Als Müllers Tochter noch Fährmann war

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In Fotos und anhand von Dokumenten zeigt eine Ausstellung in Grünlichtenberg die Entwicklung der Talsperre Kriebstein zum Tourismusmagnet. Doch auch die Zeit vor dem spielt eine Rolle.

Grünlichtenberg.

Die Erlebnisregion Talsperre Kriebstein zählt über Sachsens Grenzen hinaus zu einem weithin geschätzten Fremdenverkehrsgebiet. Das imposante Stauwerk des Zschopauflusses gilt dabei als Ankerpunkt eines für viele Branchen und Anrainer erfolgreichen Entwicklungsganges. Diesen weitreichenden Nutzen des zuallererst der Energiegewinnung bestimmten Ingenieurbaus macht auf unterhaltsame Weise eine facettenreiche Foto- und Dokumentenausstellung deutlich. Michael Kreskowsky, Historiker und Museumsführer, ist Initiator der im Kirchenschiff von Grünlichtenberg eingerichteten Schau.

"Das Konzept basiert auf dem 90-jährigen Bestehen der Talsperre, die von 1927 bis 1929 errichtet worden war", so der Organisator, der bekannt dafür ist, regionale Geschichte zu vermitteln und erlebbar zu machen. Durch Publikumsreaktionen auf Vorträge erhielt er das Signal, dieses Jubiläum mit einer Sonderausstellung in den Blickpunkt zu rücken. Und dies geschieht mit weit über 600 Bildern, Postkarten, Zeichnungen, Bauunterlagen und Werbeprospekten. Zudem werden auch mit Werbung der Wirtschafts- und Tourismusbetriebe sowie Museen versehene Sachgegenstände wie Gläser, Wanderutensilien, Aschenbecher, Vasen, Kartenspiele und Zierrat ausgestellt.

Gemeinsam mit dem Waldheimer Bildchronisten Matthias Löwe hat der 41-Jährige den unterhaltsamen Streifzug in fast ein Jahrhundert währender Technik- aber auch Freizeitgeschichte der sogenannten Mittweidaer Schweiz vorbereitet. Dabei rücken die Initiatoren Schaustücke zur Bauplanung- und dem Baugeschehen samt der wirtschaftlichen Nutzung in den Fokus, wie sie auch jene Materialien vorstellen, die vom kulturellen Leben in den Anrainergemeinden berichten. Unzählige Schnappschüsse bilden zudem das touristische Geschehen ab. Dazu zählen Hotels, Pensionen, Campingplätze und Bootsverleiher, aber auch die Erlebnisse von Vereinen und familiäre Erinnerungsstücke über einst unbeschwerte Stunden in, auf und neben dem Gewässer.

"Unsere Zeitdokumente erzählen bereits vom Geschehen vor dem Talsperrenbau. Wir zeigen etwa die geografische Lage, die Flusslandschaft mit den bis dato zu besuchenden sieben Flussinseln, die später überflutet werden. In Fotos sind Blickachsen eingefangen, die wir heute nicht mehr kennen", so der Grünlichtenberger und verweist auf einen der ersten Ausflugsführer einer heimischen Druckerei von 1878, in der die Mittweidaer Schweiz für ihre reizvollen Touren beworben wird. Darin nimmt die damals so geschätzte legendäre Lauenhainer Mühle, deren Fundamente als einzig betroffenes Objekt für immer in den Fluten versunken sind, einen breiten Platz ein. Wanderer wurden nach dem Ruf "Fährmann hol über" von einer der drei Töchter des Müllers für 5 Pfennige, in die "Toilettencasse" der Mädchen zu zahlen, über die Zschopau gegondelt.

Staunen lösen Fotos vom Segelschulschiff Niobe aus. Hoch droben in den Masten zeigen sich flussfahrende Landratten posierend, die einst in der Marineschule Tschöppichen ihre Grundausbildung erhalten haben. Wird die Burg Kriebstein als Fotomotiv bevorzugt, dient sie auch Werbegestaltern als Blickfang. So rastet ein frisch verliebtes Paar vor der Märchenburg, wobei der schmucke Trabant aus Zwickauer Automobilproduktion von den Marketingexperten in Szene gesetzt wird. "Und auch die Filmemacher wissen den Schauplatz zu schätzen", so Michael Kreskowsky. DDR-Produktionen wie "Weißes Blut" oder "Dr. Schlüter" sind an der Talsperre Kriebstein gedreht worden. Und in der mit Helga Göhring besetzten Serie "Ein Zimmer mit Ausblick" agieren die Schauspieler statt am Bodensee an der Zschopau.

Kreskowsky, auch dem Museumsförderverein Mittweida vorsteht, freut sich, die vielen Fotos und manchen Tipp von den Einheimischen erhalten zu haben. "Und wir suchen weiter. Bevor Familien ihre Nachlässe auflösen, wären wir interessiert, Material aus all den Jahrzehnten sichern zu dürfen", so der Chronist. Dem haben es beispielsweise solche Motive angetan, die vom Fotografen mit Fakten versehen worden sind. Dazu zählt in der Schau jenes vom Vater des letzten Gastwirts der Lauenhainer Mühle, der 1910 seinen frisch gefangenen Hecht in die Kamera hält. Und Dorfgeschichten werden genauso lebendig. So können Schnappschüsse von Ereignissen im Ortsleben betrachtet werden wie jenes von 1934, welches die Einweihungszeremonie der neuen Straße von Ehrenberg nach Kriebstein abbildet.

"Leider können Besucher durch Corona nicht wie geplant die Ausstellung besuchen, aber per schriftlicher oder telefonischer Anmeldung öffnen wir für individuelle Besuche mit Hygienekonzept und Mindestabstand die Kirche", sagt Michael Kreskowsky.

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