Streit um Dialog am Freiberger Theater

Eine Publizistin und ein Pfarrer haben am 28. März über rechte Christen diskutiert. Die AfD fühlt sich dabei angegriffen.

Freiberg.

Die Auseinandersetzung um die Kunst- und Meinungsfreiheit am Mittelsächsischen Theater eskaliert. In einer Erklärung hat sich die künstlerische Leitung des Hauses gegen Geschäftsführer Hans Peter Ickrath und Freibergs Oberbürgermeister Sven Krüger (parteilos) gestellt. Intendant Ralf Peter Schulze, Generalmusikdirektor Raoul Grüneis, Schauspieldirektorin Annett Wöhlert, Chordirektor Peter Kubisch und Judica Semler als Oberspielleiterin Musiktheater betonen, die Veranstaltung "Dialog - Wir haben die Wahl" am 28.März habe weder ein Neutralitätsgebot, noch den Gesellschaftszweck verletzt. Auch gegen den Gesellschaftsvertrag und den Mietvertrag des Theaters sei nicht verstoßen worden. Ebenso zurückzuweisen sei der Verdacht einer Zweckentfremdung von Steuermitteln.

Entsprechende Vorwürfe hatte AfD-Stadtrat Marko Winter in einer Anfrage an die Stadt thematisiert; Freiberg, Döbeln und der Landkreis sind die Gesellschafter des Theaters. OB Krüger hatte Winter recht gegeben und erklärt, derartige Veranstaltungen widersprächen dem Gesellschaftsvertrag und dürften "in Zukunft nicht mehr in den Räumlichkeiten und in Verantwortung des Theaters organisiert und durchgeführt werden".


Die künstlerische Leitung des Theaters hält das "für einen deutlichen Eingriff in die Spielplangestaltung, den wir entschieden ablehnen". Das inhaltliche Konzept, die Spielplanaufstellung und die künstlerische Umsetzung lägen allein in Verantwortung des Intendanten mit den künstlerischen Leitern. Kunst- und Meinungsfreiheit seien nicht verhandelbar: "Politischer Einflussnahme auf die Theaterarbeit gilt es unmissverständlich entgegenzutreten und sie nicht zuzulassen. Entscheidungen über öffentliche Förderung dürfen nicht als Druckmittel eingesetzt werden, um meinungskonforme oder unkritische Haltungen gegenüber gesellschaftspolitischen Prozessen zu erzwingen."

Das Format "Dialog" sei Teil eines Konzepts zum Kulturpakt 2019 bis 2022, heißt es weiter. Geschäftsführer Ickrath habe die Veranstaltung am 28. März ohne Rücksprache mit dem Intendanten in den Städtischen Festsaal verlegt: "Dieser Eingriff in die konzeptionell bestätigte Theaterarbeit wird von der künstlerischen Leitung weder inhaltlich noch formal mitgetragen."

Das vom FAZ-Journalisten Stefan Locke moderierte Forum mit der Publizistin Liane Bednarz und dem Freiberger Pfarrer Michael Stahl habe keinen wahlempfehlenden Charakter gehabt: "Thema dieser Veranstaltung war weder die AfD, noch eine andere Partei, sondern die Neue Rechte und ihre Wirkungsmöglichkeiten und Wirkungsweisen innerhalb der Kirche und unter Christen."

Die Theaterleute fordern, gemeinsam eine Wahrnehmung zu entwickeln für die Herausforderungen in einer globalisierten Welt: "In dieser nimmt das Theater seine wertebildende Chance wahr, Ideen zu entwickeln für eine auch zukünftig pluralistische, freiheitlich demokratische Wertegemeinschaft - in und für die Stadt Freiberg."

OB Krüger erklärte auf Nachfrage, er sehe die Freiheit der Kunst nicht gefährdet. "In den letzten Tagen wurde vielfach und meist auf Grundlage von falschen Informationen über die Freiheit der Kunst im Allgemeinen und speziell am Freiberger Theater diskutiert." Er habe am 15. Mai mit der künstlerischen Leitung über die gegenseitigen Erwartungen gesprochen. Fazit: Es habe niemals ein Verbot der Veranstaltung gegeben; Kunst- und Meinungsfreiheit seien Grundlage der künstlerischen Arbeit der Theater. "Es gibt aber Grenzen gerade in einem engen Zeitraum vor anstehenden Wahlen. Hier muss zukünftig mit einer größeren Sensibilität von allen Beteiligten darauf geachtet werden, diese nicht zu überschreiten", so Krüger am Mittwoch.

Die Freiheit der Kunst sei in keinem Fall gefährdet, so CDU-Landrat Matthias Damm: "Als Gesellschafter mischen wir uns generell nicht in künstlerische Dinge ein." Es sei hier eine besondere Konstellation für die Verlegung des Veranstaltungsortes gewesen. Die Debatte werde zu einer Veranstaltung geführt: "Es wäre nicht richtig, alles bisherige und zukünftige infrage zu stellen."

Lesen Sie dazu einen Leserbrief auf Seite 11.


Wahlwerbe-Vorwurf gegen Freiberger Theater ruft nationales Echo hervor

Die Taz schreibt in ihrer Online-Ausgabe: "Im sächsischen Freiberg unterbindet die Neue Rechte missliebige Diskussionen. Der Oberbürgermeister knickt vor AfD-Stadträten ein." (jan)

Timo Reinfrank, Geschäftsführer der Amadeu Antonio Stiftung, twitterte:

"Angriff auf die Kunstfreiheit- Im sächsischen Freiberg knickt Oberbürgermeister vor AfD-Stadträten ein. Im Vorwahlkampfes sei 'strikte Neutralität' geboten. Das Mittelsächsische Theater löschte zugleich einen Link zur 'Erklärung der Vielen'."

Eva-Maria Stange, SPD-Kunstministerin in Sachsen, kritisierte im Mitteldeutschen Rundfunk die Entscheidung in Freiberg: "Wenn im vorauseilenden Gehorsam, nur weil eine Partei meint, dass ein Theater Grenzen überschritten hat, solche Veranstaltungen im Theater verboten werden, dann ist das eine Beschneidung der Freiheit von Kunst."

Jana Pinka, Landtagsmitglied der Linken, kündigte für Freitag einen Dringlichen Antrag ihrer Partei im Landtag an: Der Eingriff in die Freiheit der Kunst des Freiberger Theaters müsse beendet werden. (jan)

Bewertung des Artikels: Ø 3.7 Sterne bei 3 Bewertungen
9Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 2
    2
    Blackadder
    23.05.2019

    @franziskamarkzs: Nein, ich meinte diesen Vorfall von 2016:

    https://m.oe24.at/oesterreich/chronik/Identitaere-stuermen-Uni-Rektor-attackiert/239054032

    Der OB hat Diskussionen für die Zukunft untersagt. Das ist das selbe wie verboten.

  • 2
    3
    Franziskamarcus
    23.05.2019

    Blackadder, sie meinen die Veranstaltung, wo Idenditäre friedlich mit Plakat bewaffnet gestört haben und dann vom linken Mob angegiffen wurden?
    Im übrigen steht im Text, das dieser OB gar nix Verboten hat. Richtig lesen müssen sie schon und nicht mit halbwahrheiten Populismus betreiben.

  • 4
    8
    Distelblüte
    23.05.2019

    Die Veranstaltung wurde übrigens nicht verhindert, sie fand statt, und zwar mit Beteiligung einiger Vertreter der AfD, die auch in der anschließenden Diskussion zu Wort kamen.
    Der Bürgermeister hat aber sein Hausrecht als Grund vorgeschoben, um in vorauseilendem Gehorsam zukünftig derartige Lesungen/Veranstaltungen zu verbieten, um Neutralität zu wahren.
    Ich empfehle für die nächsten Lesungen dieser Art Kirchenräume zu nutzen.
    Das hat vor der Wende auch schon gut funktioniert, und der Bürgermeister hält seine Räume frei von störenden Gedanken.

  • 2
    9
    Blackadder
    23.05.2019

    @franziskamarkus: Mir fällt bei Uni nur spontan Klagenfurth in Österreich ein, wo Identitäre eine Diskussion stürmten und den Rektor verprügelten.

    Fälle, in denen ein Bürgermeister einer Einrichtung (Uni, Theater) verboten hätte, eine Diskussion stattfinden zu lassen, weil er von linken Parteien dazu genötigt wurde, kenne ich nicht. Sie können sicher mit Details dienen?

  • 10
    5
    Franziskamarcus
    23.05.2019

    Och Blackadder, in verschiedensten Unis wurden z.b.schon öfters Veranstaltungen abgesagt, gestört oder abgebrochen, weil das Thema einigen nicht gefiel oder die Diskussionsteilnehmer nicht genehm waren. Professoren bedrängt, bedroht, Teilnehmer vor Teilnahmen eingeschüchtet. Siegen, Frankfurt, Hamburg uvm..
    AfD treffen in Bremen, die Partei hat die Email der Absage öffentlich gemacht. Erschreckend. Wird natürlich nirgends thematisiert. Die linken schrecken vor nichts zurück.

  • 4
    11
    Blackadder
    23.05.2019

    @HHCL: "Wie oft sind schon von linken Gruppierungen unliebsame Diskussionen behindert oder verhindert worden? "

    Gute Frage. Können Sie die auch beantworten? In wie vielen Fällen haben Bürgermeister Diskussionsveranstaltungen untersagt, weil linke Parteien oder Gruppen sie dazu genötigt haben?

    Wenn Ihnen meine Beiträge zu einseitig sind, hindert Sie nichts daran, selbst Beispiele zu bringen.

  • 6
    5
    HHCL
    23.05.2019

    Wie oft sind schon von linken Gruppierungen unliebsame Diskussionen behindert oder verhindert worden? Hier ist es mal die AfD, in anderen Fällen sind es andere.

    Diese Methode unliebsames zu verbieten oder in irgendwelche Ecken zu stellen ist leider mittlerweile überall verbreitet und das ist für die Demokratie enorm schädlich.
    Ich stimme ihrem Beitrag ja zu Blackadder, nur ist mir das zu einseitig.

  • 12
    9
    Distelblüte
    23.05.2019

    Ich weiß nicht, @Blackadder. Getroffene Hunde bellen. In diesem ´Fall wieder einmal die AfD, die sich wohl im Thema "Die neue Rechte" wiedererkannt hat, und das nicht zu Unrecht.
    Ich habe das Buch von Liane Bednarz "Die Angstprediger" gelesen, dasThema des entsprechenden Abends in Freiberg war. Es wäre auch mein Lesetipp, um einen genaueren Blick auf die Denkmuster der neuen Rechten, ihre Werte, ihre Mechanismen der Meinungsbeeinflussung zu bekommen.
    Zweiter Buchtipp: "Inside AfD" von Franziska Schreiber. Sie trat, auch aus Protest zu ihrem eher linken Elternhaus, in die JA ein und war dort jahrelang auch eine Führungsfigur. Mittlerweile hat sie die Partei verlassen und legt in ihrem Buch und vielen öffentlichen Auftritten dar, dass die AfD, vor allem aber deren Jugenorganisation JA eher wie eine Sekte geführt wird.

    Die Bücher sind in jeder Buchhandlung zu bestellen. Noch.
    Ich bin mir nicht sicher, ob das so bleiben wird, sollte die AfD einmal mehr Einfluss auf das Kulturgeschehen erhalten als sie sich jetzt schon herausnimmt.

  • 10
    12
    Blackadder
    23.05.2019

    So weit sind wir in Sachsen also schon gekommen, dass Oberbürgermeister vor der AfD einknicken und in den Spielplan von Theatern reinreden. Traurig. Und die AfD fühlt sich doch ständig angegriffen, auch wenn sie gar nicht betroffen ist.

    Im Harz macht die AfD mit einer Pressemitteilung Stimmung gegen die DAK Aktion "Bunt statt Blau" an den Schulen, weil man sich angegriffen fühlt. Hintergrund: Die Aktion will mit Kunstaktionen gegen das Komatrinken bei

    https://www.mz-web.de/sangerhausen/-bunt-statt-blau--afd-schiesst-eigentor-mit-harscher-kritik-an-schulprojekt-32577054Jugendlichen angehen.

    Nächster Fall Freital: ein AfD Abgeordneter verbreitet in den sozialen Medien, er sei in seinem Garten durch eine Brandanschlag verletzt worden. Die Wahrheit verbreitet die Polizei ein paar Tage später: der Komposthaufen war schlecht geschichtet gewesen und Gase hatten sich entzündet!

    https://twitter.com/PolizeiSachsen/status/1130702767025209344

    Ich glaube der AfD schon aus Prinzip gar nichts mehr.



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