Wohnqualität: So sehen das die Külzianer

Im Zukunftskonzept von Brand-Erbisdorf sind Missstände des Külzgebietes konkret benannt. Das hat für Diskussionen gesorgt. "Freie Presse" hat Menschen vor Ort befragt.

Brand-Erbisdorf.

An einem Vormittag auf Streifzug in Brand-Erbisdorfs größtem Wohngebiet: "Freie Presse" fragte Menschen auf der Straße, warum sie hier leben, was ihnen gefällt, was nicht - und was sie von einem soziokulturellen Zentrum halten.

Anwohner, 54, wohnt seit knapp 30 Jahren im Külzgebiet. "Ich wohne gern hier. Es gibt eine direkte Busanbindung, Garagen und Grünflächen, auch eine kleine Gaststätte gibt es wieder. Aber an den Straßen und Fußwegen muss was gemacht werden. Wenn die in Ordnung wären, wäre alles perfekt", sagt er. Die Idee, aus der leerstehenden Kaufhalle ein soziokulturelles Zentrum zu machen, "finde ich gut. Eh das Ding vollkommen verfällt", meint er.

Mutter mit zwei Kindern, 34, wohnt seit 2011 hier. "In meinem Eingang fühle ich mich wohl, aber das Umfeld, naja", sagt sie. Gelinde gesagt, lebten in ihrer Nachbarschaft einige Hartz IV-Empfänger, denen sie nicht über den Weg traut. "Es hat hier mal eine Schlägerei gegeben", erzählt sie. "Ich würde mein zehnjähriges Kind nicht allein mit einer Freundin draußen spielen lassen." Die Idee mit dem Begegnungszentrum finde sie nicht dumm.

Seniorin, 85, ist vor sieben Jahren ins Külzgebiet gezogen, weil sie Gutes von hier gehört hatte. "Dass der Block unsaniert ist, stört mich nicht. Die Hausgemeinschaft ist prima. Und wenn jeder selbst Ordnung hält, geht das", meint die Seniorin. Zum Einkaufen fährt sie mit dem Bus zum Häuersteig, "der fährt ja alle halbe Stunde", sagt sie.

Gastwirt, 56, im Külzgebiet ist Steffen Schulz. Er hat die ehemalige Raucherkneipe "17+4" an der Dr.-Wilhelm-Külz-Straße renoviert; sie heißt jetzt "Linie F". Seit 1. Juli bietet er Speisen an. "Es spricht sich schon herum. Ich denke, mittags kommen viele ältere, vielleicht auch alleinstehende Leute zum Essen. Sie treffen sich, unterhalten sich", erzählt er. Von einem neuen soziokulturellem Zentrum hält er nichts. "Es gibt Anlaufpunkte in der Stadt und die Jugend hat ihre eigenen Treffpunkte. Und überhaupt: Was soll man darunter verstehen? Wer soll sich dort begegnen und wie? Das Asylbewerberheim ist doch eine Begegnungsstätte. Sie ist fertig und hat viel Geld gekostet." Die leerstehende Immobilie gehört allerdings dem Landkreis Mittelsachsen. Mit zweckgebundenen 1,9 Millionen Euro vom Freistaat wurde sie als Unterkunft für Flüchtlinge saniert; bis Frühjahr 2016 war sie bewohnt und soll auch "weiterhin als Reserveobjekt vorgehalten" werden, teilte ein Kreissprecher auf Nachfrage mit. Für das leerstehende Gebäude fallen jährlich Unterhaltungskosten "im niedrigen fünfstelligen Bereich" für Strom, Heizung und ähnliches an, gibt er an.

Spaziergängerin, 61, wohnt zwar nicht direkt hier, quert bei ihren Runden um Brand-Erbisdorf gern das Wohngebiet. Ein soziokulturelles Zentrum? "Ein bezahlbares Kino könnte ich mir darin gut vorstellen. Es muss ja nicht so groß wie in Freiberg sein, aber ab und an Filme und Vorträge, das wäre schön", meint sie.

Rentner 91, wohnt "schon ewig" im Külzgebiet und fühlt sich rundum wohl, erzählt er. Der Senior hat in verschiedenen Wohnungen gewohnt, zuletzt ist er 2006 umgezogen, als ein Wohnblock weggerissen wurde. Ein Begegnungszentrum? "Ich bin nicht einsam. Wir sind eine gute Hausgemeinschaft, ich unterhalte mich gern", erzählt der Senior. Ein paar mehr Sitzgelegenheiten wären schön, meint er zum Schluss.

Mutter mit Kind, 29, wohnt seit sechs Jahren am Goldbachtal. Ihre Idee für die verwaiste Kaufhalle: Ein Indoorspielplatz, den sie mit ihrer zweijährigen Tochter bei schlechtem Wetter besuchen kann. Im Külzgebiet schätzt sie die Ruhe. Was ihr nicht gefällt, ist, dass der neue Spielplatz immer voll ist und der Spielplatz am Goldbachtal verwahrlost aussieht. "Da fahren wir doch lieber nach Freiberg auf den Spielplatz", erzählt sie.

Und in der Tat: Auf dem Spielplatz in Höhe Am Goldbachtal 54 bis 64 sprießt das Unkraut, Zigarettenstummel liegen im Sand. Er gehört der Stadt. Aufgrund einer Vereinbarung haben bis Ende 2017 Mitarbeiter der Wohnungsgenossenschaft Brand-Erbisdorf (WG) den Spielplatz gepflegt und gewartet. "Uns gehören dort ja die Wohnblöcke", erklärt WG-Chefin Ines Kaden. Diese Abmachung hat die WG aus Kostengründen aufgekündigt. "Der Spielplatz müsste grundhaft erneuert und Gefahrenstellen ausgemerzt werden", sagt Kaden. Sie schlug der Stadt vor, den Spielplatz abzubauen, wenn er nicht erneuert werden kann. Bis heute ist nichts geschehen. Dabei hat die Stadt die Verkehrssicherungspflicht. Oberbürgermeister Martin Antonow (parteilos) sagte auf Nachfrage dazu, dass "die Pflege des Alt-Spielplatzes wegen personeller Wechsel und Engpässe bislang nicht wirklich Schwerpunkt der Alltagsarbeit war".

Oma mit Enkel, 66, wohnt seit 1984 am Goldbachtal. Erstbezug. "Ich wohne gern hier. Die Miete ist super, ich hab eine gute Aussicht", meint sie. Über den Zustand des Spielplatzes sei sie aber erschrocken. Bislang sei er nicht ungepflegt gewesen. "Hier sitzen oft die Hartzer. Entweder sind sie mit ihren Hunden im Park oder hier", erzählt sie.


Wohnungsgenossenschaft: Mehr Spielraum ab 2021

Zehn Wohnblöcke mit circa

430 Wohnungen im Külzgebiet gehören der Wohnungsgenossenschaft Brand-Erbisdorf (WG). Das ist etwa ein Drittel des gesamten Wohnraumes in dem Viertel. Der Leerstand liege laut WG-Chefin Ines Kaden derzeit bei knapp 11 Prozent.

Mit Ordnung und Sauberkeit, günstigen Mieten und einem Hobbytreff für Mieter tut die WG ihr Möglichstes, das Wohngebiet attraktiv zu halten. "Es nützt aber nichts, die schicksten Wohnungen zu bauen, wenn das Umfeld nicht passt", sagt Kaden. "Deshalb lassen wir die Kehrmaschine in Eigenleistung fahren. Unsere eine Wohnstraße haben wir vor vier Jahren pflastern lassen", zählt sie auf.

Ihr größter Wunsch: "Als erstes

alle Wohnstraßen samt Ringstraßen

sanieren und gleichzeitig Parkplätze entlang der Külzstraße schaffen."

An den Häusern der WG ist in den vergangenen Jahren vieles saniert worden, lediglich drei Fassaden stammen noch aus DDR-Zeiten. Die zu

erneuern, stehe im Zehn-Jahres-Plan der WG. "2020/2021 haben wir sämtliche Altlasten aus DDR-Zeiten getilgt. Dann haben wir einen ganz anderen Spielraum", blickt Kaden voraus. (cor)


Wohnungsgesellschaft: Ein Block wird noch rückgebaut

Dusche statt Badewanne und

breitere Türen: Wenn ältere Mieter das wünschen, prüft die Wohnungsgesellschaft Brand-Erbisdorf die Machbarkeit. Kinderfest, gepflegtes Grün, modernisierte Wohnungen, Balkons und Rampen, mit deren Hilfe der Kinderwagen im Keller geparkt werden kann. Das zählt Unternehmenschef Hendrik Voigt auf, wenn es um die Aufwertung des Külzgebietes geht.

780 Wohnungen hat die Gesellschaft dort, der Leerstand liege aktuell bei 15 Prozent. Fünf Blöcke sind schon abgerissen worden, "das hat das Wohngebiet attraktiver gemacht", so Voigt. Ein Block im Goldbachtal soll noch weg. Auf den freigewordenen Flächen am Rand des Wohngebietes könnten mehrere Eigenheime

entstehen. Die Idee gibt es schon

länger, passiert ist bisher nichts, "weil es ein großer Aufwand ist, das Baufeld freizumachen", erklärt Voigt.

Zum schlechten Zustand einiger Straßen und Fußwege meint er: "Neue Straßen wünschen wir uns auch, aber es ist ein hoher finanzieller Aufwand und man muss aufpassen, dass man nicht in Infrastruktur investiert, die es in 20 Jahren vielleicht nicht mehr gibt." (cor)

Bewertung des Artikels: Ø 4 Sterne bei 1 Bewertung
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...