Turmhofkino ohne Happy End

Das am 28. August 1920 eröffnete Freiberger Haus wird seinen 100. Geburtstag nicht erleben. Das Gebäude wurde im vorigen Jahr abgerissen. Doch seine Geschichte ist nicht vergessen.

Freiberg.

Im Stadtarchiv wird Geschichte lebendig: Beim Stöbern in sorgfältig zusammengetragenem Material von der alten Akte über das Filmplakat bis hin zu Zeitungsausschnitten ist "Freie Presse" auf fündig geworden. Hier ein paar historische Schmeckerchen.

"Lichtspieltheater mit großstädtischem Zuschnitt": Zur Eröffnung der Turmhof-Lichtspiele am 28. August 1920 schrieb der "Freiberger Anzeiger" zwei Tage später: "Freiberg besitzt nunmehr auch ein Lichtspieltheater nach großstädtischem Zuschnitt. Ein großer hoher Raum in sattem Rot und hellbrauner Tönung gehalten, bequeme Sitzreihen, breite Gänge, dazu Seiten- und Mittelrang, reichlich Ein- und Ausgänge. Wie bei den großstädtischen Kinos wird die Projektionsfläche von einem zurücktretenden Proszenium (Bereich einer Theaterbühne - Red. ) umrahmt, in deren Vertiefung der Orchesterraum eingebaut ist. ... Zu dem mehr als 600 Personen umfassenden Theaterraum leitet ein geradezu feierliches Vestibül mit Doppeltreppe. ... Am Sonnabend erfolgte die Eröffnung des neuen Unternehmens (vormals Café Wien") in Gestalt dreier Festvorstellungen: Eine Dame in Weiß sprach einen Prolog, worauf das Orchester mit dem vom Kapellmeister komponierten Festmarsch ,Großes Freiberg' zu der Lichtspieldarbietung überleitete."

Vollmundig preist das Film-Journal der Turmhoflichtspiele (Nr. 26, 2. Jahrgang 1928) den Streifen "Im Luxuszug" vom 4. bis 7. Mai 1928 an: "Ein Film von ungekünsteltem Humor mit einer Fülle der lustigsten Einfälle und einer Handlung, die im wirbelnden Tempo an unseren Augen vorüberzieht." Zudem wird die 2. Vorführung der Kulturfilm-Gemeinde angekündigt: "Alaskas weiße Wunderwelt." Das Journal setzt auf Unterhaltung. In der Rubrik "Spaßvogel" steht dieser Witz: "Krankenschwester: Sie müssen jetzt aufwachen, es ist die Zeit, wo Sie Ihr Schlafmittel nehmen müssen." Kinokarten kosteten damals 50Pfennige bis zwei Mark.

Für das Lichtspieltheater Turmhof-Lichtspiele gibt es im Freiberger Stadtarchiv ein dickes Aktenheft des Stadtrats-Polizeiamtes zu Freiberg. Der erste Eintrag ist am 26. August 1920: Die Anzeige, also Anmeldung, zur Inbetriebnahme des Kinos. Ende der 1920er-Jahre fordert das Polizeiamt Kinoinhaber Max Gottschalk mehrfach zum Einhalten der Brandschutz-Vorschriften auf. "Der Filmbehälter ist mindestens einen Meter über dem Fußboden anzubringen", heißt es. Abgeheftet ist auch ein Hinweis des Technischen Überwachungsvereins Chemnitz vom 27. Januar 1940. Er fordert eine Leitungsveränderung im Bildwerferraum. Denn Leitungen, die zur Beleuchtung von Zuschauerräumen dienen, dürfen nicht durch den Bildwerferraum führen - wegen der Sicherheit. Aufgrund des damals verwendeten leicht entzündlichen Nitrofilmes traten damals mitunter Brände in Vorführräumen auf. Es folgt ein längerer Schriftwechsel.

Ein Ufa-Programmheft von 1933/34 kündigt den Streifen "Hitlerjunge Quex" an: "Dieser frische Junge Quex ist ein kleiner Held unserer Tage ... Rückhaltlos dient Quex der erkannten und selbstgestellten Aufgabe. Ihr bringt er sein junges Leben zum Opfer." Zudem wird ein Spionagefilm mit Leni Riefenstahl angekündigt.

Was man im Kino nicht machen sollte, das steht auch im Ufa-Heft. Denn "Nirgends ist der Schrei nach einer Schusswaffe so groß" - wie im Filmtheater. Es folgt eine Abhandlung über nervige Kinogänger: Knarrer (lassen Stuhl quietschen), Ruderer (rudern mit dem Oberkörper), Strecker, Taster (suchen im Dunklen stets etwas), Knisterer, Schmatzer, Übersättigte (springen einige Minuten vor dem Filmende auf und gehen), Verschnupfte und Huster. Handynutzer gab es damals noch nicht.

Nach dem Zweiten Weltkrieg bittet Kinoinhaber Max Gottschalk den Freiberger Oberbürgermeister und das Amt für Volksbildung am 5.Juni 45 "um Genehmigung zur Wiedereröffnung". Später wurde er enteignet. (Siehe nebenstehender Infokasten)

Um bauliche Mängel geht es 1947. Die Firma Bruno Barth war mit der Ausführung von Instandsetzungsarbeiten beauftragt worden. Denn die Decke im Zuschauerraum war so stark verfault, "dass man das zerstörte Holz mit der Hand wegnehmen" konnte, heißt es am 11. Januar 1947. Kurz darauf teilt Barth dem Stadtbauamt mit, dass ein Umbauen der Emporen "jetzt nicht möglich ist", da die dafür nötigen Träger nicht zu bekommen sind.

Mit der DDR-Erstaufführung des Defa-Streifens "Nackt unter Wölfen" von Frank Beyer nach dem gleichnamigen Roman von Bruno Apitz werden die Turmhof-Lichtspiele im April 1963 nach Umbau und Renovierung wiedereröffnet.

Eine Kulturoase in Freiberg war der 1963 gegründete Filmclub, der später rund 350 Mitglieder zählte. Im Studiokino des Lichtspieltheaters wurden jeden Donnerstag ausgesuchte Filme vorgestellt, darunter auch Streifen aus der CSSR, aus Polen und Ungarn. Und: Die anschließenden Diskussionen über die Filme waren fester Bestandteil der Veranstaltungen. Namhafte Schauspieler und Regisseure werden nach Freiberg eingeladen, zum Beispiel Kurt Maetzig ("Vergesst mir meine Traudel nicht"), Michaeil Kalatosow ("Die Kraniche ziehen"), Heiner Carow ("Ikarus"), Günther Rücker ("Die Verlobte") und Wienfried Junge ("Die Kinder von Golzow").

Auch zahlreiche Schauspieler kamen in den Freiberger Filmklub. Zu ihnen gehörten Swetlana Andrejewna Toma ("Das Zigeunerlager zieht in den Himmel"), Karin Schröder und Klaus-Peter Thiele ("Mann gegen Mann"), Libuše Šafránková, Carola Braunbock und Karin Lesch ("Drei Haselnüsse für Aschenbrödel") und Jutta Wachowiak ("Die Verlobte"). Dokumentaristen wie Karl Gass, Werner Kohlert und Gerhard Scheumann besuchten ebenfalls den Filmclub. Ein Höhepunkt war 1973 der Filmspiegelball im "Tivoli". Auch im Filmclub wurde eine Zeit lang sonntagnachmittags getanzt.

Der Filmclub betreut auch die Freilichtbühne im Ludwig-Renn-Park. Von 1963 bis 1987 finden im Sommer regelmäßig Kinovorführungen statt. Und die sind sehr beliebt. Bei der Vorstellung "Der Hund von Baskerville" waren 5000 Besucher anwesend - bei 3000 Sitzplätzen.

Das zur 800-Jahr-Feier Freibergs 1986 nach Umbau eröffnete Clubkino kommt bei den Freibergern gut an. Rund 200 Plätze stehen zur Verfügung. Im Sommer 1998 schließt das Turmhofkino für immer seine Türen - ein Dreivierteljahr, nachdem das Kinopolis am Rande der Stadt eröffnet worden war. Am 18. Juni, 22.30 Uhr verabschieden sich viele Filmfreunde von ihrem Lieblingskino bei "The Rocky Horror Picture Show". Zuvor lief 20.30 Uhr der US-Streifen "Die letzte Vorstellung".


Eine lange Geschichte

Das Gebäude Chemnitzer Straße 22 in Freiberg hat eine lange Geschichte. Eine Auswahl:

1592: erste Erwähnung

1592: Vorwerk wird zum Gasthof

1734: Gebäude wird an einen Privatmann verkauft (gehört zum Rittergut Thurmhof Freibergsdorf)

vor 1751: mit Brauhaus, ab 1751Gasthof "Zur Sonne", ab 1802 "Zur goldenen Sonne"

1848: volle Gasthofrechte (Ausschank, Beherbergung, Ausspannung)

1885: Erlaubnisschein für öffentliche gewerbsmäßige Singspiele, Gesangs- und deklamatorische Vorträge, Schaustellung von Personen und theatralische Veranstaltungen aller Art, Eröffnung des Saal- und Restaurationsneubaus mit Garten, Umbenennung in "Stadt Wien", ab 1889 mit Saal und Fremdenzimmer

ab 1919: Kino im Saal

1920: Max Gottschalk baute Gasthof aus und gründete am 28. August die Turmhof-Lichtspiele. Zur Eröffnung liefen die Filme "Patience" und "Langbein und Pump". Jetzt Restaurant Turmhof, keine Beherbergungen und Singspielveranstaltungen mehr.

bis 1928: Gasthof

1930: Keine Ausspannung für Pferde mehr

1933: Umbau mit Dampfheizung

1934: Gasthof "Sandlerbräu"

1941: Umbau Heizung, Balken

Sommer 1945: Wiedereröffnung. Treuhänderischer Betrieb durch den Rat der Stadt.

1948: Enteignung per Gesetz, Turmhof-Lichtspiele kamen zur Vereinigung Volkseigener Lichtspieltheater des Landes Sachsen. Nur das Land Sachsen zahlte die einstigen Kinobesitzer aus.

1952: vom Gewerbeamt geschlossen, "gefährlicher Ansteckungsherd für Geschlechtskrankheiten", seit Jahren in Verruf der Unsittlichkeit und Moral, Nährboden für "DDR-feindliche Agenten und Saboteure".

1963: Eröffnung des Filmclubs in den Räumen der einstigen Gaststätte nach Instandhaltungsarbeiten, Konsumgaststätte mit Café (erste Nichtrauchergaststätte Freibergs). Einzug des Amateurfilmstudios. Zu den Gründungsmitgliedern des Filmclubs gehörten Hellmuth Burkhardt, Studienrat der Arbeiter- und Bauernfakultät (ABF) Freiberg, Hans Thümmrich vom Kulturbund und Werner Burkhardt als Kreisfilmstellenleiter (seit 1953 für das Kino verantwortlich). Ehrenpräsident wurde Kurt Maetzig ("Das Kaninchen bin ich", "Ehe im Schatten")

1986: Umbau der Turmhof-Lichtspiele, modernes Clubkino entstand, Klubsessel und Tische ersetzten feste Kinobestuhlung, eine große Bar-Theke nahm hinteren Teil des Saals ein.

1998: Der Betreiber, Theile Entertainment Darmstadt, verlängert Mietvertrag nicht. Das Turmhofkino schließt.

2016/17: Abriss des Gebäudes

Quellen: Mitteilungen des Freiberger Altertumsvereins, Freiberg 2001, 89.Heft, "Acht Jahrhunderte Bier in Freiberg", Teil 5, Einstige und heutige Gaststätten Freibergs, Beitrag "Wie die Bilder in Freiberg laufen lernten" von Werner Burkhardt in "Freie Presse" vom 22./23. November 1997 (hh)

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