Tote Körper: Was Schüler davon halten

Plakate in ganz Freiberg weisen auf eine Ausstellung im Schützenhaus hin, die sicher nicht nach jedermanns Geschmack ist. Gezeigt werden rund 200 Exponate. Die Machart ist anders als die Bilder versprechen.

Freiberg.

Man kann sie kaum übersehen, die Plakate mit der 3D-Ansicht eines muskulösen, sehnigen Körpers. Stutzig macht die Adresse: Die anatomische Ausstellung namens "Echte Körper - von den Toten lernen" ist seit einigen Tagen im Freiberger Schützenhaus an der Chemnitzer Straße zu sehen. Einst ein beliebtes Tanzlokal, steht die Zeit im Schützenhaus seit langem still: Über einen Nebeneingang gelangen Besucher in den Saal, der zwar mit roten Teppichen ausgelegt ist, dennoch kühl und angestaubt ist. Bistrotische stapeln sich in der Ecke, Licht fehlt.

15 Euro zahlen Erwachsene, um die rund 200 Exponate in knapp 30 Vitrinen anschauen zu können. Ein erwachsener Körper beispielsweise ist in mehr als 150 Schnitte zergliedert und wird in fünf aneinander gereihten Schaukästen gezeigt. Auch Organe wie das Gehirn, der Verdauungstrakt, die weiblichen und männlichen Geschlechtsorgane, Wirbelsäule und Extremitäten sowie eine gesunde Lunge im Vergleich zu einer Raucherlunge werden gezeigt. In einem Schaukasten sind Föten von der 11. bis zur 20. Schwangerschaftswoche ausgestellt - leider falsch herum beschriftet.

Die Exponate seien eine Leihgabe der Firma Corcoran Laboratories aus Michigan in den USA, einem Hersteller medizinischer Präparate. Die Firma stelle die Exponate für die Dauer der Ausstellung zur Verfügung. In der Ankündigung der Ausstellung heißt es, die gezeigten plastinierten Körper stammen von amerikanischen Körperspendern, die zu Lebzeiten darüber verfügt haben, dass ihr Körper nach dem Ableben der Ausbildung von Medizinern sowie der Aufklärung von Laien zur Verfügung stehen soll.

"Wir wollen Schülern, Studenten und Azubis im medizinischen Bereich einen Blick unter die Haut gewähren", sagt Robert Sperlich, der die Ausstellung mit zwei Kollegen einen Tag vor der Eröffnung aufgebaut hat. Warum gerade im Schützenhaus? "Andere Veranstaltungsorte in Freiberg waren schon belegt. Dann haben wir das hier gefunden, es angeschaut und jetzt sind wir hier", sagt der Mann aus Mecklenburg-Vorpommern. Schulklassen hätten sich schon angemeldet.

Manuela Erler ist Lehrerin an der Berufsfachschule für Altenpflege und Pflegehilfe in Brand-Erbisdorf. Mit ihrer Ausbildungsklasse hat sie die Ausstellung besucht. "Wir waren nach 20 Minuten wieder draußen. Es war pietätlos, nicht wissenswert und für uns als Nichtlaien eine Katastrophe", lautet ihr Fazit. Das Schützenhaus kenne sie von früher, der Raum passe aber nicht für solch eine Schau, findet sie. Anne Brückner (17) und Sophie Pischel (18) lernen im ersten Lehrjahr den Beruf der Krankenpflegehelfer. Sie haben sich die Ausstellung mit ihren Mitschülern angeschaut. Den Eintritt haben sie aus eigener Tasche bezahlt. "Wir sind mit sehr großen Erwartungen und Interesse hingegangen. Aber die 8 Euro waren absolute Geldverschwendung", sagt Anne Brückner. "Die Vitrinen waren nicht ordentlich sauber und bei einem Exponat gab es gar keine Scheiben. Die Beschriftung fehlte, dafür war ein Zettel rangeklemmt", schildert sie. Interessant und abstoßend zugleich fand sie die beiden ausgestellten Lungen: Mit einer Art Blasebalg kann man die Lungen aufblähen. "Das hat aber getropft und komisch gerochen", erzählt sie.

Sophie Pischel sagt: "Wir hätten uns eine Führung gewünscht, bei der wir unsere Fragen beantwortet bekommen." Normalerweise würden auch Führungen angeboten, sagt Robert Steglich vom Aufbauteam, aber der Mann sei nicht vor Ort. Zur Ausstellungseröffnung war lediglich ein Kassierer da. Er verwies auf Erklärtafeln, auf einen Imagekatalog und auf YouTube, wo man sich alles erklären lassen könne. "Am Telefon wurde uns versprochen, dass die Exponate fachkompetent erklärt werden. Das haben wir uns anders vorgestellt", sagt Ines Stäglich, Leiterin der Berufsfachschule. Sieben Klassen insgesamt sollten die Ausstellung besuchen. Nachdem die ersten Schüler enttäuscht wiederkamen, hat Stäglich weitere Besuche abgesagt. "Im Unterricht ist Ethik ein Thema. Die Ausstellung hat für uns aber die Ethik in Frage gestellt", sagt sie. Normalerweise organisiere sie Ausflüge ins Hygienemuseum oder ins pathologische Institut, um die Anatomie für Schüler anschaulicher zu machen. Dann sah sie die vielen Plakate von der Schau in Freiberg und dachte, das wäre eine Bereicherung. "Die Plakate entsprechen aber nicht dem, was zu sehen ist", ärgert sich Manuela Erler. Wie viele Besucher nach vier Ausstellungstagen kamen, vermochte Samantha Weber vom Ausstellungsteam am Dienstag nicht zu sagen, vier Schulklassen mit jeweils 20 Schülern wären da gewesen.

Die Ausstellung ist bereits in einigen deutschen Städten gezeigt worden, auch in Werdau, Limbach-Oberfrohna, Zwickau und Chemnitz. "Wir sind zehn Monate im Jahr damit unterwegs. Um Weihnachten machen wir Pause und arbeiten manche Sachen auf", sagt Robert Sperlich. Die nächsten Stationen seien Eschwege in Hessen und Brilon in Nordrhein-Westfalen. Wer mehr über die Schau erfahren will, muss sie besuchen. Die Webseite zur Ausstellung führt ins Nichts.

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