Baupreise bereiten Kommunen in Mittelsachsen Probleme

Immer häufiger können Rathäuser keine Aufträge vergeben, weil die Firmen keine oder deutlich teurere Angebote abgeben als erwartet. Eine Ursache könnten Fördermittel sein.

Hainichen/Mittweida.

Die Neugestaltung der Ortsmitte im Reinsberger Ortsteil Bieberstein wird voraussichtlich fast 200.000 Euro teurer als geplant. Die Ausschreibung für die Abgas-Absaug-Anlage für das im Bau befindliche Feuerwehrdepot in Döhlen bei Seelitz muss wiederholt werden. Bei der Reparatur der "Apfelsinenbrücke" zum Baumwollpark in Flöha gab es Verzögerungen. Und der Ausbau der Rosa-Luxemburg-Straße in Eppendorf wurde ebenso auf nächstes Jahr verschoben wie das Dorfplatz-Projekt im Hainichener Ortsteil Gersdorf - im gesamten Landkreis Mittelsachsen machen Kommunen derzeit die Erfahrung, dass sie für ihre Bauprojekte Angebote von Firmen erhalten, die wesentlich teurer sind als erwartet. Woran liegt das?

Die Kreishandwerkerschaft verweist darauf, dass die Anzahl der Handwerksbetriebe im Landkreis gesunken sei. "Vor fünf Jahren hatten wir im mittelsächsischen Handwerk noch zirka 5100 Handwerksbetriebe. Heute reden wir über etwa 4700 Betriebe", erklärt Geschäftsführer Mario Peisker. In der Marktwirtschaft regele sich nun mal Angebot und Nachfrage über den Preis. Sein Rat an die Bauämter in den Verwaltungen: "Langfristiger ausschreiben; beschränkt ausschreiben, freihändige Vergabe und natürlich die Baupreisentwicklung in der Ausschreibung berücksichtigen. Wir stehen als Partner mit unseren Innungsfachbetrieben gern zur Seite."


Ursachen für den Firmenschwund seien Betriebsschließungen aufgrund fehlender Nachfolger und eine zu geringe Existenzgründungsquote. "Junge Gesellen und junge Handwerksmeister wollen lieber im Angestelltenverhältnis arbeiten", sagt der Geschäftsführer.

Besonders betroffen seien meisterpflichtige Gewerke, so Peisker weiter. Neugründungen gebe es vorwiegend in Bereichen, für die keine Meisterpflicht bestehe. Ein Klassiker dabei sei das handwerksähnliche Gewerk "Einbau von genormten Baufertigteilen"; dies sei aber kein Meisterbetrieb, der alle Bauleistungen erbringen dürfe.

Um diese Entwicklung zu stoppen, urteilt der Geschäftsführer, müsse die Politik schnellstens in der Bildung umsteuern: "Wir müssen unseren Kindern und Jugendlichen vermitteln, dass Wertschöpfung nicht nur mit dem Computer, sondern auch mit der eigenen Hände Arbeit erfolgt."

Mario Peisker spricht von einem "Akademisierungswahn" im Land - mehr als die Hälfte der jungen Leute besuche das Gymnasium, um später einmal zu studieren. Für die Ausbildung im dualen System, die das Rückgrat für den Mittelstand sei, blieben dadurch nicht genügend Schulabgänger übrig: "Wenn dies so weitergeht, vernichten wir langfristig gesehen unsere wirtschaftliche Basis." Der Städte- und Gemeindetag bestätigt, dass in jüngster Zeit sachsenweit vor allem auf öffentliche Ausschreibungen nur noch wenige, teilweise zu teure und teilweise gar keine Angebote mehr eingehen und manche Ausschreibungen auch aufgehoben werden mussten. "Bauindustrie und Baugewerbe befinden sich seit einiger Zeit in einer Phase der Hochkonjunktur", konstatiert Falk Gruber. Die Betriebe seien sehr gut ausgelastet, so der Grundsatzreferent des kommunalen Spitzenverbande weiter: "Nachdem sie viele Jahre ihre Überkapazitäten abgebaut haben, fehlen inzwischen auch die Fachkräfte, um wieder Kapazitäten für neue Bauaufträge schaffen zu können."

Dazu komme, so der Experte der Interessenvertretung kreisangehöriger Städte und Gemeinden weiter, "dass bei einigen Förderrichtlinien der Staat die Bewilligungsbescheide spät im Jahr und dann zeitgleich innerhalb weniger Tage oder Wochen an die Kommunen herausgibt, etwa im Straßenbau." Die Kommunen müssten ihre Ausschreibungen dann nahezu gleichzeitig starten, was Angebot und Nachfrage aus dem Gleichgewicht bringe. Zudem stünden zum Beispiel im Schulhausbau ohnehin immer nur enge Zeitfenster für den Bau zur Verfügung, wo vor allem in den Ferienzeiten gebaut wird. Auch das verenge den Markt. Nicht zuletzt sei das öffentliche Vergaberecht zu kompliziert, für die kommunalen Auftraggeber und die Auftragnehmer aus der Wirtschaft: "Das schreckt viele Unternehmen ab, sich auf öffentliche Ausschreibungen zu bewerben."

In der derzeitigen Hochkonjunktur auf dem Bau würden die Kommunen oftmals gezwungen sein, urteilt Gruber, Ausschreibungen aufzuheben oder zu wiederholen. Das Land könne aber einiges dafür tun, dass sich die kommunale Nachfrage gleichmäßiger verteile. "Wir haben dem Freistaat schon mehrfach Vorschläge unterbreitet. So könnten mehrjährige Budgets für die Kommunen dazu beitragen, dass die Mittel besser verplant und verbaut werden können. Auch die vergaberechtlichen Bestimmungen und die Förderrichtlinien müssen vereinfacht und entbürokratisiert werden."

Das Landratsamt erklärt, die Baupreisentwicklung könne durch die Politik nicht gesteuert werden - das sei bis 1989 möglich gewesen. "Angebot und Nachfrage beeinflussen den Markt und damit die Preise", erklärt Pressereferentin Cornelia Kluge. Die Landrätekonferenz dränge aber stetig auf eine kontinuierliche Mittelbereitstellung durch den Freistaat. Die Ursachen für die Baupreisentwicklung müssten im Einzelfall geprüft werden, eine könne die Fördermittelbereitstellung sein, so Kluge; eine schneller Bewilligung könnte sich positiv auswirken.

Das Landesamt für Statistik konstatiert steigende Baupreise in Sachsen. Im Vergleich zum Vorjahresmonat habe die Erhöhung im August 3,8 Prozent betragen. Besondere Steigerungen habe es im Erd- und Kanalbau (5,8 Prozent), bei Maler- und Lackierarbeiten (7,3) und im Metallbau (5,9) gegeben. Im Straßenbau registrieren die Statistiker 6,5 Prozent höhere Preise. Der Auftragsbestand im Bauhauptgewerbe sei zum Ende des zweiten Quartals so hoch wie seit Jahren nicht mehr gewesen - er lag 17,7Prozent über dem Vorjahr.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...