"Wir müssen raus aus der Komfortzone"

Demokratie ist nicht selbstverständlich - Mit der Aktion "Gesicht zeigen" trifft das Netzwerk "Freiberg für alle" einen Nerv in der Stadt

Freiberg.

Kellner, Ärzte, Unternehmer: Seit Juli zeigen Freiberger Gesicht - und es werden immer mehr, die sich für ein offenes, demokratisches Freiberg starkmachen. Nächste Woche soll ein Video veröffentlicht werden, an dem rund 70 Freiberger mitwirken. Initiator der Aktion "Gesicht zeigen" ist das Netzwerk "Freiberg für alle". Warum es der Bergstadt gut zu Gesicht steht, Gesicht zu zeigen, darüber sprach Cornelia Schönberg mit Pfarrer Michael Stahl, Historiker Helmuth Albrecht und Ingenieur Alexander Nattke.

Freie Presse: Wie viel Mut gehört dazu, sich öffentlich zu positionieren und Gesicht zu zeigen?


Michael Stahl: Die ersten fünf Gesichter, da gehörte sicher Mut dazu. Wo es aber bereits eine Menschenmenge gibt, braucht es keinen großen Mut, sich dazu zu stellen. Es braucht Haltung und ein Gespür dafür, dass es notwendig ist, dass wir uns zu unseren Freiheitsrechten bekennen müssen.

Ein persönliches Statement und ein Foto: Wie viele Freiberger zeigen schon Gesicht?

Alexander Nattke: Seit 6. Juli haben wir schon mehr als 20 veröffentlicht. Wir haben noch viele auf Vorrat und bekommen jeden Tag neue Anfragen. Das Schöne ist, dass die Gesichter aus vielen verschiedenen Bereichen kommen.

Die da wären?

Nattke: Aus Kirchen, Firmen und Sportvereinen, aus dem Theater, der Uni, der Gastronomie. Es melden sich immer mehr Unternehmen, Arztpraxen oder soziale Einrichtungen wie Diakonie oder Awo. Diese Vielfalt über politische Lager und gesellschaftliche Sichtweisen hinweg macht die Aktion aus.

Die Statements der Freiberger sind leidenschaftlich und sprachlich ausgefeilt. Schreckt das nicht ab?

Stahl: Die Komplexität der Texte ist in den sozialen Medien nicht alltäglich. Aber die gesellschaftlichen Herausforderungen sind komplex und lassen sich nicht auf einen Satz herunterbrechen. Nattke: Es sind natürlich auch kurze Statements willkommen. Derzeit arbeiten wir an einem Video, in dem gut 70 Freiberger Gesicht zeigen. Nächste Woche soll es veröffentlicht werden.

Wer kann mitmachen?

Helmuth Albrecht: Jeder kann mitmachen, der die Menschenwürde achtet, einen respektvollen Umgang pflegt und sich für Demokratie einsetzen will. Einfach eine Mail an info@freibergfueralle.de schicken.

Die Initiative ist eine Antwort auf die Wahlergebnisse mit dem hohen Stimmenanteil für die AfD. Wie empfinden Sie die Stimmung in Freiberg?

Stahl: Noch herrscht sommerliche Ruhe. Aber ab Montag rechne ich mit einem stark polarisierenden Wahlkampf und zwei intensiven Wochen der politischen Auseinandersetzung.

Unzufriedenheit und Frust bergen die Gefahr, die Gesellschaft zu spalten. Worin sehen Sie die Ursachen?

Stahl: Menschen im Osten, auch in Freiberg, haben Verlusterfahrungen gemacht - im gesellschaftlichen Status oder in der Bezahlung - mit der Folge, dass sie nur eine geringe Rente erwarten, dass ganze Landstriche ausgedünnt sind, dass Menschen einsam sind. Wie geht man damit um? Nimmt man es verstehend auf oder zieht man politische Konsequenzen, die sich in rechten Positionen wiederfinden? Die Politik ist am Zug, den Menschen Lösungen zu bieten. Aber der Abschied von der Demokratie kann nicht die Lösung sein. Albrecht: Wir wollen den Leuten Mut machen, sich zu äußern, mit- einander zu reden, ihre Unzufriedenheit zu überwinden und diese in positive Energie umzuwandeln.

Das Netzwerk will dafür sorgen, dass die schweigende Mehrheit ihre Stimme erhebt. Warum schweigen Freiberger?

Stahl: In den letzten Jahren ist ein gewisses Vakuum entstanden, weil es diese Gespräche über die Frage, wie wir miteinander leben wollen, nicht gab. 30 Jahre nach der Wende ist Demokratie selbstverständlich geworden. Dazu kommt das Bedürfnis nach zwischenmenschlicher Harmonie, die man nicht stören will. Jetzt, vor der Wahl, stehen wir aber an dem Punkt, wo Demokratie nicht mehr selbstverständlich ist. Wir müssen raus aus dieser Komfortzone, hinein in die politische Auseinandersetzung.

Die Initiative "Gesicht zeigen" entwickelt allmählich eine Eigendynamik. Haben Sie das so erwartet?

Stahl: Uns war bewusst, dass es in der Stadt eine breite Mehrheit gibt, die sich für Vielfalt und Demokratie einsetzt. Sehr bezeichnend war die erste Reaktion. Da sagte jemand: 'Wir haben schon gedacht, wir sind die einzigen, die so denken.' Ich habe den Eindruck, man hat darauf gewartet, dass sich jemand dafür einsetzt.

Wie wollen Sie weitermachen?

Albrecht: Es hört sich oft so an, als ob Sachsen rechts ist. Aber das stimmt nicht. Wir sind auch noch da, und wir lassen uns von einer Minderheit nicht überstimmen. Wir wollen dazu mit möglichst vielen Menschen ins Gespräch kommen und uns austauschen darüber, wie wir miteinander leben wollen.

www.freibergfueralle.de


Jörg Matschullat: "Ich zeige Gesicht, weil es an der Zeit ist, dass die öffentliche Diskussion nicht von Stimmen gekapert wird, die extreme und teilweise unethische Positionen vertreten."


Heike Wenige: "Ich zeige Gesicht, weil verstehen, verstanden werden und miteinander reden wichtige und schöne Aspekte für ein demokratisches Leben miteinander sind."


Rüdiger Grimm: "Ich zeige Gesicht für Freiberg, weil ich auch weiterhin dazu beitragen möchte, dass unsere Rotary-Austauschschüler aus der ganzen Welt sich bei uns wohlfühlen und in Buenos Aires, Montreal und Rio de Janeiro Werbung für unser Freiberg machen."


Amir Mohammad: "Ich zeige Gesicht für Freiberg, weil ich auf Demokratie, Freiheit und Zusammenleben Wert lege."


Beate Herrmann: "Ich zeige Gesicht, weil wir in der Pflege und in der ärztlichen Versorgung unsere ausländischen Kollegen brauchen und wir ihnen bei der Integration helfen müssen, auch wenn das nicht immer leicht ist."


Anne Münch: "Ich zeige Gesicht, da ich überzeugt bin, dass mit der prinzipiellen Bereitschaft zum gegenseitigen Vertrauen und zur Empathie als wesentlichen Bausteinen der Menschlichkeit der Herausforderung eines Miteinanders auf Augenhöhe erfolgreich begegnet werden kann."


Michael Milew: "Ich zeige Gesicht, weil für mich das Wesentliche einer Gesellschaft darin besteht, wie wir in Städten und Gemeinden zusammenleben, und weniger in der Frage, wer bei uns leben darf."


Albrecht Koch: "Nur wenn viele Gesicht zeigen, wird sichtbar, dass die Zivilgesellschaft weiter für die Werte unserer Demokratie steht. Ich möchte anderen Mut machen, es mir und uns gleichzutun."


Michael Winkler: "Ich zeige Gesicht, weil wir in Freiberg ganz viele verschiedene bunte Gesichter brauchen, wie eine Sinfonie viele Töne, Melodien und Rhythmen benötigt, um interessant zu bleiben und nie eintönig zu werden."


Stefanie Horn: "Ich zeige Gesicht, weil nur mit Mut, Visionen und sachlichen Diskussionen und nicht mit Angstmacherei und Hetze ein gutes Miteinander in der Stadt möglich ist."


Bewertung des Artikels: Ø 4.4 Sterne bei 7 Bewertungen
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...