Vom Cumulus zum Nimbus

Warum ist es so heiß? Und was hat ein Tief mit Hühnersuppe zu tun? Unser Kolumnist führt durch den Nebel der Meteorologie.

Freiberg.

Es ist heiß. Der Sommer ist anders als sonst, das sagt schon ein Blick auf die Vorhersagegraphen der Wettermodelle. Wo könnte der Grund dafür liegen? Zunächst ein Blick in die Wettermodellwelt. Es gibt verschiedene dieser Modelle. Globale wie das GFS - für GlobalForecastSystem - oder ICON vom Deutschen Wetterdienst. Und regionale Modelle wie WRF (WorldReformedFellowship), der regionale Gegebenheiten in die Daten des GFS mit einberechnet. Dabei wird Wert auf die Topografie und die geografische Lage der Vorhersagegebiete gelegt. Das zuverlässigste Modell ist GFS, da es auch das "erfahrenste" Modell ist und die Daten schon länger aufgezeichnet wurden. Woraus größtenteils die besten Prognosen und Trends resultieren. Andere Modelle, wie das des Deutschen Wetterdienstes (ICON), stecken dagegen noch in den Kinderschuhen.

Seit Ende April liegen wir durchgehend knapp vier bis fünf Grad Celsius über dem 30-jährigen Mittelwert, der aus dem Durchschnitt der Temperatur in 1500 Metern Höhe der vergangenen 30 Jahren resultiert. Andere Sommer waren feuchter und unbeständiger als der jetzige. Grund: eine komplett andere Konstellation der Großwetterlage. Die sogenannte kühle Nordwest- bis Westdüse blieb bis auf das Wochenende zum Bergstadtfest vollkommen aus.

Damals kam ein Kaltlufttropfen zu uns. Was das ist? Ein Tief, dessen Zugbahn sich verhält wie ein Fettauge auf der Hühnersuppe. Auf Deutsch: Seine Zugbahn ist absolut unsicher. An diesem Wochenende brachte das Tiefdruckgebiet mittels zyklonaler Eindrehung (Drehrichtung gegen den Uhrzeigersinn) feuchte Höhenkaltluft aus Norden zu uns. In 1500 Metern Höhe (aus meteorologischer Sicht in 850 Hektopascal) sank die Temperatur bis auf null Grad. Im Nordstau des Erzgebirges führte das zu tief hängender und dichter Bewölkung, aus der sich im Luv (Staueffekt) Regen- und Sprühregenschauer etablieren konnten. Zudem reichte es - bei erwähnten null Grad in 1500 Metern Höhe - in unserer Region nur zu 10Grad Celsius, gemessen zwei Meter über dem Erdboden. Nach Schauern waren auch sieben bis acht Grad möglich, da durch den Niederschlag Höhenkaltluft in bodennahe Luftschichten, die Niedertroposphäre, transportiert wurde. So kamen spätherbstliche Eindrücke zustande.

Die aktuelle Trockenheit aber ist ein Ergebnis aus überwiegendem Hochdruckeinfluss und der daraus resultierenden Niederschlagsarmut in Verbindung mit der hoch stehenden Sonne. Ein sich immer wieder entwickelndes, kräftiges Hoch über Skandinavien prägt die aktuelle Großwetterlage. Mittels antizyklonaler Eindrehung (Drehrichtung im Uhrzeigersinn) führt es warme, relativ trockene und vor allem stabil geschichtete Luftmassen zu uns. In den vergangenen 30 Tagen fielen weit verbreitet gerade einmal 5 bis 15 Liter Regen pro Quadratmeter. Ab und zu sorgten kleine Höhentiefs für eine instabile und feuchte Schichtung der Luftmassen. Abfallender Druck zwang die Luft am Boden zum Aufsteigen. So entwickelten sich Quellwolken, die schnell von harmlosen Cumuluswolken (kleine Haufenwolken) zu gefährlichen Cumulonimbuswolken (Gewitterwolken) wurden. Im Juni gab es Zeiten mit sehr hohen Unwetterparametern, gerade im Erzgebirgsvorland. So entwickelten sich sehr starke Gewitter, Starkregen und Hagel inklusive. Als vor einiger Zeit die A 14 bei Nossen überschwemmt wurde, hatte sich nördlich des Erzgebirgskammes ein Gewitter gebildet, das nach Nordosten zog, immer mehr Energie aufnehmend. Durch die langsame Zuggeschwindigkeit, basierend auf dem schwachen Wind in 9 bis 12 Kilometern Höhe, kamen binnen einer Stunde extreme Regenmengen von 60 bis 80 Liter pro Quadratmeter zusammen.

Die Entstehung solcher Unwetter ist punktuell nicht vorhersagbar, auch in 100 Jahren nicht. Meteorologen können lediglich das Gebiet eingrenzen, in dem das Risiko für eine Entstehung konvektiver Umlagerungen, also Gewitter, am höchsten ist. Bei einem Topf mit heißem Wasser kann auch niemand vorhersagen, wo und wann die erste Luftblase aufsteigt. Die Grundfläche des Topfes versinnbildlicht ein Gebiet, für das es dann eine Vorabinformation zu möglichen Gewittern gibt. Die, wenn ein Gewitter entstanden ist, aktualisiert wird und je nach Stärke der entstandenen Gewitterzelle in eine Unwetterwarnung umspringt. Hierbei gibt es unterschiedlichste Typen, denn Gewitter ist nicht gleich Gewitter. Kommt während der Gewitterentstehung Windscherung ins Spiel, weist die Zelle somit eine gewisse Dynamik auf, können langlebige und heftige sogenannte Superzellen entstehen, die auch wieder in verschiedene Arten eingestuft werden. Dazu in der nächsten Kolumne mehr.

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