Wenn die Stimmung umschlägt

Pöbelnde Fahrgäste, randalierende Patienten in der Notaufnahme oder aggressive Hotelgäste - für immer mehr Beschäftigte gehören gefährliche Situationen zum Alltag. Wie man damit umgeht, vermittelt ein spezielles Training in Freiberg.

Freiberg.

"Stopp", ein Wort nur, unvermittelt, laut, durchdringend. Für eine Sekunde schrecken die beiden jungen Männer auf. Sie halten inne. Denise Preuß bleibt Zeit zu reagieren. Sie geht ein paar Schritte zurück, rückwärts, die zwei Streithähne fest im Blick. Ganz nebenbei und fast unbemerkt hat sie mit ihrem Smartphone die Polizei alarmiert.

Dirk Adler nickt zufrieden. Der 50-Jährige ist Leiter der in Freiberg ansässigen IF Sicherheit GmbH. Bundesweit berät Adler Unternehmen in Sicherheitsfragen. Aber auch Mitarbeiter beispielsweise von Hotels, Kliniken und Verkehrsbetrieben im Umgang mit aggressiven Kunden und Patienten zu schulen, gehört zu seinem Metier, so wie heute. Denise Preuß, Krankenschwester in der Freiberger Notaufnahme, wird am Ende des Tages sagen, sie könne sich gut vorstellen, dass es in ihrem Berufsalltag zu einer solchen Situation kommt.

Zwei Patienten sitzen im Wartebereich. Plötzlich fehlt einem das Portemonnaie. Es kommt zu einem Streit, der von Minute zu Minute an Schärfe gewinnt und in eine Schlägerei auszuarten droht. Die Krankenschwester versucht zwischen den Kontrahenten zu vermitteln - allerdings vergebens. Sie redet auf sie ein, ruhig, bedacht, keinesfalls aggressiv, so wie es ihr Dirk Adler wenige Minuten zuvor geraten hatte. Doch auch das gehört zum Szenario, die beiden anderen Kursteilnehmer sollen sie ignorieren und einfach weitermachen. Schließlich dieser Schrei, dieses "Stopp", ein Ausrufezeichen für die anderen, eine Atempause für sie, um sich in Sicherheit zu bringen. "Nicht den Rücken zudrehen, rückwärts schlürfen, damit Du nicht stolperst", befiehlt Adler, der ausgebildete Personenschützer, der früher in Krisen- und Kriegsgebieten eingesetzt war, der zierlichen jungen Frau. Die Übung ist vorbei.

"Was ihr heute lernt, könnt ihr nicht nur im Beruf, sondern auch im Privaten gebrauchen", fährt Dirk Adler fort. Die Frau, die nachts und allein in der Tiefgarage ist, die Supermarktkassiererin und der Kellner im Restaurant, allesamt können sie in gefährliche Situation geraten, wird der Sicherheitsexperte später gegenüber der "Freien Presse" sagen. Dabei sei es manchmal besser, einen Schritt zurückzugehen, um die Lage zu entschärfen. "Ein Patentrezept gibt es aber nicht. Auf jede Situation muss man entsprechend reagieren."

Und diese unangenehmen Situation nehmen offenbar zu. Denn der Umgangston in der Gesellschaft wird rauer. "Die Hemmschwelle ist gesunken, auch die Bereitschaft Waffen zu benutzen", hat Dirk Adler beobachtet. Beleidigt, bespuckt, angepöbelt oder im schlimmsten Fall angegriffen - immer mehr Berufstätige können von aggressiven Kunden erzählen. Egal, ob es sich um Mitarbeiter des Jobcenters handelt, um Zugbegleiter oder um Sanitäter. Daran lässt der Sicherheitsexperte bei seinen Schilderungen keinerlei Zweifel aufkommen.

Auch Busfahrer der Chemnitzer Verkehrs-AG waren vor nicht allzu langer Zeit Leidtragende. "Wir hatten drei sehr bedauerliche Überfälle", bemerkt Pressesprecher Stefan Tschök. Die Lage in den Jahren zwischen 2015 und 2017 bezeichnet er als dramatisch. Das Unternehmen handelte. Bei neuen Omnibussen setzt die CVAG auf Sicherheit. Die Fahrer sitzen dort hinter Trennscheiben aus Plexiglas. Außerdem patrouillieren Sicherheitskräfte in unregelmäßigen Abständen an den Endhaltestellen. In der Vergangenheit hatten die Fahrer der CVAG laut Tschök bereits solche speziellen Schulungen besucht. Aktuell ist das jedoch nicht der Fall.

Auch wenn der Chemnitzer Verkehrsbetrieb zurzeit außen vorbleibt. "Die Nachfrage nach Deeskalationstrainings steigt", sagt Dirk Adler. Die Ziele, die er dabei verfolgt: Die Teilnehmer sollen gefährliche Situationen besser einschätzen lernen und sich bewusst sein, dass anstatt sich zu wehren, ein Rückzug die beste Option für einen sein kann. "Eine Schlägerei gewinnt keiner", ist er überzeugt. Denise Preuß nickt zustimmend und ergänzt: "Hier habe ich einen Fahrplan erhalten, wie ich reagieren kann."

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...