Wir sind dann mal doch nicht weg

Hier steht, was wirklich wichtig ist. Heute: Wir Mittelsachsen sind unterwegs. Wenigstens ein bisschen.

Wir Mittelsachsen sind bekanntlich sehr mobil. Einige glauben zwar, Mobilität erschöpfe sich im schnellen Tippen auf der Tastatur des Mobil-Telefons. Aber gemeint ist: Wir sind viel unterwegs. Manche auf dem Sächsischen Jakobsweg, andere demnächst auf der 8000er Blockline. Das wird eine der berühmtesten Mountainbike-Strecken der Welt oder jedenfalls des Osterzgebirges, benannt nach dem nahegelegenen Blockhausen, Heimat der Sauenjäger, äh, -säger.

Es geht noch spektakulärer: Forscher der Bergakademie und der TU Dresden planen nichts weniger als die Reise zum Mittelpunkt der Erde, frei nach Jules Verne. Sie beginnt in Naundorf, ohnehin bekannt als der Nabel der Welt, und endet bald in 5000 Metern Tiefe. Natürlich reisen zunächst nur die Bohrapparate. Aber vielleicht werden die bald umgebaut, um auch Event-Touristen zu befördern, die sich mal tiefergehend mit unserer Region befassen wollen.

Dagegen ist ein Flug durch den Orbit schon ein alter Hut. Man muss den Kaugummi nur weit genug ausdehnen, dann findet sich schon ein Loch zum Durchfliegen. Nein, jetzt mal im Ernst: Für uns Sachsen war der 40. Jahrestag des Weltraumflugs von Sigmund Jähn schon was Besonderes. Zu dem Anlass kramten Weggefährten in ihrer Erinnerung. Einer glaubte sogar zu wissen, warum sich Jähn für das Allabenteuer meldete: Er wollte endlich mal in einem Raumanzug stecken und es somit richtig warm haben. In seiner Heimat, Abendröte-Raupenschwanz im Vogtland, kennt man dieses Gefühl ja nicht. Der Ort hält seit Jahren alle Rekorde - nicht nur beim Anteil der Weltumrunder pro Einwohner, sondern auch beim Wettbewerb "kältester Ort nördlich des Südpols". In Kühnhaide hasst man deshalb die Morgenkröte-Paukenhanser.

Doch zurück nach Mittel-Sachsen: Hier lassen wir uns ja auch gern für eine gute Sache mobilisieren. Zum Beispiel, um Wind zu verhindern. Oder wenigstens die Räder, die er dreht. Wozu brauchen wir auch erneuerbare Energien? Unser Strom kommt ja aus der Steckdose. Und es wäre doch gelacht, wenn uns nicht ein paar seltene Vogel- oder Stechmückenarten einfielen, die sich von der Konkurrenz der großen Flügel gestört fühlen könnten. Vom Winde verweht wurden hoffentlich nicht die Teilnehmer der Schlösser- und Burgenfahrt auf ihren alten Motorrädern, von denen eins tatsächlich einmal Clark Gable gehörte.

Freuen können sich Autofahrer. Zumindest, wenn sie im Vogtland wohnen. Dort werden die Kfz-Versicherungen billiger, weil es zuletzt weniger Schäden gab. Böse die Zungen, die behaupten, das läge an der demografischen Entwicklung: Wo keine Menschen, da keine Autos und somit auch keine Unfälle. Ansonsten hört man vom Arbeitsmarkt, dass auch hier das Schlagwort "Mobilität" gilt: Obwohl Arbeitskräfte dringend gesucht werden, bekommen laut Bundesregierung 41Prozent der Neueingestellten nur einen befristeten Vertrag. Da können die Chefs nur hoffen, dass die Mitarbeiter nicht auch mal ihre Motivation befristen.

Eingeschränkt war die Mobilität diese Woche schon in Mulda: Anwohner sahen auf einer Baustellenampel Rot, obwohl überhaupt nicht gebaut wurde. Da waren wohl die Verkehrs-Schild-Bürger am Werk. Inzwischen ist die Lichtsignalanlage, wie sie offiziell heißt, ausgeschaltet. Gleiches könnte man in Freiberg tun mit der Fußgängerampel über die Leipziger Straße, Ecke Külzstraße. Doch darüber würde sich der Leichtathletikverband beschweren. Schließlich werden an dieser Ampel täglich die neuen Sprint-Talente ausgebildet. Anders als im Laufschritt kann man ja als Fußgänger diese Straße nicht überqueren.

Mobilität gehört auch zum Kernkonzept des geplanten Edeka-Marktes in Freiberg an der Leipziger Straße. Da die Verkaufsfläche von zwei Millionen Quadratkilometern von Fußgängern nicht bewältigt werden kann, wird man den Kunden Einkaufswagen mit daran befestigten Inline-Skates zur Verfügung stellen. So können sie von einem Regal zum anderen flitzen, um die Preise der 543.000 Saure-Gurken-Sorten zu vergleichen. Dagegen befürchten Händler in der Innenstadt, dass die Saure-Gurken-Zeit in ihren Geschäften auf unbestimmte Zeit verlängert wird, wenn die Menschen nur noch am Stadtrand zwischen Edeka und Penny flanieren. Unbestätigt sind Gerüchte, wonach die Löhne in der Region automatisch steigen, sobald ein neuer Supermarkt gebaut wird. Wo das Geld für das Megashopping herkommen soll, ist also unklar. Vielleicht findet ja jemand ein wenig Silber unter der Stadt.

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