Wettlauf gegen das Waldsterben

Sind Mittelsachsens Wälder zu retten? Experten malen ein düsteres Bild von den Zuständen. Und sie bezeichnen es als teure gesellschaftliche Aufgabe, den Wald passend zum Klimawandel umzubauen.

Freiberg.

Die Forstexperten sind sich einig: "Die Ereignisse seit Oktober 2017 und deren Verkettung haben zu extremen Waldschäden geführt - die weitere Dynamik ist noch nicht absehbar." Auf großer Fläche droht der Verlust "wichtiger landschaftsökologischer Waldfunktionen wie auch der nachhaltigen Produktion von Holz als Energie- und Rohstoffquelle", fasst Kristina Funke, Sprecherin im Forstbezirk Bärenfels, zusammen.

Die Dramatik um die mittelsächsischen Wälder - sie erfasst private, kommunale und staatliche Gebiete gleichermaßen - wird anhand der Zahlen deutlich. So kommen laut Funke allein im Forstbezirk Bärenfels seit Oktober 2017 durch Stürme, Schneebruch, Trockenheit und Borkenkäfer-Fraß fast 500.000 Kubikmeter Schadholz zusammen. Von einer ähnlich großen Menge spricht der Marienberger Forstbezirkschef Ingo Reinhold. "Mit den etwa 400.000 Kubikmetern an geschädigtem Holz, wie es allein bei uns im Landeswald angefallen ist, lassen sich etwa 130 Güterzüge beladen", veranschaulicht er. Bernd Ranft, Leiter Staatsforstbetrieb mit Forstbezirk Chemnitz, beziffert den Umfang in seinem Zuständigkeitsbereich gar mit annähernd 600.000 Kubikmetern Schadholz. Sein Fazit fällt drastisch aus: "Die Fichte ist besonders in der nördlichen Region des Landkreises nicht zu retten." Schwer tun sich die Forstleute allerdings damit, die betroffenen Waldflächen zu benennen.


Das Problem sei längst nicht gebannt, eine Verbesserung überhaupt nicht absehbar. Die derzeitige Witterung und der Trockenstress, der seit 2018 vor allem den Fichten, inzwischen aber auch Lärchen und Buchen zusetzt, ist laut Peter Ranft geradezu ideal für verschiedene Arten von Waldschädlingen.

Ingo Reinhold spricht von der größten Borkenkäferplage seit dem Zweiten Weltkrieg, die die damalige Schadholzmenge um das Vierfache übersteigen könnte. Zudem sterben wegen der Trockenheit bei Rotbuchen vermehrt die oberen Kronenbereiche ab, und um die Verdunstung zu minimieren, werfen Laubbäume inzwischen die Blätter ab. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit, und es ist zweifelhaft, ob die Forstleute ihn gewinnen können, wie sie sagen. Ziel ist es laut Ingo Reinhold, im Marienberger Bereich bis zum Winterbeginn das Schadholz weitgehend aufzubereiten und so die Gefährdung für das kommende Jahr einzudämmen. Doch während der Forst - die Unternehmen zur Waldbearbeitung kommen wegen des gewaltigen Arbeitsumfanges und der Auslastung auch aus anderen Bundesländern - noch mit der Schadholzbeseitigung nach den Extremereignissen der vergangenen 20 Monate beschäftigt ist, fressen sich die Schädlinge weiter durch noch gesunde Bäume. "Deshalb sind unsere Mitarbeiter ständig unterwegs, um neuen Käferbefall zu melden - inzwischen geschieht das über eine App", erklärt Bernd Ranft.

Längst ist parallel zu den Arbeiten für die Rettung des Waldes die Debatte um dessen nachhaltigen Umbau in Mittelsachsen im Gange. Laut Bernd Ranft müssen standort- und klimaangepasste Mischwälder entstehen. Für die gesellschaftliche Aufgabe des Waldumbaus sind "ein hohes Tempo, verbunden mit großen Investitionen an Arbeitskräften und Geld nötig", sagt Kristina Funke. Dennoch: Die Entwicklung der Wälder werde in Generationen bemessen und könne nicht in wenigen Jahrzehnten völlig umgekehrt werden.

Bewertung des Artikels: Ø 5 Sterne bei 2 Bewertungen
2Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 6
    0
    saxon1965
    30.07.2019

    @ Juri: Alles richtig was sie schreiben. Nur diskutieren wir immer wieder nur über die Symptome, nie über die Ursachen.
    In allen Bereichen unseres Lebens, ob Natur, Gesundheit, Soziales oder gar Weltfrieden, zieht sich das Streben nach maximalem Gewinn (meist privatem) und der Privatisierung von gesellschaftlichem Eigentum (u. a. Steuern) wie ein roter Faden.
    Solange nicht konsequent umgesteuert wird und das werden die Nutznieser dieses Alle und Alles vernichtenden Systems wohl nicht freiwillig tun, hin zu einer s. g. Gemeinwohlwirtschaft, wird das "Kind auch weiter in den Brunnen fallen".

  • 3
    3
    Juri
    30.07.2019

    Auch für so pessimistische Kommentare bin ich dankbar. Sie zeigen: Es bewegt sich etwas. Bestenfalls in die richtige Richtung.
    Alles was im letzten Abschnitt des Artikels an geistigen Ergüssen zu Papier gebracht wurde, ist allerdings nicht neu.
    Das wird an den Hochschulen für Forstwirtschaft (wir haben sogar eine in der Region) gelehrt und steht dort und anderswo in dicken Büchern. Selbst politisch wurde es hier und da schon „ernsthaft“ diskutiert.
    Warum reagieren wir Menschen immer erst dann, wenn das Kind droht in den Brunnen zu fallen oder bereits drin liegt?
    Richtig, aber dennoch peinlich ist es, dass unsere Kinder uns aktuell und mit Nachdruck auf diese zahlreichen Nachlässigkeiten in der Vergangenheit aufmerksam machen müssen.
    Schlimm, dass es immer noch die gibt, die ihnen unterstellen, Freitags keine Lust auf Schule zu haben.
    Dieses und andere Umweltthemen sind so ernst, dass die Kinder eigentlich auch montags noch demonstrieren müssten.



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