Was noch zum Welterbe taugt

Hier steht, was wirklich wichtig ist. Heute: Freiberg hat allerhand zu bieten. Sogar verstaubte Pläne für die Ortsumgehung.

Was war das für eine Erleichterung in den Tälern und auf den Höhen, in den Städten und auf den Dörfern des Erzgebirges, als am vergangenen Wochenende in jener futuristisch gestalteten Hauptstadt von Aserbaidschan der Hammer einer Sitzungsleiterin auf den Tisch krachte und das Wort "Angenommen!" durch den Saal hallte. Mit diesem kurzen Akt wurde ein langer Prozess beendet, der sich über zwei Jahrzehnte nicht jedes Mal mit Aussicht auf den erhofften Erfolg hingezogen hatte. Und da Sie, liebe Leser, gewohnt sind, dass an dieser Stelle nicht immer alles bierernst genommen werden sollte, sei nun trotzdem einmal etwas geschrieben, was aus tiefstem Herzen kommt: Herzlichen Glückwunsch, Montanregion Erzgebirge, zum Weltkulturerbe! Du hast es Dir verdient. Nun mach was draus!

Nachdem all die weiblichen und männlichen Heroen, die durch ihren unermüdlichen Einsatz für diesen Erfolg gesorgt haben, ihr Werk jetzt vollendeten, kommen nämlich neue Aufgaben auf die Region beiderseits der Grenze zu. Nicht nur, dass man jetzt hoffen darf, demnächst über mehr Fördergelder zu verfügen, nun muss mit dem Geld auch Sinnvolles angestellt werden, das sowohl dem Erhalt der bergbauhistorischen Anlagen als auch der Erweiterung touristischer Möglichkeiten dient. Doch werden sich darum schon die richtigen Leute kümmern ... hofft man.


Alle anderen, und damit sind sämtliche Einwohner der Region gemeint, haben jetzt aber ein nicht zu unterschätzendes Problem. Denn wenn etwas 20 Jahre lang eine Region auf Trab gehalten hat, sie vor allem zum Ende hin regelrecht unter Spannung setzte, und dann dieser Druck nachlässt, weil erreicht wurde, was zu erreichen war, dann mischt sich in all den Stolz darüber, Welterbe zu sein, auch eine gewisse Leere. Die zu füllen, muss nun Aufgabe sein. Und wie könnte man das besser tun, als sich auf die Suche zu machen, was denn nun noch alles zum Weltkulturerbe gemacht werden könnte.

Zumindest in Freiberg sollte man damit keine allzu großen Mühen haben. Bei all dem Hype um Sabine Ebert und ihre Mittelalter-Romanzen mit den allseits bekannten Protagonisten Marthe und Christian, sollte es doch spielend möglich sein, die Bücher mal ganz flott zum Welterbe zu erklären. Oder wäre das zu dick aufgetragen? Immerhin hat Frau Ebert in ihrer Festrede zum Silberrausch im vergangenen Jahr darauf hingewiesen, dass man aus ihrer Feder ja ein wahres Pfund für die touristische Vermarktung der Silberstadt in die Hände bekommen habe, mit dem man ruhig wuchern solle. Macht man ja. Immerhin gibt es nach wie vor Führungen, und Marthe nebst Christian waren in der vergangenen Woche sogar "persönlich" da, als die Landesbühnen Sachsen das Hebammenstück im Schloss Freudenstein aufführten. Doch erscheint dies als Welterbevorschlag denn doch etwas plakativ und zu einfach. Noch dazu, weil es durchaus eine interessantere Idee gibt:

Tief unter der Erde, in den fast vergessenen Gewölben unter dem Landesamt für Straßenbau und Verkehr, in einer von Staub und Schimmel überzogenen, von Spinnweben umstrickten Kiste, auf der - kaum noch erkennbar - das Wappen Freibergs prangt, da lagern sie, jene nun schon antiken Pläne für die Ortsumgehung Freibergs. Einst von allzu optimistischen Herrschaften entworfen und nun dazu verdammt, womöglich auf ewig in ihrem finsteren und feuchten Grab zu ruhen, auf dass niemals Hand angelegt werde an die waldige Heimstatt von Fledermäusen, Salamandern und was sich sonst noch zur Not finden lässt. Einmal alle paar Jahre wird ein wehrloser Praktikant hinunter geschickt in jene Keller, damit er nachschaut, ob noch alles da ist. Und wenn er - glücklich darüber, es überstanden zu haben - wieder ans Tageslicht kommt, dann bringt er Kunde mit von jenem Schatz, der dort ruht. Auch hier reden wir von Jahrzehnten, und da sich die Ortsumgehung mittlerweile zum Freiberger Running Gag par excellence gemausert hat, steht ihr zweifelsfrei ebenfalls ein eigener Welterbetitel zu.

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