Verkehr-t

Hier steht, was wirklich wichtig ist. Heute: Wenigstens stolpert man auf Freibergs Straßen nicht über ein Zebra.

Reisen bildet, so sagt man. Wer in ferne Länder oder Regionen reist, erweitert seinen Horizont. Und sieht manchmal etwas, was ihm völlig neu ist, was bei ihm zu Hause völlig unbekannt ist. Zum Beispiel einen Zebrastreifen. Kinder, die in Freiberg aufwachsen, kennen so etwas ja kaum. Wenn sie einmal in einer anderen Stadt so einen schwarz-weißen Fußgängerdrunterunddrüberweg erblicken, dann fragen sie: Wer hat denn da die Straße angemalt? Ich will auch! Und schon werden die Schulstifte ausgepackt und die Kinder verschönern die Fahrbahn. Was ja in anderen Städten nicht ganz so schlimm ist, da die Autos wegen des Zebrastreifens anhalten müssen.

Wer sich in Freiberg (und in einigen umliegenden Orten) ein paar Zebrastreifen wünscht, der bekommt im besten Fall eine Freikarte für den Zoo. Im schlimmsten Fall bekommt er einen Paragrafen aus der Straßenverkehrsautoförderungsfußgängerkleinhalteverordnung um die Ohren gehauen. So wird mit sachlichen Argumenten in kürzester Zeit selbst der größte Zweifler davon überzeugt, dass wir nun wirklich alles dringender brauchen als einen Zebrastreifen (Wir bräuchten zum Beispiel viel dringender einen Yachthafen, eine Seilbahn auf den Schneckenberg oder eine Umgehungsstraße).

So kleinlich geht's zu in der Provinz. Man stelle sich vor, es hätte damals in London so eine starke Streifengegnerschaft gegeben. Da wären die Beatles womöglich überfahren worden, als sie das berühmte Foto zu ihrer Platte "Abbey Road" aufnahmen. Und so wäre der Brexit schon 50 Jahre früher passiert. Besser gesagt, man hätte die Briten gar nicht erst in die Europäische Gemeinschaft gelassen, weil man ja schon gewusst hätte, dass von der Insel nix Gutesmehrkommt. Zurück nach Freiberg. In jene Stadt, die im 12. Jahrhundert von Markgraf Otto dem Schleichen so genannt wurde, weil hier gilt: Freie Fahrt für freie Bürger, und zwar um jeden Preis! Wobei die fehlenden Zebrastreifen nicht das Hauptproblem sind. Überquert man eine Straße ohne Streifen, dann ist man ja darauf vorbereitet, dass man möglicherweise um sein Leben rennen muss, weil der eine oder andere Autofahrer ein bisschen sehr "freiheitsliebend" um die Kurve fliegt. Oder auf gerader Strecke beschleunigt, als befände er sich auf einer Formel-1-Strecke oder der Saydaer Straße in Mulda.

Gefährlicher ist es an den sogenannten Fußgängerampeln. Denn dort entsteht fälschlicherweise der Eindruck, ein Fußgänger könnte bei "grün" die Straße überqueren, ohne sich fürchten zu müssen. Zugegeben, das kann er auch: Wenn er ein gut trainierter Sprinter oder Mittelstreckenläufer ist. Das gilt zumindest für die Ampeln am Bebelplatz und an der Kreuzung Külzstraße/Leipziger Straße, im Volksmund auch "Jogger-Ampeln" genannt. Hier gilt: Der Schnellste gewinnt. Das ist Freiheit. Und wer alt ist, oder ein Kind, oder etwa gehbehindert, der hat ja die Freiheit, zu Hause zu bleiben. Zu Hause passieren zwar die meisten Unfälle. Aber die verursachen dann wenigstens keinen Stau.

Und zu Hause ist es am gemütlichsten. Besonders in der dunklen, kalten Jahreszeit. Mancher waschechte Erzgebirger höhlt verzweifelt einen Kürbis nach dem anderen aus, weil er es nicht mehr erwarten kann, dass die Schwibbögen wieder in die Fenster kommen. Und die beleuchteten Schutzengel. Vielleicht geht uns dann endlich ein Licht auf.

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