Zum Abschied das Weihnachtsoratorium

Morgen wird in Eppendorf das große Bach-Werk aufgeführt. Dann geht Chorleiter und Kantor Wolfgang Eger in Rente. Aber einen Posten will er nicht aufgeben.

Eppendorf/Freiberg.

Die Kurrende-Kinder sind gegangen, doch bald darauf kündet fröhliches Stimmengewirr vor der Tür des Gemeindesaals in Eppendorf an, dass der Probenabend für Wolfgang Eger noch nicht vorbei ist. Der 74-Jährige hat sich einen Moment hingesetzt, später wird ihm jemand ein Brötchen reichen. Seit Ende Oktober hat der Kantor alle Hände voll zu tun. Das Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach, das der Ökumenische Kirchenchor zum dritten Mal aufführt, soll bis Sonntag sitzen. "Es ist mein letztes", sagt Eger.

Die Sänger und Sängerinnen wissen es schon, als sie hereinkommen, sich auf die Stühle rings um das Klavier setzen und mit allerlei "nanona" und "dabadabada" Tonfolgen üben. "Es hatte sich lange angedeutet", sagt Chormitglied Dieter Arnold später über den Abschied des Kantors. Kantoren würden oft nur halbe Stellen bekommen. Das mache es so schwer, Nachfolger zu finden, nicht nur in Eppendorf. Arnold war bereits im Chor, als Eger 2006 die Leitung übernommen hat. Er hat miterlebt, wie der Chor gewachsen ist, von 15 auf rund 50 Mitglieder: "Wir waren ein typischer, kleiner Dorfchor - er hat Schliff reingebracht", erinnert sich der Eppendorfer. Das habe sich herumgesprochen, mehr Leute seien gekommen, "und es hat immer mehr Spaß gemacht". Die ersten Konzerte hätten das Publikum zum Staunen gebracht. "Wolfgang Eger hat den Kirchenchor stimmlich so weit gebracht, dass sie Werke großer Komponisten aufführen können", sagt Pfarrer Tom Seidel.

"Mein Anliegen war, klassische Kirchenmusik auch in kleinen Gemeinden zu Gehör zu bringen", erklärt Eger. Die Begeisterung, mit der die Laien sich Mozart, Mendelssohn Bartholdy und Bach gewidmet haben, sei klasse. Mindestens zwei größere Konzerte pro Jahr haben sie gestemmt. "Ein Chor wächst mit seinen Aufgaben", erklärt Eger sein Erfolgsrezept. Dazu sei es nötig, die Balance zwischen Anspruch und Atmosphäre zu finden. Sänger Arnold bestätigt: "Er hat ein unglaubliches Talent, Menschen zu fordern, ohne dass ihnen die Lust vergeht." Chorkollege Lars Köhler ergänzt: "Er war ein humorvoller, optimistischer und ernsthafter Chorleiter, der mit seiner freundlichen Art den ganzen Querschnitt der Sänger und Sängerinnen in die Arbeit des Chores eingebunden hat."

"Ihn als Kantor zu haben, war ein absoluter Glücksfall für die Gemeinde", sagt auch Bürgermeister Axel Röthling. 2015 hatte sein Vorgänger Helmut Schulze den Bürgerpreis an Eger verliehen. Die größte Herausforderung, aber auch schönste Bestätigung für den Chor und seinen Leiter war die Einladung, 2013 beim Weihnachtskonzert in Berlin vor zahlreichen Politikern zu singen.

Als Eger Kantor von Eppendorf, Großwaltersdorf, Kleinhartmannsdorf und Gahlenz wurde, konnte er bereits aus jahrzehntelanger Erfahrung schöpfen: Von 10 bis 18 Jahren gehörte der gebürtige Freiberger dem Dresdner Kreuzchor an. Ein Gesangsstudium und viele Jahre als Solist an verschiedenen Theatern folgten. Von 1970 bis 1981 war er Kantor an der Jakobikirche in Freiberg. Doch Probleme mit der Stimme zwangen ihn, die aktive Karriere an den Nagel zu hängen. Für rund zehn Jahre ging er in die Industrie. Erst nach der Wende fand er zur Musik zurück, gründete 1990 den A-cappella-Kammerchor, den er bis 2002 leitete, und 1993 an der Musikschule Freiberg den Knabenchor, den er bis zum Jahr 2011 unter seinen Fittichen hatte.

Was ihn immer noch "zutiefst ärgert", ist, dass die Musikschule den Chor 2017 in einen gemischten Kinderchor umwandelte. Natürlich sei es eine große Herausforderung, immer wieder Jungen heranzuziehen - aber eine, die sich lohne. Unter Egers Leitung reiste der Knabenchor durch halb Europa. "Wir haben sogar in der Kathedrale Notre-Dame in Paris gesungen", erinnert er. 2018 kamen Eltern auf ihn zu, um das Projekt wiederzubeleben. Er half aus, bis ein Nachfolger gefunden war.

Nun bleibt von seinen vielen Engagements nur der Männerchor Oberschöna. Es war seine erste Chorleiterstelle, sagt er, die will er ausfüllen, solange es ihm gesundheitlich möglich ist. Pläne für die Rente hat er noch nicht. "Erst einmal werde ich durchatmen, dann werden sich weitere Aufgaben ergeben", sagt er. Eger lebt mit seiner Frau in Freiberg, hat zwei Kinder und drei Enkelkinder. Zwei der Enkel singen am Sonntag mit. Eine neue Kurrende extra für das Konzert zu gründen, war wohl sein letzter Coup in Eppendorf. Zudem hat er sein Netzwerk genutzt, um Solisten und Musiker zu finden. Mitglieder der Sächsischen Staatskapelle und der Robert-Schumann-Philharmonie aus Chemnitz sowie vier Solisten haben zugesagt.

Wie es danach weitergeht, weiß niemand. Laut Pfarrer Seidel wurde noch kein Nachfolger gefunden, eine Interimslösung werde gesucht. Die Chormitglieder brennen darauf weiterzumachen, sagt Arnold. Chorsänger Köhler ergänzt: "Der Platz, den Wolfgang Eger in der Gemeinde verlässt, wird nur sehr schwer zu füllen sein." Feierlich verabschieden will die Gemeinde ihren Kantor am 27. Januar, 14 Uhr mit einem Gottesdienst.

Chorprobe, Ende November im Pfarramt: "Die Jungfrau im Stall - ihr müsst die Szene mit den Tönen malen", sagt Eger, "Bitte, und eins!" Der Chor setzt ein: "Schaut hin, dort liegt im finstern Stall ..." Die Tage, an denen dieser Choral in Eppendorf erklingt, sind vorerst gezählt.

Das Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach wird am morgigen Sonntag, 16Uhr in der Kirche Eppendorf aufgeführt. Karten kosten an der Abendkasse 16Euro, für Schüler und Studenten die Hälfte. Kinder bis zwölf Jahre frei.

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