Zeitenwende im Freiberger Stadtrat

Sie haben die Lokalpolitik über Jahre geprägt. Nun treten sie von der Bühne ab. Was bleibt sind Erinnerungen und die Gewissheit, dass künftig andere das Sagen haben.

Freiberg.

Als sich die Freiberger Stadträte Anfang Juli das letzte Mal trafen, war es für viele die letzte Sitzung. Denn 14 Lokalpolitiker scheiden aus dem 34 Mitglieder zählenden Gremium aus (siehe nebenstehende Artikel). Von Wehmut war das Treffen allerdings nicht geprägt, vielmehr standen zum Schluss weitreichende Entscheidungen an wie etwa der Kauf des Bahnhofs. Die spätere Sanierung wird geschätzt rund 17 Millionen Euro verschlingen.

Was mit dem Gebäude und dem angrenzenden Areal in Zukunft passiert, werden Noch-Stadträte wie die SPD-Fraktionschefin Isabel Lehrle-Thomas nicht mehr mitentscheiden dürfen. "Mitgewirkt hätte ich sehr gerne", sagt die 32-Jährige. Die Freiberger haben aber anders entschieden. Lehrle-Thomas verpasste den Wiedereinzug. "Das lokale Geschehen werde ich natürlich weiter verfolgen", fährt sie fort. Genauso dürften es auch andere Stadträte handhaben. So wie die langjährige Fraktionschefin der CDU, Annette Licht. Sie werde die weitere Entwicklung der Stadt, die ihr und ihrem Mann zur Heimat geworden ist, mit Interesse verfolgen, sagt die 65-Jährige, die aus Rheinland-Pfalz stammt, lange Jahre in Langenfeld lebte und Ende der 1990er-Jahre nach Freiberg zog. "Gerne hätte ich noch weiter zum Wohle unserer Stadt mitgewirkt", sagt Licht. Doch nach 20-jähriger Stadtratstätigkeit sei es an der Zeit, dass Jüngere an den Geschicken von Freiberg mitwirkten.


Die Chefin

Isabel Lehrle-Thomas (32) saß trotz ihres jungen Alters zehn Jahre für die SPD im Stadtrat. In all der Zeit hätte sie tiefe Einblicke in die vielfältigen Themen einer Stadt erhalten. "Die vielen Ansichten von Einwohnern, aber auch einer Verwaltung kennenlernen zu dürfen und als Stadtrat die richtige Entscheidung zu treffen, war immer spannend und eine Herausforderung", sagt die Referentin im Landesverband des DRK. Besonders der Bau und die Sanierung von Kitas und Schulen mache sie stolz. "Es wurde viel erreicht und wir investieren in die Zukunft." Die SPD hätte ihre "Politik der leisen Töne" erfolgreich betrieben. Dass es Wlan am Obermarkt und Schlossplatz gibt, nennt sie als Beispiel. (acr)


Der Linke

Dr. Albrecht Tolke (77) war seit 1999 in dem Gremium, von 1999 bis 2004 und ab 2009 als Stadtrat, in den Zwischenjahren als sachkundiger Einwohner. "Ich bin vor allem froh, dass solche Kulturstätten wie das Schloss, das Kornhaus mit der neuen Stadtbibliothek, das Stadttheater und das Tivoli geschaffen beziehungsweise gerettet wurden." Als Mitglied im Kulturausschuss begleitete er das erfolgreiche Bemühen des Erzgebirges und der Stadt um den Welterbetitel. Sein Wirken im Behinderten- und Seniorenbeirat habe mit dazu beigetragen, dass bei öffentlichen Bauten Barrierefreiheit eine Rolle spielte. Dass SW und SWG wieder der Stadt gehören, freut den Diplomingenieur. (acr)


Das Urgestein

Dr. Reiner Hoffmann (78) engagiert sich, wie er sagt, seit den 80er-Jahren ehrenamtlich für Freiberg. Ab 2006 war der Sozialdemokrat im Stadtrat aktiv. Dass seit Jahren Kitas und Schulen saniert werden und die Agricola-Schule neu gebaut wird, freut ihn. Generell nimmt Freiberg einen guten Weg, wie der Diplomchemiker und Vater zweier Kinder findet. Der Stadt attestiert er ein "schönes Aussehen". Als Beispiele nennt er die Terra mineralia und das Schloss. Glücklich ist er, dass Stadtwerke (SW) und Wohnungsgesellschaft (SWG) wieder in städtischer Hand sind sowie Vorschläge von ihm, ehrenamtliches Engagement zu würdigen, eine Mehrheit fanden. Falls Mehrheitsbeschlüsse im Nachgang mit juristischen Spitzfindigkeiten bekämpft wurden, ärgerte er sich. (acr)


Die Konservative

Annette Licht (65) schaut mit Dankbarkeit auf die letzten 20 Jahre als Stadträtin und Fraktionschefin der CDU zurück. Es sei ihr eine Ehre und Freude gewesen, die Entwicklung und Geschicke von Freiberg mit gestaltet zu haben. Die Debatten umschreibt sie als meist sachlich, teils hart. Doch letztlich habe der Stadtrat immer zum Wohle der Stadt entschieden. Als Wegmarken nennt die Ernährungs- und Diätberaterin den Bau des Johannisbades, die Sanierung des Kornhauses, der Nikolaikirche und des Schlosses sowie den Rückkauf der SWG. Kleinere Maßnahmen, wie etwa die Neugestaltung von Plätzen "zum Wohle unserer Bürger", dürften dabei nicht vergessen werden. Was ihr auch wichtig war und ist: der Erhalt des Theaters und die Unterstützung sozialer Projekte. (acr)


Der Alt-OB

Konrad Heinze (75), Diplom-Geophysiker, prägte die Stadtgeschichte über Jahrzehnte, von 1990 bis 2001 als OB, ab 2009 als Stadtrat. Freude hätte ihm die Arbeit stets bereitet, vor allem wenn es für Freiberg vorwärts ging, wie der CDU-Mann sagt. Als Beispiel nennt er neu entstandene Wohngebiete, die Gründung der Terra mineralia und die Sanierung des Silbermannhauses. "Es ist super, wie sich das Schloss entwickelt hat." Auch was an der TU passiert, sei toll. Dass Millionensummen in Gebäude und Einrichtungen investiert werden, damit Arbeitsplätze entstehen und mehr Studenten hierherkommen, bezeichnet er als "sehr erfreulich". Erreicht worden sei viel, zum Schluss der Kauf des Bahnhofs. "Eine Herausforderung, aber auch eine Chance". (acr)


Auch diese Räte scheiden aus

Neun weitere Stadträte gehören nicht mehr dem neuen Gremium an:

Jürgen Bellmann (72), Ingenieur, von 2014 bis 2019 für Haus/Grund.

Dr. Henry Heinrich (59), Zahnarzt, von 2014 bis 2019 für CDU.

Dr. Wolfgang Hopf (67), Chemiker, von 1999 bis 2019 für CDU.

Wolfram Kanis (56), Nachrichten-Techniker, von 2014 bis 2019 für AfD.

Elfriede Schreiter (72), Sozialarbeiterin, von 1998 bis 2019 für CDU.

Marc Stolz (27), Student, von 2014 bis 2019 für Linke.

Dr. Klaus Stürzebecher (82), Diplomwirtschafter, von 2004 bis 2019 für die Initiative Freiberger Sport.

Rainer Tippmann (78), Kunsthistoriker, 1994 bis 2014 und von 2016 bis 2019 für die Linke, zuvor 1990 bis 1994 Stadtverordnetenversammlung.

Sebastian Tröbs (37), Umwelt-Ingenieur, von 2014 bis 2019 für Grüne.

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