Auslandssemester in der Corona-Krise

Gehen oder bleiben? Vor dieser Frage stehen auch Studenten der TU Bergakademie und der Hochschule Mittweida. Zwei junge Frauen haben darauf ganz unterschiedliche Antworten. Warum beide ihre Entscheidungen nicht bereut haben.

Mittweida/Freiberg.

Ein fremdes Land entdecken, neue Leute aus aller Welt kennenlernen, gemeinsam Zeit verbringen, feiern, Ausflüge machen: Natürlich wird bei einem Auslandssemester auch studiert, doch mindestens genausowichtig ist das Drumherum. Mit der weltweiten Corona-Pandemie ist nichts davon möglich. In den vergangenen Wochen wurden auch innerhalb Europas die Grenzen geschlossen, fast überall gibt es Ausgangsbeschränkungen, und auch die Universitätsgebäude bleiben zu. Viele Studierende hat das vor die Frage gestellt: gehen oder bleiben? Maria Clausing von der Hochschule Mittweida und Magdalena Wolf von der TU Bergakademie Freiberg haben ihre ganz eigenen Entscheidungen getroffen.

Maria Clausing studiert im vierten Semester den Master "Cybercrime and Cybersecurity". Anfang Februar reiste sie nach Groningen in den Niederlanden, rund sechs Monate wollte sie bleiben. Nun ist die dortige Universität seit dem 12. März geschlossen. Viele andere Austauschstudenten seien bereits in ihre Heimatländer zurückgekehrt, berichtet die 23-Jährige. "Nichtsdestotrotz habe ich mich dafür entschieden, hier zu bleiben", sagt sie. Das hat mehrere Gründe: Zum einen habe sie in Deutschland derzeit keine Wohnung mehr. Einen ganzen Umzug wolle sie in der jetzigen Situation nicht machen, doppelt Miete zahlen, komme aus finanziellen Gründen ebenfalls nicht infrage. "Es macht auch keinen Unterschied, ob ich hier alleine zu Hause bin, wo ich alle meine Sachen habe, oder woanders alleine bin", meint die Studentin. In Groningen lebt sie mit mehreren Mitbewohnern in einem Haus. "Ich habe ein ziemlich schönes, großes Zimmer. Deswegen fühle ich mich auch recht wohl hier."

Für die Uni muss Maria Clausing weiterhin Hausaufgaben und Essays einreichen. Auch Zwischenprüfungen stehen noch an. Zunächst habe die Universität zwar Online-Prüfungen angekündigt. Nun sollen die Prüfungen aber doch auf dem Campus stattfinden, wenn die Uni wieder öffnet. Wann genau das der Fall sein wird, wissen Clausing und die anderen Studierenden nicht.

Auch in den Niederlanden gibt es mittlerweile Kontaktverbote. Restaurants sind geschlossen, Treffen von mehr als zwei Personen nicht gestattet, auch auf den Mindestabstand von 1,5 Metern muss geachtet werden. "Im Supermarkt darf pro Haushalt nur noch eine Person einkaufen gehen, und jeder muss einen Einkaufswagen nutzen", berichtet die Studentin. "Zudem legt der Postbote das Paket nur noch vor die Tür, klingelt und nimmt dann einen weiten Sicherheitsabstand ein." Sowohl das Auslandsamt der Hochschule Mittweida als auch das der Universität Groningen habe sie in der aktuellen Situation beraten und Hilfe angeboten. "Schlussendlich konnten wir aber selber entscheiden, ob wir gehen wollen oder bleiben."

Vor dieser Entscheidung stand auch Magdalena Wolf. Die 22-Jährige studiert Betriebswirtschaftslehre für die Ressourcenwirtschaft in Freiberg. Anfang Januar reiste sie zum Auslandssemester nach Trondheim in Norwegen. Bis Anfang Juni wollte sie bleiben. Jetzt ist es April, und die Studentin sitzt bei ihren Eltern in Wüstenbrand. Als sie am 14. März frühmorgens zurück nach Deutschland reiste, war das Coronavirus in Norwegen schon seit einigen Tagen Thema. "Viele Sportveranstaltungen, zum Beispiel die Raw Air-Tour des Skispringens in Trondheim, sollten erst ohne Zuschauer stattfinden und wurden schlussendlich ganz abgesagt", erinnert sie sich. Als ihre Universität am 12. März die Schließung beschloss und die norwegische Regierung früher als in Deutschland Schulen und Kitas dicht machte, habe ihre Familie ihr geraten, erst einmal heimzukommen.

"Ich selbst war mir dabei sehr unsicher, da ich einerseits natürlich mein Auslandssemester regulär beenden und die neuen Freundschaften und Sprachkenntnisse vertiefen wollte", sagt sie. "Auf der anderen Seite änderten sich in den Tagen die Nachrichten quasi stündlich mit neuen Infiziertenzahlen und Verordnungen." Nun sei sie froh, in dieser Zeit bei ihrer Familie zu sein.

Die Universität in Trondheim biete in großem Umfang Online-Vorlesungen, Fragestunden und andere Sprechstunden an, erklärt Magdalena Wolf. "Ich nehme nun von Deutschland aus an den Veranstaltungen teil, Gruppentreffen wurden auf Skype verlagert."

Im Mai will sie zu den Prüfungen antreten, die allesamt online stattfinden, um das Semester trotz allem abzuschließen. Aus diesem Grund wird sie wohl auch das Geld, mit dem Erasmus-Aufenthalte gefördert werden, erhalten. Das ist wichtig, denn mit dem unplanmäßigen Rückflug sind der Studentin zusätzliche Kosten entstanden. Auch die Miete für die Wohnung in Trondheim ist wohl noch bis Juni fällig. "Da ich bei meiner Abreise nicht all meine Sachen mitgenommen habe, werde ich definitiv noch einmal nach Norwegen reisen müssen, um alles abzuholen", erklärt sie. "Wann und wie das geschehen wird, ist unklar." Von der TU Bergakademie Freiberg sei sie frühzeitig informiert worden, dass den Studierenden bei einem Abbruch des Auslandssemesters keine Nachteile entstünden. Für entgangene Leistungspunkte seien Lösungen in Aussicht gestellt worden.

Die Universität in Trondheim habe umfangreiche Angebote zugänglich gemacht, etwa Beratungsportale und Online-Sportkurse.


Viele halten an Plänen fest

An der Hochschule Mittweida hatten sich insgesamt 37 Studierende angemeldet, um das Sommersemester im Ausland zu verbringen. Das teilte Hochschulsprecher Helmut Hammer mit. Demgegenüber hatten sich 28 Studierende aus aller Welt für ein Austauschsemester in Mittweida angekündigt. Die meisten haben trotz der weltweiten Pandemie an ihren Plänen festgehalten. Bis Ende März hatten nur drei ausländische Studierende ihren Aufenthalt in Mittweida abgesagt und waren in ihre Heimatländer zurückgekehrt. Fünf Absagen gab es von Mittweidaer Studierenden - die meisten von ihnen wollten in den asiatischen Raum.

"Wir haben bereits Anfang Februar geraten, Reisen nach China zu unterlassen und auch unsere Studierenden aus China gebeten, nicht anzureisen", so Hammer. Die Hochschule habe ihre Hinweise sukzessive entsprechend den Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts und des Auswärtigen Amtes ausgeweitet. "Deutschen Studierenden haben wir Empfehlungen zur vorzeitigen Rückreise ausgesprochen", so der Hochschulsprecher.

Von den acht Studierenden der TU Bergakademie Freiberg, die betroffen sind, habe bis Ende März keiner das Auslandssemester abgebrochen. "Wir standen mit jedem in Kontakt", sagt TU-Sprecherin Luisa Rischer. "Studierenden, die noch nicht ausgereist sind, wird davon abgeraten. Unseren im Ausland befindlichen Studierenden haben wir empfohlen, die Heimreise anzutreten." Die Stipendienorganisationen, etwa der Deutsche Akademische Auslandsdienst und die EU zeigten sich entgegenkommend, was das Verschieben, Nachholen und Unterbrechen der Aufenthalte anginge.

In Freiberg wollten dieses Jahr 25 ausländische Studierende ein Auslandssemester verbringen, so Rischer. Von den 22 Personen, die tatsächlich anreisten, seien bis Ende März nur zwei in ihre Heimatländer zurückgekehrt. "Die meisten ausländischen Studierenden bleiben zunächst vor Ort und warten ab, wie sich die Lage weiterentwickelt." Die wichtigsten Informationen rund um das Coronavirus und dessen Auswirkungen auf den Universitätsbetrieb seien für die ausländischen Studierenden der TU ebenso wie Auszüge aus der Allgemeinverfügung des Freistaats übersetzt und online zugänglich gemacht worden. (lkb)


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