Bienenwohl steht hoch im Kurs

Die Insekten sind vielen Gefahren ausgesetzt. Honigbienen leiden unter Amerikanischer Faulbrut und Milben. Wildbienen mangelt es oft an geeigneter Nahrung. Doch es gibt in Mittelsachsen auch Initiativen zum Schutz der Honiglieferanten.

Mittweida.

Autofahrer kennen das: Früher waren mehr Insekten auf der Windschutzscheibe. Eine Studie des Entomologischen Vereins Krefeld vom Herbst 2018 bestätigt es: Die Biomasse der fliegenden Insekten habe sich von 1989 bis 2016 um 75 Prozent verringert. Die Folge: Immer mehr Leute sorgen sich vor allem um die Bienen. Für deren Schutz wird immer mehr getan.

So startet jetzt eine Untersuchung aller Honigbienenvölker, die quasi Haustiere sind, im Freistaat. Denn: In Sachsen grassiert die Amerikanische Faulbrut (AFB). "AFB ist eine ansteckende Bienenseuche, die zu erheblichen Verlusten geführt hat", teilt die Landesdirektion Sachsen mit. "2016 bis 2018 wurden im Freistaat Sachsen 46 Ausbrüche der AFB amtlich festgestellt", heißt es weiter. Trotz umfangreicher Bekämpfungsmaßnahmen sei es bisher nicht gelungen, die Seuche einzudämmen. "In den nächsten vier Jahren wird jedes Bienenvolk überprüft, um den Grad des Befalls zu erkennen", sagt die Sachverständige Heike Janthur. Proben hat sie schon in Augustusburg, Oederan und Flöha genommen.

Torsten Kleditzsch

Die Nachrichten des Tages:Der „Freie Presse“-Newsletter von Chefredakteur Torsten Kleditzsch

kostenlos bestellen

Mittelsachsen sei derzeit amtlich frei von AFB, so Markus Richter, Referatsleiter des Lebensmittelüberwachungs- und Veterinäramtes im Landkreis. Angespannt ist hingegen die Lage bei den 400 bis 500 Arten Wildbienen. "Da geht es immer um Habitatverluste", erklärt Hobbyimker Sven Richter. Gemeint ist damit der Lebensraum der Wildbienen, der verloren geht. Wo der Vorgarten nur aus Kies besteht oder der Roboter alles wegmäht, kann nichts mehr blühen. Viele Wildbienen sind aber auf bestimmte Blüten spezialisiert. Fehlen sie, mangelt es den Bienen an der Nahrungsgrundlage. Daher ist es sinnvoll, wenn Blühstreifen angelegt oder Wildblütenmischungen ausgesät werden. "Hauptsache, sie werden von bestäubenden Insekten angeflogen", sagt Richter.

Auch die Wildbienen sind im Anbau von Obst und Gemüse nicht zu ersetzen. Doch über die Hälfte aller Arten steht deutschlandweit auf der Roten Liste. "Dieser Überblick über die bedrohten Arten fehlt aktuell im Freistaat", sagt Matthias Nuß, Vorsitzender des Nabu-Landesfachausschusses Entomologie. "Die Rote Liste für Wildbienen in Sachsen wurde letztmals 2005 veröffentlicht." Damit sei die turnusmäßige Übersicht seit 2015 überfällig, so der Insektenforscher vom Senckenberg-Museum für Tierkunde in Dresden.

Was ihren Lebensraum betrifft, geht es den Honigbienen hingegen nach Einschätzung von Sven Richter hierzulande gut. Der Frankenberger ist Vizechef des Landesverbandes der sächsischen Imker. Die Tiere seien sehr effektiv, grasten Nektar von Pflanzen wie Raps, Linde und Robinie ab. Für sie gebe es eine Masse an Blüten, um Nektar zu sammeln. Um die Pflege der Völker kümmerten sich deutschlandweit 120.000 Hobbyimker. Zudem gebe es circa 1000 Berufsimker. Wenn dennoch Bienenvölker durch Befall mit der Varroamilbe sterben, hält Richter das für die Schuld des Imkers. "Dann hat sicher die Behandlung des Volkes nicht richtig gegriffen. Ich kann nicht einfach alles auf die Landwirtschaft und das Spritzen schieben."

Dennoch wird oft der Vorwurf laut, die Landwirtschaft trage Schuld am Artensterben der Insekten.Ein Generalverdacht, für den auch der erfahrene Hobbyimker Karl Richter nur ein Achselzucken übrig hat. "Unsachliches Gerede gibt es in vielen Branchen", sagt das Mitglied des Imkervereins Oederan und verweist auf dessen jahrelange Kooperation mit der Agrargenossenschaft Memmendorf (AG). Deren Landwirte verzichten in der Kulturart Raps auf circa zwei Dezitonnen Ertrag je Hektar.

"Ab dem Knospenstadium spritzen wir keine Insektizide mehr. Wir behandeln die Blüten generell nicht, wo Bienenkörbe stehen, damit keine Rückstände im Honig landen", sagt Jana Krellmann, Vorstandsmitglied der Agrargenossenschaft. Ein 90 Hektar großes Feld bietet bis zu 80 Bienenvölkern Nahrung. Das Vorgehen zahlt sich in Qualität aus: Der im Mai 2018 erstmals eingereichte Rapshonig von den Flächen der Memmendorfer AG wurde von der Landesanstalt für Bienenkunde der Universität Hohenheim umfassend überprüft. "Der eingesandte Honig entspricht den gesetzlichen Bestimmungen", haben die Stuttgarter festgestellt. Der Prüfbericht bescheinigt, dass weder Insektizide noch Fungizide diesen Honig aus Mittelsachsen trüben.


Der Verbandsvize

Sven Richter, Hobbyimker aus Frankenberg, ist Vizechef des Landesverbandes der sächsischen Imker. "Dank 120.000 deutschen Hobbyimkern geht es den Honigbienen gut", sagt er. Den 560 Arten Wildbienen dagegen schwindet die Nahrungsgrundlage. Das liege zum einen an der immer effektiveren Landwirtschaft, zum anderen sollte jeder etwas tun: Wildblühflächen anlegen, Blühstreifen säen und Blumenkästen bepflanzen. (dahl)


Der Wissenschaftler

Matthias Nuß, Vorsitzender des Nabu-Landesfachausschusses Entomologie, bedauert den Mangel an Wildbienen-Experten. Daher gebe es Wissenslücken über die Tiere. Für diese seien Nahrung, Nisthabitate und Material zum Nistbau überlebenswichtig. Da die meisten der Tiere im Boden brüten, könne ein anderes Mahd-Regime dafür sorgen, dass sie mehr Raum und Zeit zur Entwicklung haben. Darum: Beim Mähen stets ein Drittel stehen lassen. (dahl)


Die Landwirtin

Jana Krellmann, Vorstandsmitglied der Agrargenossenschaft Memmendorf, lässt undifferenzierte Kritik an Landwirten nicht gelten. "Seit 2014 stellen wir Imkern einen umgebauten Transportanhänger als Bienenwagen kostenlos zur Verfügung." Nektar finden die Bienen auch auf einer extra angelegten, neun Hektar großen Blühwiese bei Oederan. Auf der Blühwiese fänden sich viele Sorten Insekten ein, darunter sogar Wildbienen. (dahl)


Die Sachverständige

Heike Janthur, Hobbyimkerin vom Immenhof in Euba, findet es beängstigend, wenn es als normal angesehen wird, dass bis zu einem Drittel der Honigbienenvölker nicht über den Winter kommen. Hauptursache ist der Befall mit der Varroa-milbe und in deren Schlepptau Viren. Wildbienen machten Insektenvertilgungsmittel in der Landwirtschaft zu schaffen, wie auch kaum bepflanzte und kurz gemähte Gärten ohne Blüten. (dahl)


Bienen im Landkreis

Anzahl von Imkern: 683 Imker gibt es im Landkreis Mittelsachsen, davon 383 Imker in Vereinen organisiert und 300 nicht.

Anzahl der Bienenvölker: 5457 Völker

Naturbienen: Rassen, Anzahl und eventuelle Haltungsmethoden werden nicht erfasst. (dahl)

Quelle: Landratsamt Mittelsachsen

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...