Zukunft des Uhrenmuseums ist ungewiss

2016 hat Christian-Martin Ernst im Eppendorfer Lehngut seine Uhrenwerkstatt eröffnet. Doch unklar ist, ob er damit bald umziehen muss.

Eppendorf.

Bei Phönix Uhren im Lehngut an der Freiberger Straße in Eppendorf hat sich viel geändert: Die Zeiger an der Hauswand stehen auf "geöffnet", doch ein Hinweis bittet darum zu klingeln. Christian-Martin Ernst ist mit seiner Uhrenwerkstatt in den zweiten Stock gezogen. Dort, in einem kleinen Zimmer, hängen Regulatoren an der Wand, die er gerade repariert.

Der Saal im Erdgeschoss war für seine Zwecke zu groß geworden, das Heizen zu aufwendig. Den Laden, der sich im Vorraum befand, gibt es nicht mehr. "Es dauert, bis sich so etwas herumspricht", sagt der 25-Jährige. Dass die Kastanienallee, die vom Ortskern hinaufführt, aus Sicherheitsgründen gesperrt ist, mache es nicht einfacher. "Dadurch fällt der Laufverkehr weg", so Christian-Martin Ernst. Doch das hat den jungen Selbstständigen nicht zum Aufgeben gezwungen: Inzwischen ist aus "Phönix Uhren" eine reine Werkstatt geworden.

Und das hat sich herumgesprochen, berichtet er: "Es läuft gut." Er montiert Uhren für einen Hersteller, der noch "Made in Germany" herstellt. Neben dem Service bei Armbanduhren ist aber die Reparatur sein Hauptgeschäft geworden. Die Aufträge dazu bekommt er immer öfter aus dem Internet, etwa über die Plattform Ebay-Kleinanzeigen. Von der Taschen- bis zur Standuhr landet alles bei ihm. "Eigentlich repariere ich alles, auch Tischdrehorgeln", erzählt Ernst.

Grenzen setzt nur der Aufwand - und der, der es bezahlen muss. Ein Beispiel: In einem Regulator waren Zapfen abgebrochen und mussten neu gedreht und eingeschlagen werden, erzählt er, aber ohne eigene Drehbank ist das nicht möglich. "Die Reparatur lohnt sich für die meisten Menschen nicht, das ist eher was für Uhrensammler." Anschauen würde er sich erst einmal jedes Modell. Beim Auseinanderbauen, Reinigen und Wiederzusammenschrauben lässt er sich mitunter quasi über die Schultern schauen: Er veröffentlicht Bilder von seinen Arbeiten bei Facebook und Twitter.

Alte Uhrenwerke wieder zum Ticken und Klingen zu bringen, ist eben nicht sein einziges Talent: Der 25-Jährige erklärt gern und mit viel Geduld und Wissen, wie Uhren funktionieren. Das konnte er im Frühjahr unter Beweis stellen, als zahlreiche Kinder und ihre Väter auf Einladung des Freiberger Kinderschutzbundes zu einem Vormittag rund ums Thema Uhr vorbeischauten. Da reifte schon die Idee, mit der Arbeit noch mehr in die Öffentlichkeit zu gehen. "Ich möchte ein Uhrenmuseum mit Schauwerkstatt eröffnen", kündigte Christian-Martin Ernst da noch an. Doch nun liegen die Arbeiten auf Eis.

"Ich komme kaum noch dazu", sagt der Handwerker. Doch das ist nicht der einzige Grund: Dem Lehngut droht die Zwangsversteigerung. Grund sind Altlasten seiner Eltern. Ursache sei ein früherer Hausverkauf, bei dem sie nicht den erhofften Preis erzielt hätten. Hinzu komme, dass der Mann der Mutter seit 2013 erkrankt sei. Für 36.000 Euro wird das denkmalgeschützte Gebäude nun im Internet angeboten. Findet es einen Käufer, ist die Zukunft der Familie und der Werkstatt ungewiss. Auch selbst einen Kredit aufzunehmen, damit das Haus wieder ihnen gehört, haben sie versucht. Doch die Banken machen nicht mit. "Das Abzahlen würden wir schaffen", ist Birgit Ernst überzeugt. Ihr Sohn bekommt vorerst auch keinen Kredit - wie viele junge Selbstständige war er in die Schuldenfalle Krankenversicherung gerutscht, zahlt diese nun ab.

Familie Ernst, die aus dem hessischen Reichelsheim stammt, hatte das ehemalige Lehngut 2010 gekauft, nachdem es einige Jahre leergestanden hatte. Zuvor hatte es die Gemeinde als Schule und Kindergarten genutzt. "Wir haben es im Internet gefunden. Meine Mann wollte gern ein größeres Haus, um sich eine Bibliothek einrichten zu können", blickt Birgit Ernst zurück. Einige tausend Euro haben sie bereits in die Renovierung gesteckt, aber so lange der Auszug droht, unternehmen sie nichts mehr. In den vergangenen drei Jahren verliefen die Versteigerungen ohne Ergebnis.

"Ich könnte wieder weggehen, aber ich würde gern hier was machen, damit hier mehr los ist", schildert der Uhrenmacher seinen Zwiespalt. Zum Beispiel: die beiden großen Säle im Erdgeschoss für Veranstaltungen, etwa Lesungen, Konzerte oder auch temporäre Ausstellungen nutzen. "Die ehemalige Werkstatt könnte man als Partyraum vermieten, eine Küche fürs Catering im Erdgeschoss ergänzen", sagt er. "Ich will was fürs Dorf machen."

2016, kurz nach der Eröffnung, hatte Christian-Martin Ernst folgende Sätze im Eppendorfer Amtsblatt veröffentlicht: "Wir haben im Lehngut nicht nur einen tollen Platz für unser Geschäft, sondern auch Ideen, die wir gerne umsetzen würden. Auch wollen wir etwas zum Ort Eppendorf beitragen, aber dies gelingt nur, wenn uns die Eppendorfer unterstützen, aber da sind wir uns sicher."

Unterstützung hätten sie sich mehr gewünscht, aber die Ideen sind noch lebendig. Jetzt können sie nur warten.

www.facebook.com/PhoenixUhren


Der Weg zum Museum

2010: Familie Ernst kauft das Lehngut und zieht aus Reichelsheim in Hessen nach Eppendorf.

2010 bis 2013: Christian-Martin Ernst absolviert eine Ausbildung zum Uhrmacher in Glashütte.

2013 bis 2016: Arbeit in einer Uhrenwerkstatt, die vor allem neue Uhren montiert.

August 2016: Eröffnung der eigenen Werkstatt im Lehngut, zunächst mit Uhrenverkauf.

März 2018: Beginn der Umgestaltung zu einem Uhrenmuseum. kala

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