Verhaftet in der DDR: Ein Prügel-Spalier zur Begrüßung

Herbst 89: Jörg Lohse und Thomas Haubold sind vor genau 30 Jahren aus der Haft entlassen worden. Sie hatten gegen die Staatsmacht rebelliert.

Freiberg.

Ihn ärgere, sagt Jörg Lohse, "dass die Leute von damals immer noch in Amt und Würden sind." Der heute 49-Jährige war vor 30 Jahren verhaftet worden, weil er angeblich am 4. Oktober 1989 am Freiberger Bahnhof Volkspolizisten beleidigt und mit Steinen beworfen haben soll. "Bis heute hat sich bei mir keiner entschuldigt", sagt Thomas Haubold, dem es damals ebenso ergangen war - beide waren nach tagelanger Tortur erst am 19. Oktober 1989 wieder freigelassen worden.

"Wir waren vom Jugendklub im Schloss in die 'Alte Mensa' gezogen. Auf einmal hieß es, die Züge mit den Flüchtlingen aus der Prager Botschaft kämen durch Freiberg", erinnert sich der 51-Jährige an den Abend des 4. Oktober 1989. Aus reiner Neugier ging auch Jörg Lohse mit zum Freiberger Bahnhof: "Dort haben wir zum ersten Mal Volkspolizisten mit Helm und Visier und Schutzschilden gesehen."

Aus der Menge sei "Wir wollen raus" und "Gorbi, Gorbi" gerufen worden - der sowjetische Staatsführer Michael Gorbatschow galt mit seiner Politik von Glasnost und Perestroika als Symbol für Transparenz und Veränderungen im Sozialismus. Einzelne hätten dann begonnen, Pflastersteine auszugraben. Jörg Lohse sagt, er habe nichts geworfen. Thomas Haubold kann sich nicht genau erinnern: "Wir waren wie in Trance. Ich soll ein Kantholz in der Hand gehabt haben."

Auf dem Heimweg habe er sich damals von Hauseingang zu Hauseingang geflüchtet, blickt Thomas Haubold zurück: "Immer wenn ein Auto kam, habe ich mich versteckt. Die Staatssicherheit fuhr die Straßen mit Ladas ab." Neun Tage später traf es ihn dennoch: "Am Freitag, dem 13. bin ich auf Arbeit im Vordruckverlag verhaftet worden."

Beim Verhör in der Beethovenstraße sei er geschlagen worden: "Immer wenn ich 'Glatze' oder 'Skinhead' gesagt habe, setzte es was." Als Punk habe er aus seiner Ablehnung gegen rechte Gesinnungen keinen Hehl gemacht, "aber offiziell durfte es in der DDR keine Nazis geben".

Er sei dann im Schnellverfahren im Gericht nebenan zu zwei Jahren Haft verurteilt worden. "Die Stasi hatte uns von den Dächern gefilmt und aus einem B 1000 beobachtet, der wie ein Krankenwagen aussah."

Jörg Lohse war zwei Tage vorher zu Hause festgenommen worden: "Zwei von der Kripo haben bei meinen Eltern geklingelt. Ich müsste 'zur Klärung eines Sachverhalts' mitkommen. Dann wurden mir Handschellen angelegt." Acht Stunden sei er verhört worden.

Dabei sei ihm auch klar geworden, mit wem er es zu tun hatte: "Zwei Monate vorher hatte die Stasi versucht, mich im Schützenhaus - ich habe dort Koch gelernt - als Spitzel zu gewinnen. Nun hieß es: Wenn Sie Ja gesagt hätten, müssten Sie nicht zwei Jahre wegen schweren Rowdytums und Beleidigung nach Bautzen."

Die Drohung mit dem berüchtigten Gefängnis habe ihn erschüttert: "Ich hatte nicht einmal ein Fahrrad gestohlen." Er sei dann nach Karl-Marx-Stadt, dem heutigen Chemnitz, auf den Kaßberg gebracht worden. In der U-Haft sei er mit einem Mörder in eine Zelle gesperrt worden: "Die wollten mich psychologisch fertigmachen."

Einen Versuch, ihn körperlich zu brechen, habe er da schon hinter sich gehabt. "Nur in Unterhose und Handschellen musste ich die Knastdecke und meine Wäsche die Treppen hinauftragen. Und auf jedem Absatz hat mir einer mit dem Gummiknüppel auf den Rücken gedroschen. Ich war grün und blau."

Von einem Prügel-Spalier zur "Begrüßung" berichtet auch Thomas Haubold. Er sei ebenfalls in den "Stasi-Knast" auf den Kaßberg gebracht worden: "Das war ein Ritual für die Wärter." Beim "Duschen" sei er mit einem Strahl aus dem C-Rohr gegen die Wand gedrückt worden: "Der Typ hat meine Sachen dann auf den nassen Boden geworfen."

Mit ihrer Entlassung am 19. Oktober 1989 hatten beide nicht gerechnet. Jörg Lohse erhielt einen Strafbefehl über 1500 Mark: "Das Geld wurde meiner Mutter später zurückgezahlt." Er sei 1990 in den Westen gegangen und 2015 nach Freiberg zurückgekehrt, erzählt der verheiratete Vater eines Kindes, der heute als Filialleiter im Einzelhandel arbeitet. Thomas Haubold ist ledig; infolge einer Erkrankung beziehe er eine Rente wegen Erwerbsunfähigkeit. 1992 sei er als Zeuge wegen Körperverletzung im Amt gehört worden; von dem Verfahren habe er nie wieder etwas gehört. Heute müsse er mit ansehen, sagt Thomas Haubold, "wie sich Leute als Wende-Aktivisten feiern lassen, die sich erst aus der Deckung getraut haben, als schon alles klar war".


Amnestie für "Republikflüchtlinge" erlassen

Anfang Oktober 1989 waren Sonderzüge mit DDR-Bürgern, die in die Botschaft der BRD in Prag geflüchtet waren, über Sachsen nach Bayern geleitet worden. Dabei kam es entlang der Strecke zu spontanen Demonstrationen. Einzelne versuchten dabei, in die Züge zu gelangen.

Am 27. Oktober 1989 hat der Staatsrat der DDR eine Amnestie für alle "Republikflüchtlinge" beschlossen. Der Straferlass sollte auch für Personen gelten, die bei nicht genehmigten Demos verhaftet worden waren.

Wie haben Sie den Wendeherbst 1989 erlebt? Schreiben Sie uns: "Freie Presse" in 09599 Freiberg, Kirchgäßchen 1 oder per Email an red.freiberg@freiepresse.de (jan)

freiepresse.de/wendemittelsachsen

7Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 4
    3
    Juri
    23.10.2019

    Deluxe - salben heilt, sticheln verletzt! Sticheln ist die Vorstufe von Stechen. Das kann sogar töten.
    Also nehmen sie sich einfach ein wenig zurück mit Ihrer "einzigen Wahrheit". Auch die anderen Menschen um Sie herum sind nicht alle auf der Wurstsuppe daher geschwommen.

  • 7
    11
    Deluxe
    20.10.2019

    @Hinterfragt:
    Volltreffer...

    Im Gegensatz zu dem neuerdings hier öfter zu lesenden religiös-salbungsvollen Missions-Eifer. Man könnte beinahe den Eindruck haben, daß sich hier ein paar neue Leute aus diesen Kreisen verabredet haben.

  • 8
    6
    ChWtr
    19.10.2019

    Dankeschön für Ihre Worte, Juri.

    Zu DDR Zeiten hatte ich viel mit Kirche am Hut (bin auch getauft - evangelisch oder besser Protestant...), heute jedoch weniger, was Gründe hat.

    Meine Tante war Diakonissenschwester in Oberursel / Taunus und Elbingerode / Harz und ich war als Kind oft dort (im Harz natürlich). Später als Erwachsener auch einmal in Oberursel. Mich hat das "Flair" bei den Krankenschwestern resp. die Diakonie immer sehr interessiert und auch heute habe ich noch ein "Fable" für diese Lebensart. Aber gut. Nächstenliebe ist ein sehr bedeutsames Wort. Für mich sehr, sehr schwierig in Bezug auf mittelbare und unmittelbare Entscheidungsträger in der ehemaligen DDR. Könnte ich ein Buch schreiben. Allein der 18-monatige NVA Zwangsdienst wäre ein eigenes Kapitel mit Dutzenden Seiten... Wurscht, der Spuk ist vorbei.

    Aber vergeben den unmittelbaren "Entscheidern" von vor 30 / 40 Jahren, damit trage ich sehr schwer, wobei ich heute bereits anders darüber denke als noch vor 25 Jahren. Die Zeit heilt offenbar Wunden.

    Und hier kommt möglicherweise Jesus ins Spiel, wie Sie schreiben.

    Aber, man muss es zulassen können - wollen (...)

  • 13
    9
    Distelblüte
    19.10.2019

    Vielleicht sollte man sich solche Zeitzeugenberichte vor Augen halten, wenn wieder behauptet wird, heutzutage sei es schlimmer als in der DDR.
    Wer damals nicht stromlinienförmig angepasst war oder in irgendeiner Form aus der Reihe tanzte, musste mit Repressalien rechnen. Meist waren es nur kleinere Sachen wie das verweigerte Studium trotz sehr guter Noten, oder wenn der Wunsch nach dem Abitur an die Bedingung geknüpft wurde, 3 Jahre Armeedienst abzuleisten (wie es meinem Mann geschehen ist - er lehnte dankend ab).
    Sich das Recht auf Demonstrationsfreiheit herauszunehmen, war definitiv zu viel für die Genossen der Staatssicherheit. Da wurde dann das jämmerliche bisschen macht, das mancher hatte, genutzt, um mal richtig zu zeigen, wer am längeren Hebel sitzt.
    Gott sei Dank ist dieser Spuk vorbei.

  • 8
    7
    Juri
    19.10.2019

    Chwtr, Sie dürfen sicher sein, es gibt viele Menschen, die den Artikel und Ihre Zeilen berühren und schmerzhaft erinnern. Ich habe Gott sei Lob und Dank Ihre demütigenden, schmerzhaften Erfahrung so nicht machen müssen, aber ich kenne viele Menschen, denen es so oder so ähnlich ergangen ist.
    Es ist unmöglich das zu vergessen, aber mir hat geholfen, dass ich so wie es Jesus uns an vielen Stellen aufgetragen hat gehandelt habe: Ich habe versucht zu verzeihen und heute kann ich es auch.
    Die Mitmenschen, nach denen Sie zu recht fragen, die müssen, wenn sie sich nicht öffnen und entschuldigen, mit ihrer Schuld weiter leben.

  • 13
    11
    Hinterfragt
    19.10.2019

    "...Sie hatten gegen die Staatsmacht rebelliert...."
    Welch Paradoxon, die , die damals "rebelliert" haben, werde heute gefeiert.
    Die, welche heute rebellieren werde verteufelt ...

  • 7
    4
    ChWtr
    19.10.2019

    Schlimm was den beiden und anderen wiederfahren ist. Aber letztlich waren uns (mir auf jeden Fall) die Zustände in der DDR bekannt. Ich selbst habe mit allem gerechnet! Ein Ungarn Visa hatte ich bereits in der Tasche und habe später auch noch einen Ausreiseantrag gestellt. Mein "Glück" war, dass ich im September 1989 von einem Russen Ural von hinten "volle Kanne" angefahren wurde. Mein Trabi Kombi war danach eine Ziehharmonika und dabei habe ich noch mächtig Schwein gehabt, aber mächtig incl. 4 Wochen Krankschreibung. So war ich erstmal aus dem Verkehr gezogen. Was mir passiert wäre, wenn ich im Stasi Knast gelandet wäre, möchte ich mir gar nicht ausmalen. Ja, irgendwie (...) Schwein gehabt, auch in Bezug auf so viele andere Begebenheiten. Soviel Glück kann man eigentlich gar nicht im Leben haben. Hatte ich jedoch. Aber egal.

    Auch ich frage mich, was die aktiven Mitstreiter der 123 Knüppelpolizei heute machen. Oder die vielen eh. offiziellen und inoffiziellen Stasi..., das Wort darf ich hier nicht ausschreiben. Viele sind für mich in unverdienter Rente, aber einige dürften Ende Fünfzig, Anfang Sechzig sein. In welcher Stellung heute... ? Können diese Leute mit ruhigem Gewissen Ihren Lebensabend frönen? Ich habe nur Verachtung für diese damals aktiven Lxxxxx.



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