Was "Freie Presse"-Mitarbeiter von ihrem Begrüßungsgeld gekauft haben

Kerstin Pahlitzsch, Redakteurin

"Auf in den Westen! Gut gelaunt sind wir an einem Vormittag im November 89 zu dritt in den Lada gestiegen. Unser Ziel war Hof. Dort angekommen sind wir an dem Tag nicht: In Plauen-Pirk drehte sich kein Rad mehr. Das lag nicht am Auto unseres Kumpels, sondern an den vielen anderen Ossis, die das gleiche Ziel hatten. Also sind wir, nun gar nicht mehr gut gelaunt, zurückgefahren. Beim zweiten Versuch eine Woche später quälten wir uns mitten in der Nacht aus dem Bett, um vor den anderen da zu sein. Die Rechnung ging auf: Kurz nach 6 Uhr hatten wir den kleinen Ort Lichtenberg nahe Hof erreicht. "Da seids schon da", hörten wir beim Bäcker, der uns zeigte, wo wir das Begrüßungsgeld abholen konnten: Dort standen allerdings schon viele Menschen an. Wir reihten uns ein und warteten geduldig auf das Westgeld. Und wir wussten genau, was wir davon kaufen wollten: einen Stereo-Kassettenrecorder mit zwei abnehmbaren Boxen. Das gute Stück war sein Geld tatsächlich wert: Es klimperte mehr als 20 Jahre in unserer Küche."

Eckardt Mildner, Fotograf

"Wir sind damals im geborgten Trabbi der Schwiegereltern nach Berlin gefahren. Für's Begrüßungsgeld standen wir in einer endlosen Schlange, die nie vorwärts ging. Was wir davon gekauft haben, weiß ich nicht mehr genau, ich glaube vor allem Obst und Gemüse. Gerade die Pyramiden mit Südfrüchten in den Supermärkten waren faszinierend - ich habe unsere Kinder davorgestellt, fotografiert und daheim haben wir dann überlegt, was das für Früchte sein könnten." (lasc)

Ingolf Rosendahl, Redakteur

"Mein Begrüßungsgeld habe ich im Dezember 1989 in West-Berlin in Empfang genommen. Angelegt habe ich es komplett in Science-Fiction-Literatur aus einem Second-hand-Laden. Darunter befand sich unter anderem der Roman "Wir" des sowjetischen Dissidenten Jewgeni Samjatin und weitere Werke, die damals im Osten nur in Giftschränken lagerten. Mit zwei Plastetüten voller Taschenbücher kehrte ich zum Grenzübergang zurück. Das mulmige Gefühl war aber unnötig: Niemand interessierte sich für mich. Die Bücher habe ich immer noch."

Grit Baldauf, Regionalleiterin

"Mein Begrüßungsgeld habe ich wenige Tage nach dem 9. November in Bochum abgeholt. Ich erinnere mich, dass ich unter anderem eine Jeans dafür gekauft habe. Gemeinsam mit meinen Eltern und meinem damaligen Freund fuhren wir am Wochenende nach dem 9. November mit unserem Skoda in den Westen, zu Bekannten im Ruhrgebiet, die wir im Bulgarien-Urlaub kennengelernt hatten. Dort holten wir unser Begrüßungsgeld ab. Ich weiß noch, wie fremd und aufregend sich das anfühlte."

Wieland Josch, freier Mitarbeiter

"Um ehrlich zu sein: Ich weiß nicht mehr, was ich von meinem Begrüßungsgeld gekauft habe. Ich weiß nur noch, dass ich in Berlin über den Potsdamer Platz und in einen Keller gegangen bin. Dort war niemand - es war schon einige Tage nach dem Mauerfall - außer drei freudestrahlenden Personen, die mir die hundert Mark ausgehändigt haben."

Steffen Bauer, Sportredakteur

"Ich habe mein Begrüßungsgeld fast 1:1 in Asterixhefte umgesetzt - das von meiner Oma noch dazu. Wir sind damals mit der Studentenclique nach Bayreuth gefahren und durch die Stadt getigert. Für die vielen Hefte habe ich sogar Rabatt bekommen."

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