Vom Junkie zum Marathonläufer

Die unglaubliche Geschichte um die Laufgruppe eines engagierten US-Richters ist heute in Freiberg im Kino zu sehen. Die Produzentin stammt aus der DDR. Mit den Zuschauern will sie ins Gespräch kommen.

Freiberg.

Ein Strafrichter, der Kriminelle nicht einfach ins Gefängnis steckt, sondern früh morgens mit ihnen laufen geht und sie bis zum Marathon trimmt. Klingt nach einem US-Märchen, ist aber eine wahre Geschichte. Mit ihrem Dokumentarfilm "Skid Row Marathon" sind Gabi und Mark Hayes aus Los Angeles am heutigen Freitagabend, 18 Uhr, im Freiberger "Kinopolis" zu Gast.

Skid Row gilt als eines der gefährlichsten Viertel von Los Angeles; tausende Junkies, Alkoholiker, Obdachlose und Kriminelle leben dort. Mitten in diesem Brennpunkt hat Strafrichter Craig Mitchell 2012 eine Laufgruppe für genau diese Menschen gegründet. Selbst leidenschaftlicher Läufer, vermittelt er ihnen Disziplin, gibt ihnen Struktur: Dreimal pro Woche treffen sich die Läufer 5 Uhr morgens clean zum Laufen, Reden und Probleme lösen. Das Ziel: gemeinsam einen Marathon laufen. In Ghana und Vietnam, in Rom und Jerusalem sind sie bereits an den Start gegangen.

Gabi Hayes, geboren in Jena und seit 1989 mit dem US-Amerikaner Mark Hayes verheiratet, lebt in Los Angeles, hat das Elend gesehen und Mitchells Laufprojekt kennengelernt. Vier Jahre lang hat sie mit ihrem Mann an dem Film gearbeitet; ohne große finanzielle Förderung. 2017 wurde der Film erstmals gezeigt und mehrfach ausgezeichnet.

Auch die Laufgruppe "Mitlaufgelegenheit Freiberg" war auf den Film aufmerksam geworden und hat ihn gemeinsam angeschaut. "Wir waren sehr beeindruckt", erzählt Läufer Stefan Benkert. Es ist eine Geschichte von der zweiten Chance, "eine Dokumentation, die jeder gesehen haben sollte, der über andere urteilt und der mit im Leben gescheiterten Menschen arbeitet", heißt es auf dem Flyer der Organisatoren. Benkert: "Es gibt Parallelen zu unserer Laufgruppe: Bei uns sind es keine Kriminellen oder Drogenjunkies, aber es hat doch jeder so seine eigenen Probleme." Insgesamt etwa 80 Frauen, Männer und Kinder laufen dann und wann bei der Mitlaufgelegenheit mit; 50 Teilnehmer sind mit zum Halbmarathon nach Berlin und Lübeck gefahren. "Es geht bei uns nicht um höher, schneller, weiter. Wir reden nicht über Bestzeiten, sondern tauschen Sorgen und Nöte aus. Und so eine Fahrt ist für alle ein Highlight. Da schlafen auch 60-Jährige wieder in der Jugendherberge", schildert Benkert.

Die Freiberger nahmen Kontakt zu Gabi Hayes auf und fragten, ob es auch eine deutsche Filmversion gibt. Noch nicht, war die Antwort. Dazu später die überraschende Info, dass das Filmehepaar im März 2020 seinen Film in Jena vorstellt. Ein Abstecher nach Freiberg wäre nicht weit. Gesagt, geplant. Deshalb nun wird der englischsprachige Film mit deutschen Untertiteln im "Kinopolis" gezeigt. Nach der Filmvorführung wollen die Macher mit Zuschauern ins Gespräch kommen.

Kino-Chef Thomas Erler hat den Film noch nicht im Ganzen gesehen, nur Ausschnitte davon. "Als die Anfrage von der Mitlaufgelegenheit kam, habe ich mich erstmal mit dem Film und den Machern befasst. Ich finde das hochinteressant", sagt er. Bis Donnerstagmittag waren 70 Karten verkauft; 160 Gäste finden Platz im Kinosaal. Tickets kosten 9 Euro, ermäßigt 7,50 Euro. Ob der etwa anderthalbstündige Film noch ein weiteres Mal gezeigt wird, kann Erler noch nicht sagen. "Von mir aus gern, aber es ist ein Film im Eigenverleih des Teams. Die Konditionen müssen verhandelt werden."

Am Samstag, 8 Uhr, treffen sich Läufer der Mitlaufgelegenheit mit Gabi und Mark Hayes auf dem Obermarkt, um ihnen bei einem Lauf die Freiberger Altstadt zu zeigen. Teilnehmer sind willkommen.


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