Wenn Hilfe zum Leben nötig wird

Neue Konzepte müssen her, um mehr behinderte junge Menschen, aber auch Senioren umfassend zu betreuen. Dass der Bedarf steigt, erfährt das Diakonische Werk Freiberg täglich - und arbeitet bereits an der Umsetzung.

Freiberg.

Sie heißen Wolke, Insel, Family und Traumhaus - doch gemeint sind keineswegs Ferienorte in der Südsee. Die Worte stehen für Wohngruppen, in denen junge Menschen mit Behinderungen mitten in Freiberg ihr Zuhause gefunden haben. Insgesamt 43 Plätze bietet die Freiberger Diakonie in acht Wohngruppen an. Die Jugendlichen, die tagsüber in den Werkstätten "Friedrich von Bodelschwingh" arbeiten, werden nachmittags von Mitarbeitern der Diakonie in den Wohngruppen betreut. Das ist eines der Konzepte, die das Diakonische Werk Freiberg - ein gemeinnütziger Verein - jüngst realisiert hat. "Wir brauchen aber weit mehr Betreuungsplätze auf verschiedenen Gebieten", sagt Irene Tempel, Vorstandsvorsitzende der Diakonie, unter anderem verantwortlich für Finanzen.

Mit 320 Mitarbeitern und ebenso vielen Ehrenamtlern nimmt sich der Sozialverein vornehmlich in Freiberg jener Menschen an, die ihren Alltag nicht allein bewältigen können. Arbeiten, Lernen, Wohnen, Beraten und Pflegen nennt Irene Tempel dabei als Fundament der diakonischen Arbeit für Betroffene. Tagesbetreuung für junge Menschen soll erweitert werden: "Immer mehr schwerstbehinderte junge Menschen erhalten durch uns Unterstützung", umreißt Georg Rudolph den geplanten Ausbau dieser speziellen Tagesbetreuung. Um zehn Plätze in einem Neubau soll die bestehende Anlage am Kretzschmarstift an der Hainichener Straße in Freiberg erweitert werden. "Das Grundstück haben wir schon gekauft", erläutert das Vorstandsmitglied, das für Bau und Technik verantwortlich zeichnet. Die Erklärung liege auf der Hand: Schwerstbehinderte junge Leute, die nach ihrer Schulzeit die ebenfalls von der Diakonie betriebene Förderschule "Albert Schweitzer" verlassen und in der Behindertenwerkstatt arbeiten, brauchen nachmittags ebenso Hilfe. "Das betrifft nicht nur ältere Menschen", sagt Georg Rudolph. Die neuen Plätze seien hauptsächlich nötig, um die Eltern der jungen Menschen zu entlasten. "Die Betreuungszeiten verlängern sich, denn auch mehr junge behinderte Menschen besuchen diese Schule und benötigen auf ihrem Lebensweg danach Unterstützung", spricht der 38-Jährige die sich verändernde Situation an. Mehr soziale Hilfe schon für die Kleinsten: "Damit sich kleine Kinder gut entwickeln können, benötigen manche frühzeitige Förderung", beschreibt Vorstandsmitglied Catrin Krause ein sensibles Gebiet, auf dem die Diakonie nach eigener Einschätzung Eltern in größerem Umfang als in der Vergangenheit beratend und helfend zur Seite steht. Die 55-Jährige bringt es auf den Punkt: "Soziale Betreuung wird zunehmend nötig - auch für die Jüngsten." Die Frühförderung der Diakonie ist für Kinder bis zum Schuleintritt vorbehalten. Logopäden, Heilpädagogen und andere Fachleute kümmern sich um die Kleinsten. Zum Glück, so Catrin Krause, reagierten Kinderärzte sensibel auch auf sich ändernde häusliche Bedingungen. Schon kleine Kinder zeigten mehr Defizite. Handynutzung und vieles Fernsehen, fehlende Kommunikation mit den Eltern und ein schwieriges soziales Umfeld hemmen Kinder in ihrer Entwicklung, stellen auch die Therapeuten zunehmend fest. "Da braucht nicht selten die ganze Familie Hilfe. Wir beziehen sie ein, aber die Eltern müssen es wollen", sagt Catrin Krause. Schwangerenkonfliktberatung zunehmend gefragt: Insgesamt 1557 Gespräche für Frauen und Familien haben die Mitarbeiterinnen der Schwangeren- und -konfliktberatung im Jahr 2018 geführt. In etwa 15 Prozent davon seien Ausländer und Flüchtlinge beraten worden. "Das schönste ist, wenn wir Leben erhalten können", sagt Irene Tempel. Aufgrund zunehmender Anfragen an die Beratungsstelle sei diese im Vorjahr um die Viertelstelle aufgestockt worden. Denn die Arbeit umfasst weit mehr: "Wir helfen auch Frauen, die trotz schwieriger Situation ihr Kind bekommen haben", umreißt sie ein weiteres Feld der speziellen sozialen Hilfe. So erhalten nach ihren Worten gegenwärtig etwa 200 Frauen zum Beispiel für die Erstausstattung Geld aus Stiftungstöpfen. Dennoch: Nach Beratungen stellen die Mitarbeiterinnen auch Scheine für den Schwangerschaftsabbruch aus. Neue Ideen für das Seniorenwohnen: Insgesamt 55 Wohnungen für jene Senioren, die Pflege und Betreuung im Alltag brauchen, bietet die Diakonie an zwei Standorten in Freiberg an - in der Wallstraße und im Theaterviertel. Auch eine Tagespflege mit zwölf Plätzen ist bei den älteren Menschen gefragt, so Catrin Krause. Für die oft behinderten Frauen und Männer stehen Fahrdienste und soziale Angebote bereit. Eine eigene Sozialstation mit Sitz in der Wallstraße betreibt die Diakonie ebenso. Die hier beschäftigten Pflegekräfte betreuen etwa 200 Patienten. In etwa zwei Jahren soll das Wohnen für behinderte Senioren in der Bergstadt eine besondere Erweiterung erfahren. Georg Rudolph blickt voraus: "Dafür liegen Konzepte vor, aber sie müssen noch verfeinert werden."


Viele Berufe vereint

Das Diakonische Werk Freiberg hat einen Jahresumsatz von 21 Millionen Euro. Davon betragen die tariflich gebundenen Personalkosten für die etwa 320 Mitarbeiter rund 12,7 Millionen Euro. Tätigkeitsgebiete sind auch Suchtberatung, Hospizarbeit, Wohnungslosen- und Kirchenbezirkssozialarbeit, psychosoziale Beratung. Finanziert wird der gemeinnützige Verein im Kirchenbezirk Freiberg durch den Kommunalen Sozialverband Sachsen, die Kranken- und Pflegekassen, den Landkreis Mittelsachsen, den Freistaat sowie über Spenden und Mitgliedsbeiträge. Die Mitarbeiter spiegeln ein breites Berufsspektrum nicht nur im sozialen Bereich wider. Auch Quereinsteiger sind tätig. Jährlich stellt die Diakonie zehn Ausbildungsplätze zur Verfügung, darunter kontinuierlich einen Platz für angehende Altenpfleger. (ar)

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