Unternehmer versuchen sich als Lehrer

Beim zweiten Berufsorientierungstag an der Oberschule Rechenberg-Bienenmühle haben Schüler von den Praktikern selbst viel über verschiedene Berufsbilder erfahren.

Rechenberg-Bienenmühle.

Anja Seidel ist an diesem Tag unentwegt im Gebäude unterwegs. Die Praxisberaterin an der Oberschule Rechenberg-Bienenmühle läuft treppauf, treppab, geht in diesen oder jenen Klassenraum, macht Fotos oder schaut den Schülern interessiert über die Schultern. Und auch für die Kinder und Jugendlichen war der Freitag kein Tag wie jeder andere. Denn vor ihnen standen einmal nicht ihre Lehrer, sondern Chefs oder Mitarbeiter von verschiedenen Unternehmen aus der Region, und hielten den Unterricht ab. Allerdings war es nicht ihre Aufgabe, Mathematik oder Fremdsprachen zu vermitteln, sondern Auskunft zu geben über ihre Unternehmen und die dort zu erlernenden Berufe.

Zum zweiten Mal hat Anja Seidel gemeinsam mit den Lehrern den Berufsorientierungstag organisiert. "In dieser Form gibt es ihn kaum irgendwo", meint die Praxisberaterin, die für den Chemnitzer Verein zur beruflichen Förderung und Ausbildung an der Oberschule seit 2017 tätig ist. 28 verschiedene Firmen sind diesmal dabei, darunter Transportunternehmen, eine Apotheke, Dachdecker, eine Agrargenossenschaft, eine Bäckerei und noch viele mehr. Hinzu kommt die Möglichkeit eines virtuellen Betriebsrundgangs.

Der Tag ist Teil eines größeren Projektes zur Berufsorientierung. Rund 250 Schulen in Sachsen haben mittlerweile einen Praxisberater im Haus. "Unsere Aufgabe ist es, Schüler der siebenten und achten Klassen beruflich zu orientieren", sagt Anja Seidel. "Ab der neunten Klasse sind die Berufsberater der Arbeitsagenturen zuständig." Finanziert wird das Projekt vom Europäischen Sozialfonds und den Arbeitsagenturen. In der siebenten Klasse führen die Praxisberater mit den Schülern Potenzialanalysen durch, bei denen soziale, handwerkliche, methodische und persönliche Kompetenzen beobachtet und gemeinsam ausgewertet werden. Daraus entstehen individuelle Entwicklungspläne mit Stärken, Schwächen und Interessen.

In der achten Klasse kommen dann die Firmen mit ins Boot, beispielsweise beim Berufsorientierungstag. Doch geht es darüber hinaus. Wollen die Schüler ein Unternehmen näher kennenlernen, dann organisiert Anja Seidel selbst für kleinere Gruppen Besichtigungen. In Verbindung mit dem Unterricht geht es außerdem in der kommenden Woche im Silberbergwerk auf der Reichen Zeche in Freiberg unter Tage. Für Februar ist eine Studiotour beim MDR in Leipzig geplant.

"Die Teilnahme an dem gesamten Projekt ist freiwillig", betont Seidel. "Auch entstehen für keinen der Schüler irgendwelche Kosten." Sie ist froh, dass alle 99 Schüler der beiden Klassenstufen dabei sind. Bedauerlich findet sie, dass längst nicht alle Schulen Praxisberater haben. "Jede Schule kann sich einen wünschen", lächelt sie. Denn die zeitige Betreuung der Oberschüler auf dem Weg zum Beruf oder aber zum anschließenden Abitur ist eine wichtige Orientierungshilfe. So könne den Berufsberatern ab der neunten Klasse bereits ein fertiger Entwicklungsplan an die Hand gegeben werden und die Schüler selbst werden sich früher darüber klar, was sie mal werden wollen oder was ihnen überhaupt nicht liegt.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...