Über Orgel- und andere Pfeifen

Hier steht, was wirklich wichtig ist. Heute: Wer im Advent ein Türchen aufmacht, dem werden die Kronjuwelen geklaut.

Spektakulärer Diebstahl in Freiberg: Am frühen Morgen des ersten Adventssonntags wurde die große Silbermannorgel aus dem Dom entwendet. Das berichtete die seriöse Tageszeitung "Das Wurstblatt".

Um 4.59 Uhr ging demnach ein Notruf bei der Polizei ein, und schon wenige Minuten später fehlte von dem oder den Tätern jede Spur. Offenbar gingen sie äußerst raffiniert vor und hatten möglicherweise sogar Insiderwissen. Denn sie taten das, was man zu dieser Jahreszeit nun mal tut, wenn man sich auskennt: Sie öffneten ein Türchen. Schließlich beginnen im Erzgebirge an diesem Wochenende die tollen Tage, auch genannt Adventszeit oder "kollektiver Wahnsinn".

Es gelang den Tätern also offenbar, die Orgel unauffällig durch die Tür nach draußen zu transportieren, auf ein noch nicht näher identifiziertes Fahrzeug zu laden und aus der Stadt hinauszufahren. Immerhin konnten die Kamerabilder einen Hauptverdächtigen präsentieren. Er war maskiert mit einem (möglicherweise künstlichen) weißen Bart und einer roten Zipfelmütze, die er tief ins Gesicht gezogen hatte. Am Tatort hinterließ er keine Spur außer ein paar alten roten Socken (Das ist jetzt aber ausnahmsweise keine politische Anspielung!). Leider war die Augenpartie des mutmaßlichen Täters auf den Bildern nicht erkennbar. Der Grund war Dunkelheit wegen eines Stromausfalls zur Tatzeit, der möglicherweise mit der Überlastung des Stromnetzes durch exorbitante Weihnachtsbeleuchtung im Zusammenhang steht.

Vom Fluchtfahrzeug fehlt jede Spur. Allerdings wurde an der Freiberger Umgehungsstraße ein ausgebrannter Schlitten entdeckt. Möglicherweise gibt es einen Zusammenhang zur Tat. Experten vermuten auch, dass der Hauptverdächtige Komplizen hatte. In der Nähe des mutmaßlichen Fluchtfahrzeugs wurden mehrere Personen mit auffälligem, geweihartigem Kopfschmuck gesehen. Vermutlich handelt es sich dabei um illegale Einwanderer aus Nordeuropa.

Die Fahndung nach dem gestohlenen Musikinstrument läuft unterdessen auf Hochtouren. Manche befürchten, es könnte - möglicherweise in Einzelteile zerlegt - bei der nervigsten Rabattschlacht der Welt im Internet auftauchen. Das wäre dann wahrlich ein schwarzer (Frei)Tag. Andere meinen, das Diebesgut sei quasi unverkäuflich. Der Grund: Es gebe ohnehin schon genug Pfeifen.

Viele Freiberger zeigten sich bestürzt über den Vorfall - nicht nur in den asozialen Netzwerken wie Gesichtsbuch, Zwitscher und Augenblickgramm. Andere blieben gelassen und wiesen darauf hin, dass ja eine ganze Menge Silbermannorgeln noch da sei. Außerdem könne man jetzt aus der Not eine Tugend machen, und aus dem Dom ein Unesco-Besucherzentrum. Schließlich sei die Montanregion Erzgebirge ja "eine Art Weltkulturerbe".

In der sächsischen Landeshauptstadt stieß der Pfeifenraub von Freiberg auf Unverständnis. Experten aus Dresden sagten, die Sicherheitsmaßnahmen in der Provinz seien wohl nicht so ausgezeichnet und umfassend, wie man geglaubt habe. Die Mittelsachsen sollten sich mal ein Beispiel an Dresden nehmen, hieß es. Dort wird neuerdings sogar die Tür zum Grünen Gewölbe abgeschlossen, berichtete das seriöse Satiremagazin "Der Postillon". Außerdem denkt man wohl ernsthaft darüber nach, die Bilder in der Gemäldegalerie Alte Meister gegen Diebstahl zu schützen.

Bundesweit sorgte der Orgelbau, äh, Orgelklau, für viel Spott. Der Freistaat Sachsen, der ja in den vergangenen Jahren nur mit positiven Schlagzeilen von sich reden gemacht hat, ist jetzt blamiert. Eine unbekannte Marketing-Agentur schlug sogar einen neuen Werbespruch für Sachsen vor: "Wir können gar nichts, auch nicht Hochdeutsch." Gerüchten zufolge will die Staatsregierung jetzt die Flucht nach vorn antreten. Man will den Lästerern zeigen, dass es immer noch schlimmer geht. Deshalb soll der Verkehrslandeplatz Chemnitz/Jahnsdorf zum internationalen Großflughafen umgebaut werden. Dann wird endlich jedem klar: Was die Berliner nicht können, können wir hier schon lange nicht!

Den meisten Mittelsachsen dürfte das alles aber eh egal sein, so lange nur der Glühwein heiß ist. Und auf den Weihnachtsmärkten gibt's dieses Jahr wenigstens kein Gedränge. Denn die Touristen von auswärts werden ausbleiben. Die fahren alle nach Dresden und schauen sich die Kunstschätze im Hysterischen Grünen Gewölbe an. So lange noch welche da sind.

1Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 0
    0
    Juri
    30.11.2019

    Weltkulturerbe ohne Silbermannorgel?? Waldschlösschenbrücke lässt grüßen.



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