Bockendorfer Agrarbetrieb schafft Milchkühe ab

300 Tiere werden geschlachtet oder verkauft: Laut Chef Maximilian von Oer ist der sinkende Literpreis der wichtigste Grund. Auch andere Landwirtschaftsunternehmen in Mittelsachsen haben aufgegeben.

Maximilian von Oer im Kuhstall der Agrargenossenschaft in Bockendorf. Ein Teil der Kühe soll nun auf den Schlachthof.

Für Sie berichtet: Ute George

Für Maximilian von Oer, Chef der Agrargenossenschaft Bockendorf, ist es kein angenehmes Thema. "Wir werden viel darauf angesprochen. Uns ist klar, dass wir mit einer Tradition brechen", sagt er. Der Münsterländer hatte vor anderthalb Jahren die Agrargenossenschaft Bockendorf gekauft. Ursprünglich wollte er alle Geschäftsfelder erhalten. Doch nun gibt er die Milchproduktion auf.

"Es sind zu viele harte Fakten, die uns dazu zwingen", erklärt er. Ein Fakt sei: Der Milchmarkt gebe den Preis vor. Und der liege derzeit bei 30,5 Cent pro Liter. "Seit Februar hat sich der Preis nicht bewegt", sagt Oer. Als er Anfang 2017 den Betrieb übernommen hatte, sei der Milchpreis am Steigen gewesen und habe im Herbst 2017 bei etwa 38 Cent gelegen. "Anfang dieses Jahres ist er innerhalb von zwei Monaten um 20Prozent gesunken", so Oer. Das habe ihm jeden Monat einen Umsatzverlust im fünfstelligen Bereich beschert. "Wir haben versucht, uns gesund zu schrumpfen, Ställe umgebaut und einen Melkstand geschlossen", berichtet der Chef der Agrargenossenschaft. Die Zahl von ursprünglich 380Kühen sei auf 300 abgebaut worden.

Doch letztendlich müsse ein Betrieb rentabel arbeiten. "Die Milchproduktion hätte uns das Genick gebrochen", erklärt Oer. Sicherlich hätte er eine gewisse Zeit das Minus in der Milchproduktion durch die Ackerwirtschaft ausgleichen können. "Aber das ist nicht das Ziel. Jeder Betriebszweig muss wirtschaftlich arbeiten." Es gebe einfach zu viel Milch auf dem Markt, so Oer.

Doch es gebe noch einen Grund, warum der Münsterländer seine Milchkühe abschafft. "Der Fachkräftemangel verschärft sich", sagt Oer. Einige der anfänglich 22 Arbeitskräfte seien in den Ruhestand gegangen. "Wir haben versucht, das durch ausländische Mitarbeiter auszugleichen", berichtet der Chef. Da die aber über Zeitarbeitsfirmen vermittelt würden, sei das nur eine kurzfristige Lösung. Sie könnten die erfahrenen Mitarbeiter, die sich auch mit dem Betrieb identifizieren, nicht auf Dauer ersetzen.

Mit der langen Trockenheit habe die Aufgabe der Milchproduktion in seinem Betrieb jedoch nichts zu tun. "Obwohl wir jetzt auch Probleme bekommen würden, da die halbe Futterernte fehlt", sagt Oer.

Die Bockendorfer Agrargenossenschaft ist nicht die erste in Mittelsachsen, die aufgibt, weiß Gunther Zschommler, Vizepräsident des Regionalbauernverbandes Erzgebirge und Vorstandsmitglied im Sächsischen Landesbauernverband. 2017 hätten zwei Betriebe mit insgesamt 800 Kühen im Raum Döbeln die Milchproduktion eingestellt, im Raum Mittweida waren es neben Bockendorf drei weitere Betriebe mit insgesamt 550 Kühen in den vergangenen Jahren. Auch in der Freiberger Region schaffe dieses Jahr ein Betrieb seine 200 Kühe ab. Doch dieses Thema ist für viele Landwirtschaftsunternehmen scheinbar tabu. "Freie Presse" fragte bei einigen nach den Gründen, öffentlich äußern wollte sich niemand dazu.

Auch Zschommler bestätigt den derzeit aktuellen Milchpreis von 30,5 Cent pro Liter. "Alles was auf Dauer unter 35 Cent liegt, rechnet sich für die Landwirte nicht", sagt Zschommler, der selbst einen Landwirtschaftsbetrieb in Großschirma betreibt. Erst bei 40 Cent pro Liter sei auch ein kleine Gewinnreserve dabei. "Die wird ja auch jedem anderen Betrieb zugestanden", sagt er. Für ihn sei nicht nachvollziehbar, warum der Milchpreis derzeit nicht wieder steigt. Aufgrund der Hitze und dem Stress für die Tiere gehe die produzierte Milchmenge zurück. "Auch das Futter wächst nicht mehr. Einen Futterzukauf kann kaum jemand bezahlen", erklärt er.

Zschommler rechnet damit, dass noch mehr Landwirtschaftsbetriebe ihren Kuhbestand zumindest reduzieren. "Die Molkereien und der Einzelhandel müssen sich endlich bewegen, sonst werden sie künftig Milch und Milchprodukte EU-weit zukaufen müssen", so Zschommler.

Maximilan von Oer wird einen Teil der Milchkühe auf den Schlachthof bringen, einen Teil als Zuchtkühe verkaufen. "Aufgrund des derzeitigen Futtermangels ist es schwer, sie in anderen Betrieben unterzubringen", sagt er. Von den sechs festangestellten Mitarbeitern in der Milchproduktion bleibt einer. Zwei gehen in den Ruhestand und die anderen vermittelt er in Nachbarbetriebe, dort würden gut ausgebildete Mitarbeiter gesucht. Sein Betrieb konzentriere sich jetzt auf den Ackerbau. Im nächsten Jahr will er auch Braugerste anbauen.

0Kommentare Kommentar schreiben