Wo Gründern auf die Beine geholfen wird

Ein Netzwerk fördert in Freiberg innovative Ideen junger Unternehmer - von der digitalen Kantine bis zu recycelten Metallen.

Freiberg.

Mittags mal raus aus dem Büro zum Lieblingsrestaurant um die Ecke. Doch bis das Menü auf den Tisch kommt, vergeht meist eine Stunde. Wartezeit, die kaum ein Berufstätiger hat. Eine Idee, wie man das ändern kann, kommt von der TU Bergakademie, konkret von der Halsbrücker Straße, wo Saxeed seinen Sitz hat.

Das Gründernetzwerk der vier südwestsächsischen Hochschulen TU Bergakademie Freiberg, TU Chemnitz, Hochschule Mittweida und Westsächsische Hochschule Zwickau fördert seit 2006 solche Ideen, koordiniert Hilfe und bietet Büroräume auf Zeit für Start-ups. Das sind Unternehmen in den ersten fünf Jahren ihrer Geschäftstätigkeit. Meist führen sie Forschungen von den Hochschulen weiter.

Selbst wenn die Coronapandemie einiges erschwert, Absprachen oft nur per Videokonferenz möglich macht, sind die Auswirkungen hier kaum zu spüren. Bis zu sechs Gründerteams mit ein bis drei Leuten könnten in den Gemeinschaftsräumen arbeiten, sagt Franziska Böhler, eine der drei Gründerberater beim Freiberger Saxeed-Team. Daneben gibt es Räume für Beratungen und Schulungen, alles Bestandteil einer vierjährigen Förderung durch den Bund. Darin enthalten ist die sogenannte Saxeed-Masterclass. Ein Programm, von dem Gründungsprojekte profitieren, die schon über ein Stipendium gefördert werden. Die Finanzierung sichern Bundeswirtschaftsministerium, Freistaat und beteiligte Hochschulen.

"Wir möchten das Unternehmertum als wichtigen Karriereweg für unsere Studierenden und wissenschaftlichen Mitarbeiter erlebbar machen", sagt Andre Uhlmann, Saxeed-Standortleiter in Freiberg. In den vergangenen 14 Jahren wurden über 300 Projekte betreut, aus denen mehr als 80 erfolgreiche Gründungen hervorgegangen sind. "Freie Presse" hat drei Gründer besucht. Digitale Kantine: Eines der Büros nutzen Sven Booz sowie die Programmierer Adlion Myftarago aus Albanien und Rohan Tiwari aus Indien, um die App "Just in Time-Food" zu entwickeln, also Essen auf Abruf: Vom Schreibtisch per Klick das Menü zusammenstellen, bestellen, bezahlen und am Restauranttisch den QR-Code dafür scannen, sodass es pünktlich auf dem Tisch steht. Booz fand seine zwei Mitstreiter durch Ausschreibung. Der eine hat Physik, Mathematik und Informatik in Albanien studiert, der andere Maschinenbau in Indien sowie rechnergestützte Materialwirtschaft in Freiberg.

"Nachgedacht über eine solche App habe ich das erste Mal Ende 2018, als ich zwischen Bachelor- und Masterstudium bei einer Unternehmensberatung in Münster gearbeitet habe und wir mittags auf unser Essen gewartet haben", sagt Booz, der den englischsprachigen Studiengang Wirtschaft und Recht sowie Betriebswirtschaft in Freiberg studiert hat. 100 Gastronomen hat das Trio deutschlandweit angeschrieben. Gerade jetzt hat die App noch einen anderen Effekt. Auch wenn die Restaurants wegen der Pandemie wieder geschlossen sind, so werden nach diesem erneuten Lockdown zunächst kurze Aufenthalte erwünscht sein. Die ersten Tests wollten die Entwickler in der Mensa in Freiberg durchführen. Wegen der Pandemie mussten sie diese verschieben. Bis April 2021 läuft die Förderung, dann sollte die digitale Kantine praxistauglich sein. Booz ist optimistisch, dass ihn die Corona-Krise nicht aus der Bahn wirft und er als Unternehmer bestehen wird.

Rückgewinnung von seltenen Metallen: Martin Reiber gehört zu den acht Gründern aus 30 betreuten Projekten, die es 2019 in Freiberg geschafft haben. Der Chemiker hatte sein Forschungsvorhaben zur Rückgewinnung von seltenen Metallen an der Bergakademie schon so weit vorangetrieben, dass er den Schritt mit dem Verfahrenstechniker Robin Hofmann wagen konnte. RMF Tech GmbH heißt die Firma mit vier Mitarbeitern. "Wir beschäftigen uns mit Sachen, die keiner haben will", umschreibt es Reiber und zeigt Gläser mit einer flüssigen silbrigen Legierung sowie Leiterplattenstücken, beides Abfälle. Die Truppe hat damit den Nerv der Zeit getroffen, denn die patentierte Technologie ermöglicht es, aus Abfällen wie Schlacke, Stäuben und Produktionsrückständen aus Verhüttung und Halbleiterproduktion seltene Metalle zu gewinnen: Indium, Gallium, Germanium und Zinn.

Reiber zeigt einen Barren aus Indium sowie pulvriges Gallium und Germaniumoxid, die Handelsform von Germanium. Ein chemisches Element, das im 19. Jahrhundert durch Clemens Winkler in Freiberg entdeckt wurde. "Diese Metalle hier haben eine Reinheit von fast 100 Prozent", sagt der Geschäftsführer. Glasfaserkabel, Solarmodule, Flachbildschirm, Handys, für all das werden die recycelten Materialien gebraucht. "Mit der Technologie können aber auch Edelmetalle wie Silber und Gold gewonnen werden", so Reiber. Es stecke bares Geld in den Abfällen, rechnet er vor. Aktuell würde ein Kilogramm Indium 143 Euro kosten, bei Germaniumoxid seien es mehr als 500 und bei Silber über 660 Euro. Dass er durch Recyceln dazu beiträgt, Abfallberge zu verringern und die Umwelt zu schonen, treibt den 31-Jährigen und sein Team an. Nachdem die Labortests erfolgreich waren, wird das Verfahren an einer Anlage der Bergakademie erprobt. Produktionsstart soll 2023 an einer eigenen Anlage sein. Bis dahin wollen die jungen Leute durch Beratung und Forschung Umsätze erzielen und Kunden gewinnen. Dass zur Unternehmensführung aber mehr gehört, weiß Reiber längst.

Energiekonzepte für Quartiere: Konrad Uebel hat 2016 sein Unternehmen Freiberg Institut für vernetzte Energieautarkie gegründet, mit dem Ziel, wirtschaftliche Lösungen für die Energieversorgung zu entwickeln. Uebel erstellt Energiekonzepte für Quartiere und will zeigen, wie man sich angesichts steigender Energiepreise unabhängig von herkömmlicher Versorgung mit Strom und Wärme machen kann. Partner und Kunden findet Uebel vor allem bei Wohnungsunternehmen. Die von seiner Firma entwickelte Software EDGAR hilft Kunden, die optimale Wärmeversorgung zu finden. Uebel beschäftigt zehn Mitarbeiter, in einigen Jahren sollen es 30 bis 40 sein. Der 35-Jährige macht Neugründern wie Reiber oder Booz Mut: "Man muss aber von dem, was man tut, überzeugt sein."

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