Wie es Landärzte meistern

Während sich die Krankenhäuser auf die Viruswelle und viele Patienten vorbereiten, müssen rund 200 Hausärzte zwischen Bockelwitz und Neuhausen vor allem mit den Sorgen der Patienten umgehen. Von entspannt bis angespannt - so beschreiben sie aktuell ihren Alltag.

Frauenstein/Sayda/Wechselburg.

Große Einkaufstempel, Fußballstadien und tausende Menschen im öffentlichen Nahverkehr gibt es auf dem Lande in Mittelsachsen nicht. Wie sieht es angesichts der Verbreitung des Coronavirus in hiesigen Landarztpraxen aus?

Er hatte gerade seine Vollschutzkleidung abgelegt am Montagnachmittag, als der Allgemeinmediziner Dr. Ulrich Kurenz am Telefon sagt: "Ich habe allein heute vier Tests wegen möglicher Corona-Infektion gemacht." Insgesamt spricht der Frauensteiner von 20 Patienten, von denen er in seiner Praxis bislang Abstriche genommen hat. "Ein Test war positiv", resümiert er.

Flur und separate Test-Räume: Damit jene, die zum Corona-Abstrich kommen, sich von den anderen Patienten fernhalten können, läuft auch in Frauenstein zunächst alles über einen Anruf. Dann betreten die zu Testenden durch einen separaten Hausflur Räume außerhalb der Praxis. "Das funktioniert gut", sagt Ulrich Kurenz. Insgesamt schätzt er die Situation als ruhig, jedoch angespannt ein. "Am Montag hatten wir 149 Patienten - das reichte vom Telefonanruf über die Behandlung in der Praxis bis zum Corona-Test", resümiert der Hausarzt den ersten Arbeitstag dieser Woche. Und er appelliert: "Wir brauchen dringend Mundschutz."

Er habe bereits die Kassenärztliche Vereinigung, die Apotheke und auch andere Kontakte informiert - Masken allerdings gebe es nirgendwo. Die aber sind für ihn und die Schwestern in seiner Praxis derzeit lebensnotwendig. "Wir alle arbeiten mit Mundschutz und Handschuhen. Wir desinfizieren ständig, und die Anmeldungstheke ist mit einer Plexiglasscheibe vom Warteraum getrennt", erklärt Ulrich Kurenz. Anrufe und Nachfragen: "Die Situation ist entspannt", sagt Dr. Tilo Huster, Allgemeinmediziner in Sayda, auf Nachfrage von "Freie Presse". "Auch die Patienten nehmen Corona bis jetzt in Ruhe wahr", so sein Eindruck. Bis Montagnachmittag habe die Praxis noch keinen Patienten gehabt, der die Risikokonstellation des Coronavirus erfülle, heißt es aus der Gemeinschaftspraxis. Anrufe und Nachfragen ja, aber auch das "relativ wenig", sagt der Arzt.

Um Patienten zu schützen, verzichte er derzeit auf Routineuntersuchungen. Rezeptwünsche würden per Telefon angenommen; Patienten mit Infekt und Patienten ohne Infekt warten in separaten Bereichen auf ihre Untersuchung.

Und Krankschreibungen? "Wenn ein Patient, den wir kennen und dessen Daten in unserem System hinterlegt sind, wegen eines einfachen Atemwegsinfektes anruft, dem stellen wir eine Krankschreibung aus. Die kann abgeholt werden, oder wir schicken sie zu", erläutert Huster. Ein paar davon habe er bereits ausgestellt. Wenn es aber ein schlimmerer Infekt, womöglich Angina oder Lungenentzündung ist, muss der Patient behandelt und eventuell mit Antibiotika versorgt werden, erklärt der Allgemeinmediziner.

Separater Eingang: Für den Fall, dass ein Patient Symptome an sich feststellt, die zu einer Coronavirusinfektion passen, sollte er an der Türklingel der Saydaer Gemeinschaftspraxis läuten. Der Patient werde dann über einen separaten zweiten Eingang in ein Untersuchungszimmer geführt. Unter Schutzmaßnahmen werde ein Abstrich gemacht. Je nachdem, wie es dem Patienten geht, werde er in häusliche Isolation geschickt oder bei schlimmerem Verlauf - ins Krankenhaus gebracht. "Testmöglichkeiten haben wir. Das Equipment unterscheidet sich nicht von dem für einen Grippe-Test", erläutert Huster.

Tests am Ende der Sprechstunde: "Ich erlebe unsere Patienten als gefasst, aber natürlich beunruhigt", sagt Dr. Ludger Mende. Er führt eine internistische Hausarztpraxis in Wechselburg. Tests bei Patienten, die Symptome einer möglichen Corona-Infektion zeigen, würden am Ende der Sprechstunde vorgenommen. Innerhalb der letzten Tage seien zunehmend mehr Patienten vom Gesundheitsamt abgelehnt worden. "Sie kommen dann in die Sprechstunden, und wir müssen entscheiden, was und wie wir weiter vorgehen", so Mende weiter. In der vergangenen Woche seien etwa 60 Abstriche durchgeführt worden. Und das, wie Mende betont, ohne eine Sicherheitsausrüstung. "Derzeit verfüge ich über fünf Masken aus dem Baumarkt, und wir tragen routinemäßig OP-Schutzmasken, die jedoch eine Infektion nicht verhindern. Wir haben keine Schutzkittel", kritisiert Mende.

Tests im Innenhof: Genau auf dieses Problem weist auch Dr. Martin Grzelkowski, Allgemeinmediziner in Rochlitz hin. Mundschutz sei ihm neun Mal zugeteilt worden, dazu acht Einwegkittel. Insgesamt fünf Tests habe er durchgeführt, alle im Innenhof. Von den Einmalkitteln seien demnach noch drei übrig. Getestet werde nur, wer Kontakt zu Erkrankten hatte und Atemwegssymptome zeige. Ebenso wie in Wechselburg und in Sayda sei Stand Montag noch kein positiver Befund auf Corona dabei gewesen. Unter anderem durch das Verschieben von Vorsorgeuntersuchungen und das Verlängern von Nachuntersuchungsintervallen sei bislang Platz im Wartezimmer. Seine Patienten, so Martin Grzelkowski, seien sehr verängstigt und verunsichert.


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