400 Tage Landrat a. D.

Volker Uhlig ist Pensionär. Der Weg aus dem politischen Spitzenamt zum Privatmann dauert aber weiter an. Dabei hilft ein schwarzer, gutmütiger Russe dem Ex-Kreischef jeden Tag. Eine Ouvertüre in die Rente.

Freiberg.

Sie ist eine Sucht - das sagt Bayerns Ex-CSU-Parteichef Erwin Huber über die Politik. Macht. Einfluss. Das Rampenlicht. All das vermisse der Christsoziale, wie ein Junkie seine Drogen, offenbarte er plakativ im "Spiegel". Diese Welt ist auch Volker Uhlig nicht fremd, wenn auch zwei Etagen tiefer: Freiberg, Lunzenau und Nassau statt Brüssel, Berlin und München. Mittelsachsens erster Landrat betont: "Es ist die große Kunst, dass Politik nicht zur Sucht wird." Dabei habe er gerne in der ersten Reihe gestanden, die (Lokal-)Politik fehle ihm jedoch nicht, sagt Uhlig heute.

Vor fast genau 400 Tagen hat der Bobritzscher die schwere Eichentür zu seinem Büro in der Fabrikanten-Villa neben dem Freiberger Landratsamt zum letzten Mal hinter sich zugezogen. Über ein Jahr später, an einem diesigen Freitagmorgen, öffnet er die kleine hölzerne Pforte zu einem Freiberger Lokal, um auf die ersten Monate als Rentner zurückzublicken. Auf einem rustikalen Stuhl mit Federkernsitz nimmt er Platz. Als Landrat a. D. So steht es auf seiner schlichten Visitenkarte mit grauen Druckbuchstaben auf weißem Grund. Außer dem kleinen Zusatz "außer Dienst" ist noch etwas anders als früher. "Heute überlege ich mir, wem ich die Karte gebe - und, welche Einladungen ich annehme", sagt Volker Uhlig. Gesicht und hohe Stirn sind leicht gebräunt, der silber-graue Spitzbart sportlich kurz. Uhlig trägt ein hell-blau kariertes Hemd, die Ärmel zwei Mal lässig umgeschlagen. Dazu eine marine-blaue Weste und Blue-Jeans. Er wirkt frisch und zufrieden.

Doch der frühere Kreischef ist nicht allein. Seine Begleitung hat rassig-lockiges schwarzes Haar, ist erst elf Monate alt und geht Volker Uhlig übers Knie: der russische Terrier namens Petja von Amur. Gutmütig, ruhig, aber voller Power. "Er war lange geplant - und gehört nun zur Familie", erzählt Uhlig. Petja liegt unterm Tisch. Als er diese Worte von seinem Herrchen hört, hebt er den Kopf und schaut ihn an. Der Schwanz wackelt im Akkord. "Jaja, du bist ein Guter", sagt Uhlig.

Der Rüde bestimmt nun den Tag des Pensionärs. Jeden Früh gegen 8 Uhr geht es in die Natur. Sieben Kilometer muss Petja mindestens laufen. Uhlig hat dies viel Schweiß und fünf Kilo gekostet. "Ich fühl mich besser." 70-Stunden-Wochen sind zwar Geschichte. Dennoch steht er 5.30 Uhr auf. Um mit seiner Frau Christine Putzler-Uhlig (54), einst Beigeordnete im Altkreis Freiberg, zu frühstücken. Und dann drückt Uhlig auch noch die "Schulbank". Gemeinsam mit Petja geht es fast wöchentlich in die Hundeschule. "Er macht sich."

Dieses Fazit trifft augenscheinlich auch auf den Ruheständler zu. Klar, ganz loslassen konnte der gelernte Metallhüttenfacharbeiter, Traktorenschlosser und Meister für Landtechnik dann doch nicht. Er steht der Münch-Stiftung für die Pflege behinderter Menschen vor, führt die hiesige Welterbekommission an, die die Montanregion Erzgebirge in die Unesco-Analen führen will. Eventuell 2018 soll der neuerliche Antrag eingereicht werden. Für Außenstehende ist es kaum zu durchschauen, weshalb das Bewerbungsverfahren so zäh verläuft. Uhlig schaltet am Frühstückstisch blitzartig um auf Diplomat. "Das Entscheidungsgremium ist international besetzt. Da gibt es viel zu beachten." Konkreter will er nicht werden. In diesem Moment blitzt der Landrat kurz durch. Es passt zum Thema. "Der Welterbe-Vorsitz ist mein einziger Berührungspunkt zur Politik. Sonst bin ich raus."

Aussagen zur nach wie vor prekären Situation des Mittweidaer Kreiskrankenhauses, an dem schon Uhlig fast seine ganze Amtszeit seit 2008 zu knabbern hatte, verkneift er sich. "Meine Vorgänger haben sich nie in meine Arbeit reingehangen. Das fand ich angenehm. So verfahre ich auch." Große Themen hat er in seiner Amtszeit dennoch abgeräumt: Die Fusion der Altkreise Freiberg, Mittweida, Döbeln. Die Zusammenführung der Hartz-IV-Behörden sowie Bus- und Abfallgesellschaften. Die Nummernschild-Debatte. Die Hochwasser 2002 und 2013. Der ruinöse Zins-Swap aus Mittweida, der dem Kreis Millionen Euro kosten kann und noch immer Richter beschäftigt. Teils strittige, teils emotionale Themen. Trotz dieser vermeintlich dicken Bretter haftet Volker Uhlig der Ruf an, die letzten Jahre nur verwaltet zu haben. "Wir haben stets auf die Bedürfnisse der Zeit reagiert und das gemacht, was möglich war. Den Stein der Weisen haben wir genauso wenig gefunden, wie die Spitzen-Manager von Weltkonzernen, die teils Milliarden versenken."

Der Wechsel aufs sprichwörtliche Altenteil sei zunächst besser gelungen, als anfangs gedacht. Da Nachfolger Matthias Damm (CDU) erst zum 15. August 2015 im Landrats-Sessel Platz nehmen konnte, hatte Uhlig eine kleine Vorbereitungszeit auf den nahenden Ruhestand. "Die ersten Wochen liefen gut", erzählt Uhlig. Doch letztlich habe es fast ein Jahr gedauert, ehe der Körper vom Full-Time-Job im lokalpolitischen Rampenlicht in den Ruhemodus heruntergefahren sei. Dies habe sich gesundheitlich bemerkbar gemacht. "Heute brauche ich deutlich weniger Blutdrucktabletten", so Uhlig. Trotz des Stresses schließt Uhlig nicht aus, dass er diesen Job auch heute noch einmal machen würde - "wenn ich jünger wäre." Obwohl die gestalterischen Spielräume schwinden. "Wer heute in Verantwortung steht, ist nicht zu beneiden." Stichwort Flüchtlinge. Uhlig hebt den Kopf, beißt vom Brötchen mit Schinken ab und sagt: "Menschen in Not muss geholfen werden. Doch es gibt Grenzen des Machbaren." Vieles sei den Bürgern kaum noch vermittelbar, sagt Uhlig mit Blick auf die Milliarden Euro, die plötzlich zur Verfügung stehen und vorher nicht da gewesen seien.

Wegbegleiter beschreiben Volker Uhlig als einen Mann, mit dem man sich streiten konnte - doch auf dessen Worte Verlass gewesen sei. "Wir hatten natürlich auch Unstimmigkeiten. Dennoch ist er seinem Gegenüber immer auf Augenhöhe begegnet und hat den Kontakt zu den Bürgern gewahrt", sagt Wolfgang Ahnert, der bis Ende August Bürgermeister in Erlau und bis 2008 Vize-Landrat in Döbeln war. Ein knappes Jahr nach der Kreisreform war Uhlig im Landratsamt sein Chef. Uhlig schaute zu Ahnerts Abschiedsfeier im Sommer in Erlau vorbei. Das war so eine Einladung, die der Landrat a. D. aus freien Stücken angenommen hat. Dass die Chemie zwischen den beiden in Anbetracht allen diplomatischen Geschicks tatsächlich zu stimmen scheint, verdeutlichen Ahnerts Worte über das Mittelsachsen nach Volker Uhlig. "Er hat große Fußstapfen hinterlassen. Ja, sogar sehr große."

Doch die politische Bühne hat der Bobritzscher verlassen. Im kleinen Freiberger Lokal mit Blick auf den Kreuzteich nippt Volker Uhlig an seiner Kaffeetasse. Rüde Petja von Amur zuckt unterm Tisch kurz auf. "Petja, ist gut", diktiert Uhlig. Der Hund wird nach zwei Stunden stoischer Gelassenheit ein kleines bisschen unruhig. "Wir müssen dann langsam los. Es gibt noch einiges zu tun", sagt der Pensionär. Doch was eigentlich? Nun ist viel mehr Zeit für Kinder, Enkel und die Familie. Die Jagd ist ein Steckenpferd des 66-Jährigen. Er hat ein Gebiet mit zwei anderen Jägern gepachtet, in dem er regelmäßig Rehe, Wildschweine, Füchse und Dachse ins Visier nimmt. Zur Jagd nimmt das Herrchen Petja ab und an mit. Es richtet sich nun eben viel im Leben der Uhligs nach dem Vierbeiner. Urlaubsreisen mit Flugzeug sind vorerst nicht drin. Denn eines kommt nicht infrage: Petja zu Hause lassen.

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