Wahlkrimi endet mit Sieg für Amtsinhaber

Volkmar Schreiter (FDP) bleibt der Bürgermeister von Großschirma. Sein Herausforderer Rolf Weigand (AfD) kündigt indes für nächstes Jahr bereits die Bewerbung für den Stadtrat an.

Großschirma.

Anspannung bis zuletzt: Ein paar Sekunden hat Volkmar Schreiter (FDP) gestern Abend gebraucht, bis sich seine Gesichtszüge lösten. Dann atmete der 57-Jährige hörbar auf, lächelte und sagte: "Ich freue mich riesig." Mit rund 59,3Prozent der Stimmen hat sich der liberale Amtsinhaber bei der gestrigen Wahl den Posten als Bürgermeister in Großschirma gesichert. Schreiter, seit 14 Jahren im Amt, erhielt laut vorläufigem Ergebnis 1811 Stimmen, sein Herausforderer Dr. Rolf Weigand 1242 Stimmen, das sind 40,7 Prozent. Die Wahlbeteiligung lag bei 66,8 Prozent.

Der alte und neue Bürgermeister der 5600-Einwohner-Stadt sagte in einem ersten Statement: "Das Wahlergebnis zeigt die Zerrissenheit der Gesellschaft. Ich will versuchen, Gräben zu schließen und Hinweise aufzunehmen." Große Aufgaben lägen vor der Stadt. Im Vorfeld der Wahl hatte Schreiter betont, dass der Umbau der Kita Siebenlehn ansteht, Obergruna einen neuen Sportplatz braucht und die Mulde-Brücke in Kleinvoigtsberg erneuert werden muss. Zudem nannte der 57-Jährige den innerörtlichen Ausbau der Bundesstraße 101 als Schwerpunkt, "aber nur im Konsens mit den Bürgern". Der heftige, teils unfaire Wahlkampf - Schreiters Plakate wurden mit beleidigenden Sprüchen überklebt - ist an dem Politiker, der auch Chef der FDP-Kreistagsfraktion ist, nicht spurlos vorbei gegangen. "Jetzt muss erst einmal Ruhe einziehen", sagte er. Zugleich zeigte sich Schreiter selbstkritisch. Nach 14 Jahren schleife sich manches ein, sagte der Großschirmaer. "Für mich ist die dritte Amtsperiode ein guter Neuanfang."

Wahlverlierer Weigand gratulierte Schreiter. Auf Anfrage sprach der 34-Jährige von "einem guten Tag für die Demokratie, weil viele Leute gewählt haben". Viele Einwohner hätten ihm berichtet, dass sich schon im Wahlkampf viel getan habe. "Damit hat sich die Sache für die Menschen gelohnt." Wie viele Bürger auch, habe er vermutet, dass das Ergebnis noch knapper ausfalle, so der Landtagsabgeordnete.

Für die sächsische AfD hatte Wahl in der Kleinstadt eine große Bedeutung. AfD-Partei- und Fraktionschef Jörg Urban wertete "die mögliche Wahl eines ersten hauptamtlichen Bürgermeisters in Sachsen" als "ein wichtiges Signal an alle Bürger, dass die AfD inzwischen eine echte Volkspartei geworden ist" und auch auf der kommunalen Ebene "sehr gute Sacharbeit" leisten könne. Unterdessen kündigte Rolf Weigand mit Blick auf die Kommunalwahlen an: "Wir sehen uns nächstes Jahr im Stadtrat wieder."

Der SPD-Ortsverein gratulierte bereits gestern Abend Volkmar Schreiter zur erneuten Wiederwahl: "Unsere Stadträte freuen sich auf eine weiterhin konstruktive und sachliche Zusammenarbeit", heißt es in einer Pressemitteilung. Laut dem Ortsvereinschef Sylvio Wyschkon haben die Wahlveranstaltungen jedoch auch gezeigt, dass sich viele Bürger nicht genug informiert und einbezogen fühlen. Dies betreffe nicht nur den Bürgermeister, sondern auch den Stadtrat. "Abseits der Parteienlandschaft werden wir uns daher für eine bessere Kommunikation, höhere Transparenz der Entscheidungen und vor allem eine aktivere Einbindung der Bürger einsetzen", so Wyschkon.

Dass Vernunft über Zwietracht gesiegt hat, sagte UBV-Stadtrat Volker Scharf: "Ich bin über das Ergebnis sehr glücklich." Nun gelte es, geplante Vorhaben zu verwirklichen, ergänzte er. Gunther Zschommler, CDU/RBV-Stadtrat aus Großschirma erwartet, "dass es eine konstruktive Zusammenarbeit mit dem Stadtrat geben wird und es auch aus CDU-Sicht gelingt, Anträge wieder nach vorn zu bringen." Zudem hält der 55-jährige Landwirt es für wichtig, dass die angeschobenen Projekte wie Flächennutzungsplan, Eigenheimstandorte, Stadtentwicklung Siebenlehn, vor allem die Modernisierung der dortigen Kita, vorangebracht werden. "Und zwar mit den betroffenen Bürgern", betonte Zschommler.


Wahl-Splitter: Hohe Wahlbeteiligung

66,8 Prozent aller Wahlberechtigten haben laut Gemeindewahlausschuss ihre Stimme bei der gestrigen Bürgermeisterwahl abgegeben. Bis 14 Uhr waren es bereits 51 Prozent. Damit hatten sich schon am frühen Nachmittag mehr Bürger beteiligt als zur letzten Bürgermeisterwahl 2011.

Bei der Wahl vor sieben Jahren lag die Wahlbeteiligung bei 40,6 Prozent. Volkmar Schreiter (FDP) hatte noch 97,9Prozent aller gültigen Stimmen erhalten.

4613 Bürger waren wahlberechtigt. 555 von ihnen hatten Briefwahlunterlagen abgefordert. Die anderen nutzten eines der neun Wahllokale.

Besondere Vorkommnisse hat es gestern laut Wahlleiterin Katrin Schlegel keine gegeben. Am Wochenende vor der Wahl hatten Unbekannte 30 Plakate von Volkmar Schreiter mit beleidigenden Sprüchen beklebt.

Zur Bundestagswahl 2017 holte die AfD in Großschirma 42,2 Prozent der Erst- und 40,2 Prozent der Zweitstimmen. Die FDP bekam 5,4Prozent der Erststimmen und 7,9Prozent der Zweitstimmen. Die Wahlbeteiligung lag bei 78,7 Prozent. (hh)


Kommentar: Ein Warnschuss

Nein, der von vielen Bürgern erwartete Erdrutsch ist in Großschirma ausgeblieben. AfD-Herausforderer Rolf Weigand hat es nicht geschafft, den liberalen Amtsinhaber Volkmar Schreiter vom Stuhl des Rathauschefs zu schubsen. Und doch ist in der Stadt nichts mehr, wie es war.

Denn im Wahlkampf sind tiefe Gräben zu Tage getreten, viele Bürger äußerten, dass sie sich von der Stadtverwaltung nicht mitgenommen fühlen. Ob Windkraft, B-101-Ausbau oder Straßenlaternen - die Einwohner dürfen bei kommunalen Themen nicht außen vor gelassen werden. Insofern ist das Wahlergebnis ein Warnschuss. Politiker müssen die Leute und ihre Sorgen ernst nehmen.

Doch das Ergebnis zeigt auch eine gewisse Solidarisierung der Bürger mit dem Amtsinhaber. Denn das Überkleben seiner Plakate war unter der Gürtellinie. Die unbekannten Täter haben nur einsgeschafft: Den bis dahin relative fairen Wahlkampf mit Füßen zu treten.

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