Außergewöhnliche Prüfung vor dem Fest

Wegen Vorbehalten gegenüber einer Band, die bei den Stadtfesten in Mittweida und Leisnig auftreten soll, haben die Veranstalter beim Verfassungsschutz nachgefragt. Doch sie steht nicht auf der Liste extremer Musikgruppen.

Mittweida/Leisnig.

Dass sich die Organisatoren der Stadtverwaltung Mittweida in der Vorbereitung des Altstadtfestes auch mit der Extremismusbeauftragten des Landkreises abstimmen müssen, hat Seltenheitswert. Doch im aktuellen Fall wollte sich Mittweidas OB Ralf Schreiber (CDU) auch auf deren Urteil und eine Bewertung durch den Sächsischen Verfassungsschutz verlassen. Anlass dafür waren Boykottaufrufe gegenüber der thüringer Hardfolk-Gruppe Limited Booze Boys, die beim Leisniger Stadtfest auftreten soll und auch für Mittweida gebucht ist.

In Leisnig sind vor wenigen Tagen ungenehmigte Plakate mit dem Aufruf "Nazikonzert verhindern!" mit Bezug auf die Limited Booze Boys aufgetaucht. Deren Quelle bleibt anonym hinter dem Titel "Antifa RDL" (Roßwein, Döbeln, Leisnig). Im Leisniger Stadtrat hatte sich zudem der Vorsitzende des Alternativen Jugendzentrums am 1. August nach den Limited Booze Boys erkundigt. Leisnigs Bürgermeister Tobias Goth (CDU) erklärte daraufhin, dass ihm bereits im März zugetragen worden sei, dass es angeblich Kontakte der Band zur rechten Szene gab. Daraufhin habe die Stadt Verbindung mit der Extremismusbeauftragten des Kreises und dem Landesamt für Verfassungsschutz aufgenommen. Letzterer stufte die Musikgruppe nicht als politisch extreme Band ein. Die Band Limited Booze Boys sei kein Beobachtungsobjekt des sächsischen Verfassungsschutzes, bestätigte Martin Döring, Pressesprecher des Landesamtes für Verfassungsschutz Sachsen.


Doch woher kommen dann die Vorwürfe gegenüber der Band? Der Döbelner Eventcaterer Michael Köhler, der die Gruppe für die Stadtfeste in Mittweida und Leisnig gebucht hat, glaubt an eine Diffamierungskampagne. Die Limited Booze Boys habe er mehrfach live gesehen. "Die Band ist seit 20 Jahren unterwegs, spielt fast jedes Wochenende auf Festen oder bei Motorradtreffen", erklärt er. "Sie machen eine witzige Show und passen gut zum Altstadtfest." Sowohl beim Bundesamt für Verfassungsschutz als auch bei dessen sächsischem Pendant habe er die Limited Booze Boys überprüfen lassen, bevor sie für die beiden Stadtfeste engagiert wurden. "Dort liegt nichts gegen sie vor, also haben wir sie gebucht." Die Stadt Mittweida habe er über die jüngsten Boykottaufrufe in Leisnig informiert.

Vor dem Hintergrund hatte sich der Mittweidaer OB Ralf Schreiber (CDU) auch nach der Einschätzung der Verfassungsschützer erkundigt. "Und darauf verlassen wir uns als Hauptveranstalter", so Schreiber. Auf seine Nachfrage bei der Extremismusbeauftragten des Landratsamtes sei bestätigt worden, dass der Verfassungsschutz diese Band geprüft hat. "Sie ist nicht auf der Liste der rechtsextremen Bands", so Schreiber. Sorge habe er aber, dass mit der öffentlichen Debatte über den Auftritt der Band ein Schatten auf das Fest geworfen werde, bei dem es darüber hinaus "viele andere Programmpunkte" gebe.

Das Landratsamt mit seiner Extremismusbeauftragten bestätigte die Kontakte mit der Stadt und dem Verfassungsschutz, die es in Bezug auf die Limited Booze Boys gab. Zum Prüfungsprozedere gibt sich die Behörde aber bedeckt und will sich zu Details nicht äußern. Es gebe einen vertraulichen Austausch mit Vereinen und Kommunen, der Bereich Extremismus sei hier auch beratend tätig.

In ihrem Heimatbundesland seien die Limited Booze Boys bislang nicht bei rechtsextremistischen Veranstaltungen in Erscheinung getreten, teilte der Thüringer Verfassungsschutz auf Nachfrage mit.

Belegt ist allerdings, wie Recherchen der "Freien Presse" zeigen, dass der Name des ehemaligen Gitarristen der Limited Booze Boys, Henning H., in einer Ermittlungsakte zum Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) auftaucht. Darin wird er als einer von sechs Beschuldigten aufgeführt, denen 1997 von der Staatsanwaltschaft Gera Störung des öffentlichen Friedens durch Androhung von Straftaten, Verwendung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen und Volksverhetzung vorgeworfen wird. Unter den anderen fünf Beschuldigten: das NSU-Trio Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe. Aus der Akte geht auch hervor, dass bei einer Durchsuchung der Wohnung von Henning H. im Juni 1997 eine Rohrbombe festgestellt wurde. Das Verfahren wurde jedoch im September 2003 eingestellt. Im Jahr 1999 ist H. Gründungsmitglied der Limited Booze Boys.

Die Ermittlungen gegen das Bandmitglied wurden Ende 2012 von der mittlerweile vom Bundesinnenministerium verbotenen, linksradikalen Internetseite "Indymedia Linksunten" öffentlich gemacht. Henning H. verließ im Februar 2014 die Band. Der mittlerweile eingestellte Antifa-Blog "Recherche & Aktion" berichtete dennoch wenige Monate später über die Band und erhob auch Vorwürfe gegen den damaligen Bassisten Jens H. und den noch heute in der Band spielenden Gitarristen Mirko K. Beide sollen rechtspopulistische Beiträge bei Facebook verfasst und verbreitet haben.

Sänger und Gründungsmitglied Tom K. hat danach öffentlich Stellung bezogen: "Wir - die Limited Booze Boys - distanzieren uns von jeglicher rechten sowie extremen Gesinnung", schrieb K.. Er wie die übrigen Bandmitglieder hätten nie etwas mit der rechten Szene zu tun gehabt. Die Limited Booze Boys seien weder links noch rechts, distanzierten sich von Extremismus jeglicher Art und vom NSU-Terror, heißt es in einer im April 2014 veröffentlichten Stellungnahme der Band.mit döa/lvz

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...