"Wir erleben Schulangst, fast Verzweiflung"

Letzter Schultag zwischen Anspruch und Realität: Langjährige Pädagoginnen warnen, dass Integration an Oberschulen derzeit kaum gelingt

Brand-Erbisdorf.

Zu wenig Lehrer, so geht Schule nicht: Mit einem öffentlichen Appell an Landtagskandidaten hat die Brand-Erbisdorfer Oberschulleiterin Martina Kilian darauf aufmerksamgemacht, wie Inklusion und Integration von Schülern mit Förderbedarf im Schulalltag nicht funktionieren. Im Gespräch mit Redakteurin Astrid Ring schildern Kilian und ihre Stellvertreterin Ines Lehmann, wo es klemmt und was Behörden und Politik bewegen müssen, damit jedes Kind bestmöglichen Unterricht erhält.

Ihre Oberschule gehört mit reichlich 500 Schülern zu den großen in Mittelsachsen. Wie viele Klassen mit Integrationsschülern unterrichten die 40 Lehrer?


Martina Kilian: Wir unterrichten in fast allen 21 Klassen Integrationsschüler. Im nächsten Schuljahr sind es zwischen einem und drei Schüler je Klasse mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Ines Lehmann: Das sind in der Hauptsache Schüler mit Defiziten in der sozial-emotionalen Entwicklung; sie haben einen Förderstatus. Deshalb besuchen sie bis maximal Ende der Klasse sechs die Förderschule und kommen dann zu uns. Wenn die Eltern es wünschen, können die Kinder jedoch auch schon eher zur Oberschule wechseln.

Wo liegt das Problem?

Kilian: In der Förderschule mit Schwerpunkt sozial-emotionale Entwicklung haben die Klassen maximal 7 oder 8 Schüler und meist dieselben Lehrer. An der Oberschule herrscht ein anderer Alltag: Sie kommen in einen großen, festen Klassenverband, müssen sich völlig neu einfinden. Die Lehrer wechseln jede Stunde, es fehlt die feste Bezugsperson. Das überfordert nicht nur die Neulinge, sondern auch ihr Umfeld - neue Mitschüler und Lehrer.

Wie wirkt sich das auf Schüler und Lehrer aus?

Lehmann: Wir erleben Schulangst, fast Verzweiflung, auch Verweigerung. Andere Schüler sind hochgradig aggressiv, kaum steuerbar. Es müsste sich ständig jemand um sie kümmern. Das kann ein Lehrer aber nicht leisten, der eine volle Klasse unterrichtet. In Integrationsklassen sollen nicht mehr als 25 Schüler lernen. Bei uns sind es aber in mehreren Jahrgängen bis zu 28 - also die maximale Klassenstärke.

Das heißt, die UN-Konvention lässt sich gar nicht umsetzen?

Kilian: Auch wenn sich die Kollegen noch so mühen, so gelingt Integration bzw. Inklusion nur sehr selten. Die Bedingungen stimmen nicht. Denn zu den Förderschülern kommen die "normalen" Schüler, die Rückkehrer vom Gymnasium und solche, die eine Klasse wiederholen. Fazit: Wir können Schüler kaum nach ihren Stärken fordern und fördern. Vor allem die Unauffälligen, die ihr Ding machen, leiden darunter. Für sie bleibt kaum Zeit.

Was ist für eine solch heterogene Schülerschaft notwendig?

Kilian: Das ganze System ist zu hinterfragen. Sollen die Kinder integriert werden, müssen zunächst Kollegen Aus- oder Fortbildungen erhalten, um diesen speziellen Bereich zu meistern. Solche Fortbildungen gibt es bereits. Außerdem ist zusätzliches pädagogisches Personal nötig, das dem Lehrer im Unterricht zur Seite steht. Und es braucht Rückzugsorte, um speziell mit Integrationskindern in Ruhe arbeiten zu können oder sie im Notfall erst einmal zu beruhigen. Lehmann: An unserer Schule hätten zwei Schulsozialarbeiter ausreichend zu tun, wir aber haben derzeit einen für mehr als 500 Schüler.

Warum reicht das nicht aus?

Kilian: Der Bedarf an Schulsozialarbeitern wird immer größer. Das betrifft nicht nur die Kinder mit besonderem Förderbedarf. Es ist schwierig, geschultes Personal zu finden.

Was haben Sie unternommen?

Lehmann: Wir haben das Landesamt für Schule darauf angesprochen und unsere Probleme schriftlich geschildert. Es ist bekannt, dass ein Großteil der Förderschüler keinen Oberschulabschluss schafft. Kilian: Wir haben zwar keinen Lehrermangel, aber wir können nur den Grundunterricht abdecken. Einen Ergänzungsbereich, zum Beispiel zusätzliche Stunden für Krankheitsvertretung, hat das Schulamt wegen der angespannten Personalsituation nicht genehmigt.

Was fordern Sie für das neue Schuljahr?

Kilian: Förderschulen haben ihre Berechtigung und spezielle Bedingungen. Es sollte für Kinder die Wahlmöglichkeit geben, an welchen Schulen sie bis zum Ende ihrer Schulzeit lernen. Denn die Kollegen der Förderschulen haben ihre Ausbildung in einem speziellen Studium erhalten. Auch wenn wir alles versuchen: Es ist objektiv so, dass an Oberschulen der größte Mangel herrscht - das beginnt bei Lehrern, geht über große Klassenstärken und hört beim fehlenden Förderunterricht für alle Kinder auf. Ines Lehmann: Wichtig ist, dass allen Kindern alle Türen offenstehen. Aber es sollte für jedes Förderschulkind genau geprüft werden, was das Beste ist. Das kann nicht als Pflicht der Schulwechsel nach Klasse sechs an die Oberschule sein.


Recht auf Inklusion

Die UN-Behindertenrechtskonvention stellt klar, dass die gesellschaftliche Teilhabe ein Recht ohne Einschränkungen auch für behinderte Menschen ist. Inklusion gilt auch für das sächsische Bildungssystem. In Sachsen gibt es Förderschulen für Kinder mit Beeinträchtigungen beim Lernen, mit geistiger Behinderung, emotionaler und sozialer Entwicklungsstörung, Blinde und weitere.

Die Oberschule Brand-Erbisdorf wurde mit dem Qualitätssiegel für Berufsorientierung, dem Schule-Wirtschaftspreis sowie als sportfreundliche Schule geehrt. (ar)

Bewertung des Artikels: Ø 4.8 Sterne bei 5 Bewertungen
1Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 5
    0
    701726
    05.07.2019

    Ein grosses Lob der Schule und dem Personal , aber es ist schlimm das Lehrer so einen Hilferuf an die Öffentlichkeit senden müssen.

    Die Kinder die es betrifft werden " ins kalte Wasser geschmissen" .
    Hauptsache irgendwo wurde ein Beschluß gefasst und dieser muß durchgeführt
    werden. Ich bezweifel das diese UN-Behindertenrechtskonvetion aus Lehrer und Erzieher bestand.



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