Wenn Jugendliche ihr zweites Zuhause verlieren

Früher war der Kindertreff des "Bunten Hauses" ein beliebter Anlaufpunkt. Das hat sich geändert. Einige frühere Besucher treffen sich jetzt auf der Straße.

Freiberg.

Einst war der Kindertreff im "Bunten Haus" auf dem Wasserberg für Sebastian, Abdul, Kai und Daniel* ein zweites Zuhause und dessen damaliger Leiter Thomas Starke so etwas wie ein Ersatzvater. Doch im April ist Kindertreffchef Starke ebenso wie die Leiterin des Hauses, Sylvia Richter, vom Christlichen Jugenddorfwerk (CJD) Sachsen, dem Träger der Einrichtung, versetzt worden. Beide wurden durch neue Mitarbeiter ersetzt. "Inzwischen sind kaum noch Besucher im ,Bunten Haus'", sagt Freie-Wähler-Stadträtin und Chorleiterin Heidi Hinkel.

Auch Sebastian (16), Abdul (17), Kai (16) und Daniel (14) kommen seltener in den Treff - oder gar nicht mehr. Alle vier betonen gegenüber der "Freie Presse", dass dies nicht an der neuen Leiterin des Kindertreffs, Katrin Schlude, liegt.


Die vier Jugendlichen vermissen Thomas Starke, der große Fußstapfen hinterlassen hat. "Er war eine richtige Bezugsperson. Mit ihm konnte man über alles reden, er hat alle gleich behandelt", sagt Kai. Und wenn es Streit zwischen den Kindern gab, habe Starke geschlichtet. "Für uns war Thomas Starke das ,Bunte Haus'", so Daniel. Früher sei er jeden Tag nach der Schule im Treff gewesen. Er habe Fußball, Billard, Darts, Tischtennis und Monopoly gespielt. "Und mittags habe ich mit gekocht und mit gegessen." Mal gab es Lasagne, mal Eierkuchen, mal Spaghetti, mal einen Auflauf. Auch jetzt gehe er in den Treff, aber nicht mehr so oft. "Ich kann ja nichts anderes machen", sagt Daniel. Allerdings seien deutlich weniger da, teils nur zwei bis drei junge Leute, berichtet der Schüler. "Eigentlich bin ich gewöhnt, dass ich hier reinkomme und viele Kinder sehe. Es fehlt etwas." Seine Stimme hebt sich, als er davon erzählt, dass Senior Frank Hentschel kürzlich wieder einmal etwas für die Kinder gekocht hat. "Das war wie früher", meint Daniel.

Dass er Starke schon von klein auf kennt, sagt der 16-jährige Sebastian. Der frühere Kindertreffchef sei immer für ihn da gewesen - egal, ob er Ärger in der Schule oder Stress mit der Familie hatte. "Wenn ein Elterngespräch anstand, ist er mit in die Schule gekommen. Und wenn mein Fahrrad kaputt war, hat er es repariert", berichtet Sebastian, der mit seinem Vater allein lebt. Starke habe es geschafft, dass Besucher des Treffs sich zusammenraufen, auch wenn sie sich vielleicht nicht auf Anhieb mochten. "So habe ich hier Freunde gefunden", sagt Sebastian.

Er erinnert sich genau an den Tag, als Starke den Kindern sagte, dass der Treff ab Montag geschlossen ist. Wenn er davon erzählt, ist ihm anzumerken, dass damals für ihn eine Welt zusammenbrach. Das weiß Heidi Hinkel: "Der Junge war mit dem ,Bunten Haus' sehr verbunden. Wenn es darauf ankam, war er da und hat geholfen - er gehörte einfach dazu", so die Freibergerin, die mit ihren Hinkelsingers im Mehrgenerationenhaus probt. Inzwischen sind Sebastian und Kai, seit sechs Jahren Stammgast, nicht mehr im Kindertreff, wie sie berichten. Ab und zu seien sie auf Skaterbahnen oder auch im "Pi-Haus". Heidi Hinkel erzählt von zwei Mädchen, die einst Stammgäste im Treff waren, und jetzt auf der Straße herumlungern. "Die hängen mit denen ab, die mit 14 Jahren Bier trinken", sagt sie.

Abdul kam vor drei Jahren aus Afghanistan nach Deutschland. "Seitdem bin ich im 'Bunten Haus' gewesen", erzählt er. Thomas Starke habe mit ihm Deutsch und Mathe gelernt, und "Frau Heidi" - so reden die vier Jugendlichen die Freiberger Stadträtin an - habe mit ihm auch Deutsch gelernt. "Hier habe ich Freunde", sagt Abdul, der wegen eines Hörfehlers eine Förderschule besucht und in der Hörbehinderten-Berufsschule in Leipzig eine Ausbildung zum Maler absolvieren will. Nach wie vor gehe er in den Treff - aber nicht mehr so oft.

Im Kindertreff sind jetzt die Wände dunkelrot abgesetzt. Wie es weiter geht, dazu nahm das CJD auf Anfrage keine Stellung. Sprecherin Corinna Thamm kündigte allerdings für nächste Woche eine Pressemitteilung an.

*Namen von der Redaktion geändert.

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1Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 2
    0
    Diablo
    14.06.2019

    Dafür gibt's einfach keine Worte mehr. Es ist traurig, unverständlich, nicht nachvollziehbar sowie unverantwortlich und eine Schande wie die Politik mit Kindern und Jugendlichen umgehen kann. Keiner, aber auch wirklich keiner braucht sich dann wundern wenn die Menschen kein Vertrauen mehr zu unserer Politik haben. Tut mir in der Seele weh, wenn alles Gute und Soziale zerstört wird. Dabei ist es genau das, was eine Gesellschaft stärkt und unsere Zukunft sein soll!!!



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