Sparkassenbus: Die letzte Chance - und dann?

Noch ist unbekannt, wo das Sparkassenmobil im kommenden Jahr hält. Das sorgt für Verunsicherung, aber nicht nur, wie ein Vorortbesuch der "Freien Presse" bei einem Halt in Voigtsdorf zeigt.

Voigtsdorf.

Wann der Sparkassenbus in Voigtsdorf hält, weiß Edith Bork genau. Die 79-Jährige nutzt ihn gern und regelmäßig, um Geld abzuheben oder Kontoauszüge auszudrucken. So auch diesen Donnerstagmorgen. Sie ist eine von etwa zehn Kunden, die den Bus in anderthalb Stunden aufsuchen.

Die Kritik an dem Bus mit der ausklappbaren Treppe teilt sie nicht. Kürzlich wurde in einem Leserbrief an die "Freie Presse" moniert, dass der Bus weder behindertengerecht, barrierefrei noch seniorengerecht sei, der Handlauf des Geländers nach unten zu kurz sei und dadurch Sturzgefahr bestünde. Mit dem Bus sei sie zufrieden, sagt die Voigtsdorferin, die selbst 30 Jahre bei der Sparkasse gearbeitet hat.

Aber dass die nächstliegende Filiale in Sayda geschlossen werden soll, "finde ich schon schäbig", sagt sie. "Viele Ältere haben kein Auto mehr. Wie sollen die denn ihre Rente abholen?", fragt sie. Bus 738 fährt von Voigtsdorf sowohl nach Sayda als auch nach Mulda. "Aber in Sayda gehört eine Sparkasse hin", findet Edith Bork. Auch Sonnhild Große, 83, holt ihr Geld am Sparkassenbus. Kurze Strecken fährt sie noch mit dem Auto, aber bis Mulda - dort befindet sich ab 1. Januar 2020 die nächstliegende Sparkasse - sind es zehn Kilometer.

Früher gab es sowohl in Voigtsdorf als auch im benachbarten Dorfchemnitz eine Sparkasse. Erst wurden jeweils die Öffnungszeiten eingeschränkt, dann erst die Filiale in Voigtsdorf geschlossen, dann die in Dorfchemnitz. Ende des Jahres soll die Filiale der Stadt Sayda eingespart werden. Im Gegenzug will das Kreditinstitut eine neue Direktfiliale in Flöha eröffnen und den Tourenplan des Sparkassenbusses erweitern. Wo der Bus künftig hält und ob er auch 2020 nach Voigtsdorf kommt, dazu gibt es keine Information.

Johannes Kreher, 87, kommt an dem kalten Donnerstagvormittag mit dem Fahrrad zum Sparkassenbus. Alle 14 Tage holt er Geld und gibt Überweisungsscheine ab. "Wenn ich den Bus mal verpasse, fahre ich nach Dorfchemnitz. Dort hält er auch", sagt der Senior. Nach Mulda in die nächste Filiale zu fahren - geht ja noch, meint er. Er fahre noch Auto.

Dann kommt eine ältere Frau mit Rollator gelaufen. Sie stellt ihn neben die Treppe und steigt hinauf in den beheizten Bus. "Der Fahrer hilft mir, wenn ich am Automaten zu langsam bin", schildert sie. Ihren Namen will sie nicht in der Zeitung lesen. Manchmal geht sie auch in Sayda zur Bank. "Aber: Die Wahl ist vorbei und jetzt wird alles nach und nach abgeschafft", sagt sie noch. Wobei genau der Fahrer und Sparkassenmitarbeiter den Kunden vor Ort behilflich ist, dazu gibt er keine Auskunft.

Mit dem Sparkassenbus hat Frank Rudolph nichts zu schaffen, aber die Schließung in Sayda findet der Betreiber des Voigtsdorfer Einkaufsmarktes "ganz schlimm". 1999 hat er den Laden von seiner Mutter übernommen. Von Grapefruits bis Gästehausschuhe hat er viel anzubieten; die Voigtsdorfer brauchen nicht in die Stadt zu fahren zum Einkaufen. Er aber braucht eine Bank vor Ort, um seine Einnahmen einzahlen zu können. Das erledigt er bis dato in Sayda. "Die Sparkasse sagt immer, nah am Bürger zu sein. Und dann verziehen sie sich vom Land", ärgert er sich. Nach Neuhausen oder Mulda fahre er künftig nicht, "eher wechsele ich die Bank", sagt Rudolph. Für ihn sei das eine Zeitfrage. Warum kann nicht ein Bankautomat bleiben und im besten Fall noch ein Einzahlungsautomat dazu kommen?, fragt er. Dass die Schließungswelle so plötzlich und so massiv kommt und es keine weiteren Informationen dazu gibt, kann Frank Rudolph nicht nachvollziehen.

Das ist auch für Bürgermeister Thomas Schurig (Freie Wähler) unverständlich. "Die Sparkasse ist für ihr Geschäft selbst verantwortlich", sagt Schurig, der selbst Unternehmer ist. "Aber es ist nicht schön, wenn sie sich als bürgernah betitelt und dann von den Bürgern wegzieht." Ihn ärgert, dass vorab keine Alternativen vorbereitet worden sind. Vor vier Jahren wurde die Filiale in Dorfchemnitz geschlossen. "Ich hatte damals angeboten, die Miete zu erlassen, um die Sparkasse zu halten. Man ist nicht darauf eingegangen", erzählt er. Schurig hofft, dass das Mobil weiter in die Orte kommt, "ansonsten gibt es wieder Ärger."

Dem Vernehmen nach gibt es in Sayda nun Überlegungen, dass Sparkassenkunden künftig auch am Bankautomat der Volksbank Mittleres Erzgebirge gebührenfrei Geld abheben können. Eine solche Idee wurde bereits in Reinsberg geboren: Sparkassenkunden könnten kostenlos den Geldautomaten der VR-Bank Mittelsachsen in Dittmannsdorf nutzen, im Gegenzug könnten VR-Bank-Kunden den Sparkassen-Automaten in Siebenlehn nutzen.

Edith Bork, die ehemalige Sparkassenmitarbeiterin, schlägt vor, die Filiale in Sayda zu erhalten und diese eingeschränkt nur dienstags, donnerstags und freitags zu öffnen.

In unserem Spezial finden Sie alle Beiträge zum Thema Sparkasse in Mittelsachsen.


Sparkasse Mittelsachsen hüllt sich in Schweigen

Bürger werfen Fragen zu den Schließungsplänen der Sparkasse Mittelsachsen (SpM) auf. "Freie Presse" hat nachgefragt:

Ist es richtig, dass Ende 2017 die Schmerzgrenze für den Erhalt einer Filiale der SpM im ländlichen Raum bei 1000 Konten lag?

Ist es richtig, dass nun die Schmerzgrenze für den Erhalt bei 2500 Konten liegt? Warum ist das so?

Ist es richtig, dass die SpM gegenüber Bürgermeistern mitgeteilt hat, dass der Schritt, Filialen zu schließen, unumkehrbar sei?

Warum ist es nicht möglich, zumindest Bankautomaten und Kontoauszugsdrucker in den Filialen stehen zu lassen? Was sind die Hintergründe?

Ist es richtig, dass der Betrieb der Filiale in Großhartmannsdorf nicht defizitär ist?

Warum soll dann diese Filiale geschlossen werden?

Was passiert mit Grundstück und Gebäude in Großhartmannsdorf?

Was genau bietet das Sparkassenmobil an?

Welche Kunden nutzen den Bus?

Welcher Service wird nachgefragt? Es gab Kritik am Zustieg in den Bus.

Hilft der Fahrer den Kunden beim Einsteigen?

In welchen Orten wird der Bus besonders gern genutzt, wo weniger?

Die Antwort aus der SpM-Pressestelle: "Zu den von Ihnen genannten Fragen nehmen wir zum jetzigen Zeitpunkt keine Stellung. Dafür bitten wir Sie um Verständnis." (cor)

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