Studieren in Krisenzeiten

Viele der 1400 ausländischen Studenten in Freiberg müssen jetzt improvisieren - sie erhalten aber Hilfe.

Freiberg.

Adriana Merino Zamora sitzt in ihrem Zimmer im Wohnheim an der Winklerstraße in Freiberg und schaltet den Laptop an. Etwas wehmütig blickt die 23-jährige Spanierin aus dem Fenster zu den spielenden Kindern der Tagesstätte. Eigentlich wäre sie jetzt auch unterwegs - im Hörsaal oder irgendwo auf dem Campus der TU Bergakademie. Aber die Coronapandemie hat ihr Semester und das ihrer Kommilitonen komplett verändert. Die mehr als 1400 ausländischen Studenten trifft es besonders, weil sie nicht nach Hause fahren können, meist kein Stipendium bekommen und Jobs, mit denen sie ihren Lebensunterhalt verdienen, verloren haben.

Zamora hatte sich nach dem Bachelorstudium der Bergwerkswissenschaft in Madrid für den englischsprachigen Studiengang "International Master of Science in Advanced Mineral Resources Development", also "Fortgeschrittene Mineralressourcen-Entwicklung", beworben, für den sie an verschiedenen Partneruniversitäten studiert. Nach dem ersten Semester im österreichischen Leoben kam sie vor der Krise in Freiberg an. Mit einem Praktikum am Helmholtz-Institut für Ressourcentechnologie verdiente sie sich etwas Geld. Corona veränderte alles. Begegnungen im Hörsaal, Forschungen in der Reichen Zeche waren und sind nicht möglich. Dafür heißt es Mindestabstand, Hygieneregeln, Kontaktbeschränkung. Inzwischen trifft sie einige Kommilitonen wieder und darf mit Mundschutz in die Bibliothek.

Auch mit Marziyeh Sereshti aus dem Iran, mit der sie das Studium in Leoben begonnen hat, tauscht sie sich aus. Beide loggen sich über die sächsische Lernplattform Opal ins Netz ein, können so Lernstoff aufrufen und mit Professor Carsten Drebenstedt von der Fakultät für Geowissenschaften, Geotechnik und Bergbau kommunizieren. Ungewohnt, aber es geht, irgendwie.

Denn ihre Prüfungen müssen sie am Ende ihres Aufenthaltes im August ablegen. Das geänderte Studium ist nicht das einzige Problem. Trotz einer Zusage verzögert sich für Beide die Auszahlung eines Stipendiums über Erasmus, einem Förderprogramm der Europäischen Union. Dazu kommt die Sorge um die Lieben daheim, denn beide Länder und vor allem Zamoras Heimatstadt Madrid sind stark vom Virus betroffen. "Eigentlich wollte mich im April meine Schwester besuchen, aber daraus wurde nichts", sagt die Spanierin. Die Familien seien zum Glück gesund, erkrankte Freunde wieder genesen, erzählen die jungen Frauen, die täglich nach Hause telefonieren oder skypen.

Dass der Lockdown vor dem Semesterstart war, sei das einzig Positive an der Situation, so Ingrid Lange, Direktorin des Internationalen Universitätszentrums. "So hatten wir etwas Zeit, alles zu regeln." Die Mitarbeiter mussten mit Studenten in Kontakt bleiben, die irgendwo gestrandet waren, und Neuankömmlingen das jetzt geforderte selbstständige Online-Studium nahebringen. Jun Chen aus Wuhan in China, die ein Masterstudium der Geoökologie in Freiberg absolviert, war froh, dass es sogar auf Chinesisch Informationen gab. Die Einschränkungen in ihrer Heimatstadt hat sie verfolgt. Inzwischen seien dort alle Einwohner auf das Virus getestet worden. "Gesunde Personen bekommen einen grünen Code auf das Smartphone", sagt Chen. Sie und die anderen Studenten brauchten schnell Unterstützung. Rektorat und Studentenwerk reagierten, stellten Förderungsanträge für Betroffene ins Netz, organisierten kostenlos Mittagessen in der Mensa und die Verteilung von Spenden.

"Mit 70.000 Euro Spenden aus dem Hilfsfonds des Vereins der Freunde und Förderer der TU Bergakademie wurden 120 Studenten unterstützt", sagt Thomas Schmalz, Geschäftsführer des Studentenwerks Freiberg. Bis zu 900 Euro pro Student, aufgeteilt auf drei Monate, sind bis Ende dieser Woche verteilt. "95 Prozent der Antragsteller waren ausländische Studenten, die kein Bafög bekommen", so Schmalz. Viele von ihnen seien auf zusätzliche Verdienste angewiesen. So wie der Doktorand Bin Sadiq Rana Ammad aus Pakistan, der seit fünf Jahren in Freiberg lebt, eine Frau und zwei Kinder zu versorgen hat. Seinen Job als Kellner verlor er mit Beginn der Krise. Jetzt hofft er, dass er bald wieder arbeiten und seine Doktorarbeit in Geotechnik bis Jahresende abschließen kann. Unterstützt wird er von einem Freund, der ihm Geld leiht. Und er hat 250 Euro vom Studentenwerk bekommen. Auch Ammad lebt in ständiger Sorge um seine Familie in Pakistan. Das Gesundheitssystem dort sei nicht mit dem in Deutschland zu vergleichen. Unruhig ist auch Mattheus Roberto Bellé aus Brasilien. Er kam Ende Februar für ein Austauschsemester im Fachbereich Eisen- und Stahltechnologie nach Deutschland und wartet jetzt, verlorene Zeit für Experimente nachholen zu können. Ihn ärgert der oft sorglose Umgang mit der Pandemie in seinem Heimatland. Nach den USA hat Brasilien die zweithöchste Zahl an Infizierten.

Junfeng Zhang aus China studiert noch ein halbes Jahr in Freiberg Nanotechnologie. Beim Ausbruch der Pandemie war er längst in Freiberg. Sein Heimweh kann er nicht stillen, denn seine geplante Reise fällt erst einmal aus. Vom Studentenwerk hat Zhang als Corona-Hilfe einen 40-Euro-Einkaufsgutschein bekommen. Wenn auch nicht viel, etwas hilft es weiter.

Seit dieser Woche stehen für die 57 Studenten- und Studierendenwerke in Deutschland die angekündigten 100 Millionen Euro vom Bundesministerium für Bildung und Forschung bereit. Betroffene können unter www.ueberbrueckungshilfe-studierende.de Anträge stellen. Bedingung: Sie müssen weniger als 500 Euro auf dem Konto haben. Je nach Bedürftigkeit gibt es 100 bis 500 Euro. Ab 25. Juni werden die Anträge vom Studentenwerk bearbeitet. Derweil hoffen Adriana, Marziyeh, Mattheus, Junfeng, Jun und alle anderen, dass bald wieder Leben in Labore und Hörsäle einzieht.

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