Ehrentag."

Nach dem fünfjährigen Studium mit Praxisphase gingen die Absolventen verschiedene Wege in ganz Deutschland: Wissenschaft, Energieversorgung, Braunkohlenverarbeitung, öffentliche Verwaltung ... Das Gasfach war relativ neu, die Fachleute aus Freiberg gefragt.

Vieles hat sich seit ihrer Studentenzeit geändert, doch manches ist gleich geblieben. So erinnert sich Klaus Zschoke daran, wie er und einige Kollegen durch eine Matheprüfung rasselten: "Wir dachten, wir könnten das." Doch 60 Jahre nach dem Abschluss trägt ihnen das niemand mehr nach.


"Wir sind das ganze Studium über zusammengeblieben"

Klaus Zschoke wollte nach der Schule in Freiberg bleiben. Und er wollte etwas Technisches studieren. 1953 gründete die Bergakademie zwei Gasinstitute, zwei Jahre später begann Zschoke sein Studium im Gasfach. Und blieb bis zu seinem 65. Lebensjahr an der Hochschule.

Was war zu seiner Studentenzeit anders? Klaus Zschoke: "Wir hatten Seminargruppen mit einem festen Stundenplan und sind das ganze Studium über zusammengeblieben." Viele Strukturveränderungen hat er miterlebt. Bei der Hochschulreform bis 1971 schaffte die DDR-Regierung die Institute ab und bildete sozialistisch ausgerichtete Sektionen. "Wer eine Kette mit einem Kreuz trug, durfte dann auf sein Leistungsstipendium verzichten", erinnert sich Zschoke.

Seine Arbeit als Wissenschaftler habe das aber nicht gestört. Er blieb Mitglied der Kirche, trat nicht in die Partei ein, und konnte nach 1989 ohne Unterbrechung weitermachen. Ein Leben an der Bergakademie. "Ich bereue es auf keinen Fall", sagt der 85-Jährige heute. Er erforschte, wie sich Erdgas mit geringem Methangehalt sinnvoll fördern und nutzen lässt. Die Forschungsanlagen waren teuer, Zschoke und Kollegen fanden eine Lösung: Sie versorgten nahegelegene Landwirtschaftsbetriebe mit dem Rohstoff.

Inzwischen hat Klaus Zschoke eine Ausstellung von historischen Gasgeräten aufgebaut, die individuell und von Gruppen besichtigt werden kann. (eva)

Kontakt: 03731 768225, E-Mail: zschoke@gmx.net

 


"Es gab einen guten Zusammenhalt"

Dieter Irmer wollte ursprünglich Metallhüttenkunde studieren. Seine Familie stammte aus Großschirma; Verwandte arbeiteten in der Hütte Halsbrücke. Doch im Wunschfach war kein Platz frei. Die Bergakademie empfahl stattdessen das Gasfach. Schnell fand er daran Gefallen, erzählt der heute 84-Jährige: "Mit einer Gruppe von acht Studenten wurde ich für ein Jahr zum Vorpraktikum ins Gaswerk Chemnitz geschickt. Dort faszinierte mich besonders die Erzeugung , Aufbereitung und Anwendung des Gases."

An seine Studienzeit denkt er gerne zurück: "Es gab einen guten Zusammenhalt." Alle auswärtigen Studenten wohnten im Studentenwohnheim: zunächst in der Chemnitzer Straße, später in der Heinrich-Heine-Straße. Dort teilten sie sich zu viert zwei Räume: "Wir sind auch gemeinsam zu den Vorlesungen gelaufen. Dass man schwänzte, gab es eigentlich nicht."

Auch damals machten Studenten mal Blödsinn, so Dieter Irmer: "Einmal sind wir mit Schuhen und Hosen durch den Springbrunnen. Und berühmt war das Löwenreiten auf dem Obermarkt." Letzteres ist immer noch Brauch an der Bergakademie. Vor solchen Späßen stand meist der Besuch im "Singenden Wirt" in der Nonnengasse und im sogenannten "Tivoli am Hang" nahe Obermarkt.

Beruflich ging es für Dieter Irmer zum Chemnitzer Energieversorgungsbetrieb. Als Betriebsabteilungsleiter und Betriebsleiter sorgte er für sicheren Bau und Betreuung der Anlagen. Die Grundlagen aus dem Studium seien wichtig gewesen, sagt Dieter Irmer: "Sie waren Voraussetzung für eine erfolgreiche praktische Tätigkeit." (eva)


Berühmte Ehemalige

Seit mehr als 250 Jahren hinterlassen frühere Studenten der Bergakademie auf der ganzen Welt ihre Spuren. Der wohl bekannteste Absolvent ist Alexander von Humboldt (1769-1859). Im Jahr 1792 schloss er nach nur acht Monaten sein natur- und montanwissenschaftliches Studium ab. Er veröffentlichte Schriften zu unterirdischen Gasarten und zu Farnen, Moosen und Pilzen unter Tage. Seine späteren Forschungsreisen, insbesondere nach Südamerika, gingen in die Wissenschaftsgeschichte ein.

Siegmund August Wolfgang Freiherrvon Herder (1776-1838) kam 1797 an die Bergakademie. Der Sohn des Weimarer Dichters Johann Gottfried Herder schlug danach eine Beamtenlaufbahn ein und wurde 1826 zum Königlich Sächsischen Oberberghauptmann ernannt. Er sorgte für zahlreiche technische Verbesserungen und gilt als Vordenker des Rothschönberger Stollns zur Entwässerung des Freiberger Reviers. Sein Studienfreund Georg Philipp Friedrich Freiherr von Hardenberg (1772-1801) begann ebenfalls 1797 sein Studium. In Freiberg legte er sich den Namen Novalis zu, unter dem er als Dichter der Frühromantik bekannt wurde. In seinen Liedern finden sich viele Vergleiche aus dem Bergmannsleben, stets suchte er die Verbindung von Wissenschaft und Philosophie. Außerdem arbeitete der vielseitige Wissenschaftler in der Salinendirektion in Weißenfels an der Saale und war an der ersten geologischen Vermessung der Region in Thüringen beteiligt. (eva)

 

https://tu-freiberg.de/universitaet/

 

 

historische-persoenlichkeiten

 

Heutige Absolventen bleiben über das Alumni-Netzwerk mit der TU Bergakademie in Kontakt. Es organisiert besondere Veranstaltungen, bringt Ehemalige mit heutigen Studenten zusammen und veranstaltet Stammtische bestimmter Fachrichtungen. Kontakt: alumni@zuv.tu-freiberg.de

30 Tage für 20,99€ 0€ testen
Testen Sie die digitale Freie Presse unverbindlich.
Erhalten Sie Zugriff auf alle Inhalte auf freiepresse.de
(inkl. FP+ und E-Paper). (endet automatisch)
 
30 Tage für 20,99€ 0€ testen
Zugriff auf alle Inhalte auf freiepresse.de und E-Paper. (endet automatisch)
Jetzt 0€ statt 20,99 €
00 Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.