Tätowierer kritisieren Krisenmanagement der Stadt

Die Unternehmer fordern eine Aussetzung der Gewerbesteuer und einen Appell an Vermieter. Andere Ladeninhaber teilen die Vorwürfe nicht.

Mittweida.

Wie die meisten Geschäfte in Mittweida ist auch das Tattoostudio Midnight Heat an der Rochlitzer Straße aufgrund der Corona-Krise derzeit geschlossen. Geschäftsführer Marco Kretzschmar und seine Frau Jenny haben deshalb mehrere Pakete mit Atemschutzmasken, Einweghandschuhen und Desinfektionsmittel an die Praxis ihres Hausarztes übergeben. "Wir wollten in dieser Situation ein Zeichen für mehr Solidarität setzen", sagt Jenny Kretzschmar. Ein solches wünscht sich das Paar auch von der Stadt.

Denn staatliche Darlehen reichen laut Marco Kretzschmar nicht aus, um nun fehlende Einnahmen auszugleichen. "Besser wäre es, wenn Steuern erlassen würden", meint er. Von der Stadt fühlt sich das Paar alleingelassen. "Der Bürgermeister hat sich nicht dazu geäußert, wie er kleinen Unternehmen helfen will", so Jenny Kretzschmar. Vom ihm wünschen sich die beiden einen Appell an Vermieter, die Mieten für Geschäftsräume zu mindern. Auch eine Entlastung bei der Gewerbesteuer würde ihnen helfen.

Mit der Bitte um den Erlass von Gewerbesteuervorauszahlungen und Miete seien auch an die Stadt bereits Gewerbetreibende herangetreten, berichtet Oberbürgermeister Ralf Schreiber (CDU). Ob die Gewerbesteuer ausgesetzt oder gemindert wird, könne allerdings nur der Stadtrat entscheiden. Zudem ist der Stadtchef auch um den städtischen Haushalt besorgt. Denn wie viel Steuer ein Unternehmer zahlen muss, hängt von dessen Gewinn ab. "Da ich davon ausgehe, dass in diesem Jahr weniger Gewinn in den einzelnen Unternehmen erzielt wird, muss die Stadt im nächsten Jahr sehen, wie sie die geringere Gewerbesteuer verkraftet und trotzdem ihre Aufgaben vollumfänglich erfüllt", so Schreiber. Er verweist daher auf die für Unternehmer aufgelegten Hilfsprogramme von Bund und Freistaat, die genutzt werden sollten. Die Stadt bemühe sich allerdings um Hilfe für diejenigen Händler, bei denen solche Programme nicht greifen. Mit einem Aufruf an die Vermieter würde er sich einseitig positionieren, erläutert Schreiber weiter. Denn auch die Lage der Vermieter, die vielleicht Kredite zu bedienen hätten, müsse bedacht werden. Für Appelle dieser Art seien Interessenvertreter wie die Industrie- und Handelskammer zuständig.

Liane Rickert, die an den Rochlitzer Straße ein Geschäft für Fotografie und Werbedesign betreibt, kann die Vorwürfe nicht nachvollziehen. Sie hat kurzfristig einen Online-Katalog für die Mittweidaer Händler erstellt und deshalb auch mit vielen Gewerbetreibenden gesprochen. Kritik an der Stadt sei dabei die absolute Ausnahme gewesen. Ihre eigenen Erfahrungen mit der Verwaltung seien positiv. So erscheint der Katalog auch auf der Homepage der Stadt, was diese von sich aus angeboten habe.

Auch Maden Seigerschmidt, Inhaberin des Geschäfts "Seifenstück & Essskulptur", hält die Kritik nicht für angemessen. Sie plädiert an die Eigenverantwortung der Unternehmer. Im kommenden Jahr stehe mit dem Umbau der Rochlitzer Straße ohnehin eine schwere Zeit in Mittweida an. "Die Krise sehe ich als Generalprobe dafür", sagt sie. Mit ihrem Online-Shop habe sie selbst bereits vorgesorgt. "Aber so einen Plan B hat hier leider fast niemand."


Mittweidaer Geschäftsleute schließen sich für Online-Katalog zusammen

Mit einem Online-Shop, unter dessen Dach bereits 15 Geschäfte und Dienstleister aus Mittweida ihre

Produkte und Dienstleistungen anbieten, versuchen Gewerbetreibende der Stadt trotz Schließung ihrer Läden in der Corona-Krise den Kontakt zu den Kunden nicht abreißen zu lassen. Zum Service zählt, dass Kunden im Umkreis von Mittweida versandkostenfrei beliefert werden. Jüngster Neuzugang in dem Online-Katalog ist die Firma Römpp, welche hier Schutzmasken anbietet. Für die Einrichtung des Webshops hatten sich insbesondere die Geschäftsinhaberinnen Madlen Seigerschmidt und Liane Rickert engagiert. Seigerschmidt brachte auch Erfahrungen mit einem Online-Shop für Striegistaler Gewerbetreibende ein. Liane Rickert hatte den Onlinekatalog für die Gewerbetreibenden erstellt, für die Händler sei dieser Service kostenlos. "Auf mich kamen einige Händler zu, welche vor einer Existenznot bedroht sind", so Liane Rickert. Unterstützt wird die Initiative auch vom Gewerbering und der Stadt Mittweida. Wie Madlen Seigerschmidt erklärte, seien über den Online-Shop bereits in den ersten Tagen nach der Freischaltung 78 Gutscheine an Kunden verkauft worden, die in den beteiligten Geschäften eingelöst werden können. Der Katalog soll nach Angaben der Initiatorinnen auch zukünftig nach der Corona-Situation weitergeführt werden. (jl/efh)

https://essskulptur.de


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