Brötchen aus der Telefonzelle

Etwa 100 Chemnitzer beteiligen sich derzeit aktiv an einem Modell gegen Lebensmittel-Verschwendung. Die Aktivisten wollen dafür noch mehr Mitstreiter gewinnen.

Chemnitz.

Eine Stiege Pfannkuchen vom Bäcker, die übrig geblieben ist, Joghurt, der das Mindesthaltbarkeitsdatum gerade überschritten hat, oder Obst und Gemüse, das zwar runzelig aussieht, aber durchaus noch essbar ist: Seit 2014 setzen sich Engagierte in Chemnitz dafür ein, dass nicht verbrauchte Nahrungsmittel nicht unnötig im Müll landen. Sie betreiben Foodsharing, zu deutsch Lebensmittel-Teilung. In der Stadt sind mittlerweile gut 300Foodsharer registriert.

Das System läuft ausschließlich über eine Online-Plattform. Dort kann man sich anmelden und sehen, wo und wann welche Lebensmittel abzuholen sind. Von den 300registrierten Nutzern sind etwa 100 aktiv, informiert Maren Troschke. Sie hat mit zwei Gleichgesinnten vor sechs Jahren das Foodsharing in Chemnitz aufgebaut. Bis jetzt gibt es fünf sogenannte Fair-Teiler im Stadtgebiet - Orte, an denen ein Schrank oder Kühlschrank steht, in denen Lebensmittel, die man selbst nicht braucht, abgelegt und andere mitgenommen werden können. Für eine Stadt in der Größe wie Chemnitz sei diese Zahl durchaus beachtlich, sagt Troschke.

Doch es sollen mehr werden. Kürzlich wurde ein Fair-Teiler an der Peterstraße 26 auf dem Sonnenberg eröffnet. Zwei weitere sind in diesem Jahr für den Kaßberg geplant. Die Fair-Teiler werden regelmäßig vom Gesundheitsamt kontrolliert und müssen Auflagen erfüllen. "Es gibt zum Beispiel einen Putzplan, um Hygienevorschriften einzuhalten", erläutert Troschke. Die Verantwortung trage jeder Foodsharer für sich selbst. Er müsse entscheiden, was er essen mag und was nicht.

Troschke wohnt mit ihrem Partner und drei Kindern auf dem Sonnenberg. Sie leben das Foodsharing-Modell seit Jahren konsequent. 60 bis 70Prozent der Lebensmittel, die die Familie zu sich nimmt, holt sie sich bei Foodsharing-registrierten Betrieben ab. Das sei nicht nur eine Kostenersparnis, sondern vor allem ein Beitrag in puncto Lebensmittelrettung. "Es wird so viel weggeworfen, was noch problemlos verwertet werden kann", sagt die 25-Jährige. Die Foodsharing-Aktivisten verstehen sich dabei als Ergänzung zum Verein Tafel. Der darf nur Lebensmittel annehmen, bei denen das Mindesthaltbarkeitsdatum noch nicht überschritten ist. "Es bleibt aber viel anderes übrig", betont Troschke. In Chemnitz gebe es bislang elf Kooperationen mit Bäckereien, Restaurants und Franchise-Supermarktbesitzern. Zwei bis fünf Foodsharer holen dort mehrmals in der Woche abgelaufene oder nicht mehr präsentierbare Lebensmittel ab.

Was sich Troschke und ihre Mitstreiter für Chemnitz wünschen, sind mehr Foodsharer und mehr Betriebe, die mitmachen. Dass man sich nur über eine Internetplattform anmelden kann, könnte eine Hürde für ältere Bürger sein, mutmaßt Troschke. Es gebe aber regelmäßig für jedermann offene Treffen, in denen das System erklärt wird, sagt sie. Am ersten Sonntag jedes Monats findet es im Lesecafé Kaffeesatz, Zietenstraße 40, statt, das nächste Mal am 5. April von 11 bis 16 Uhr. Was die zum Teil ablehnende Haltung von Betrieben gegenüber dem Foodsharing-Modell angeht, ist die junge Frau auch ratlos.

Karola Krug, die drei Bio-Märkte in Chemnitz besitzt, gehört zum Beispiel nicht zu den Betrieben, die ihre abgelaufenen Lebensmittel zur Verfügung stellen. Krug begründet das in erster Linie damit, dass sie an Lebensmitteln nicht so viel übrig hat. "Wir wollen Abfälle von vornherein vermeiden", sagt sie.


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1Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 1
    3
    Interessierte
    14.03.2020

    Mit wie viel Appetit kann man das denn essen ?