Stelldichein der gekrönten Häupter

Hier steht, was wirklich wichtig ist. Heute: Die Narren regieren ab morgen die Stadt. Und wohin führt der Zirkus?

Die Sache mit der Monarchie hat sich ja in Deutschland vor genau 100 Jahren aufgrund einer längst überschrittenen Mindesthaltbarkeit erledigt. Doch mit dem Tag, da Wilhelm Zwo die Fliege machte und all die Grafen, Barone und was nicht noch alles ihrer durch Erbfolge schwer erworbenen Pfründe verlustig gingen, war mitnichten Schluss mit gekrönten Häuptern. Und wer das nicht glaubt, der weiß nicht, wie Karneval funktioniert. Und der kommt ab diesem Wochenende auch in unserer Region flott um die Ecke. Mit dem 11.11. um 11 Uhr 11 beginnt die närrische Zeit, und während in kleineren Ortschaften bereits etwas voreilig agiert wird, man die fröhlichen Feiereien schon am heutigen Samstag startet, hält man sich in Freiberg korrekt an die vorgegebenen Zeiten.

Und dabei findet sogar ein Stelldichein der gekrönten Häupter statt, wenngleich ein höchst ungewöhnliches. Während das Prinzenpaar Christoph I. und Teresa I. (Pardon, dass in diesem Fall die Dame an zweiter Stelle genannt wird, aber so ist das nun einmal in Monarchien) korrekt die Machtinsignien, in diesem Fall ihre Narrenkappen, auf dem Kopf tragen, hat das Rathaus, vor dem das fröhliche Spektakel morgen seinen Höhepunkt erlebt, in Ermangelung einer edlen Stirn, sich seine Krone auf die Turmspitze pflanzen lassen.

Man könnte meinen, dass sich die städtische Machtzentrale extra wegen der bevorstehenden Schlüsselübernahme durch den Freiberger Karneval Klub (FKK) die frischpolierten Goldzacken jetzt hat verpassen lassen, doch scheint es sich hier allein um einen glücklichen Zufall zu handeln.

Die herausgeputzte Rathauskrone dürfte zwar weit oben vor sich hin glänzen, doch ob sie den Remmidemmi der Narren zu überstrahlen vermag, das ist eher nicht zu erwarten. Noch dazu die fröhlichen FKK-Legionen sich dieses Mal in Dompteure und Akrobaten verwandeln. Immerhin lautet das Motto für die 34. Saison "Immer heiter - der Zirkus geht weiter!" Und so darf man wohl mit allerlei zirzensischen Attraktionen rechnen, welche den bunten Rahmen dafür bieten, dass, selbst wenn er sich noch so sehr wehrt, der Oberbürgermeister den Rathausschlüssel wird herausrücken müssen. Auch um den obligatorischen Arschledersprung wird der OB kaum herumkommen, diesmal sogar in einer Manege. Zu weiteren Dressuren aber wird er sich mit Sicherheit nicht überreden lassen.

Betrachtet man das diesjährige Freiberger Karnevalsmotto, so fällt auf, dass es doch einigermaßen weit auslegbar ist, denn was genau unter Zirkus zu verstehen ist, bleibt ein wenig verschwommen, selbst wenn einem bei den momentanen Zuständen im Land wahrlich eine Menge dazu einfallen kann. Da war man in der Vergangenheit durchaus konkreter, als man sich mit den Baustellen der Stadt befasste, zur 30-jährigen Jubiläumssaison das Problem fehlender Nacktheit beklagte, Märchenwelten beschwor oder, wie in der letzten Saison, gleich knallhart zum Partnertausch aufforderte.

Doch egal, das Wesentliche am Karneval ist und bleibt der Spaß. Und man darf sich sicher sein, dass die örtliche Narrengilde die Location eines Zirkuszeltes gut dazu nutzen wird, dem Rest der Welt den Spiegel vorzuhalten. Insofern ist das Motto vielleicht eine Selbstverpflichtung des FKK. Denn vor allem mit Blick auf die Büttenveranstaltung im kommenden Jahr zum Höhepunkt der Karnevalssaison erhofft man sich ein gerüttelt Maß an Bissigkeit von den Rednern und Reimeschmieden. Es ist ja nicht so, dass die aktuelle Politik nicht eine Steilvorlage nach der anderen liefern würde. Diese zu nutzen, ist Aufgabe jedes aufrichtigen Narren. Mit ihren Reden zur morgigen Rathausschlüssel-Übergabe können die frisch gekrönten Häupter von Christoph I. und Teresa I. (nochmal sorry) beispielhaft vorangehen. Deshalb, ihr Narren, spitzt eure Zungen und legt kräftig los. Zahnlose Tiger gibt es außerhalb der Manege schon genug. Glücki, Glücki, Auf, Auf!

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