Bürgermeister muss Rapunzel spielen

Zum Faschingsauftakt sind in Hainichen und Frankenberg die Schlüssel am Strick heruntergelassen worden. Die Ringethaler haben sich aus einem Vorratskeller gemeldet.

Hainichen/Frankenberg.

Es war genau 11.12 Uhr, als sich ein Streifenwagen der Polizei dem Rathaus in Hainichen näherte - und langsam weiter fuhr. Einige Passanten blickten dem Auto hinterher, die maskierten Männer und Frauen auf der Rathaustreppe hatten aber nur Augen für das offene Fenster des Ratssaals. Dort schaute Bürgermeister Dieter Greysinger heraus - mit einen langen Strick und einem großen Schlüssel in der Hand.

So sah sie nun aus, die Schlüsselübergabe in Pandemie-Zeiten. "Wir holen uns den Schlüssel, egal wie", hatte Axel Weiß, Chefnarr des Hainichener Karnevalsklubs (HKK) wenige Minuten zuvor schon über sein Mikrofon verkündet. Einige Meter über ihm antworte der Bürgermeister und kündigte an, die wegen Corona ohnehin klamme Stadtkasse freiwillig herauszurücken. Den Schlüssel ließ er schließlich an einem Strick herab. Die HKK-Truppe feierte dies mit einem Schuss aus der Konfetti-Kanone und dem Schlachtruf "Hainichen bäh bäh", den auch etliche der etwa 30 Schaulustigen erwiderten.

Gruppen aus den Kindergärten, die in früheren Jahren immer vor Ort waren, fehlten dieses Mal. Eine Kiste mit Süßigkeiten ließ der HKK dennoch am Gellert-Denkmal zurück. Zudem wurde das neue Motto in einem kleinen Gedicht verkündet: "Jubiläum sollte sein im nächsten Jahr: 40 Jahre HKK! Wir finden es ganz doof - verboten ist der Faschings-Schwof. Es hilft kein murren, keine Klage - hoffen wir auf bessere Tage! Tut uns die Abstinenz auch weh - Wir kommen wieder ... Hainichen bäh bäh."

Kulturchefin Evelyn Geisler hatte sich auf die närrische Delegation vorbereitet. Sie verteilte als Dank kleine Sektflaschen, die an einer Angel hingen, um den Mindestabstand zu garantieren. Ob und wann der Verein im neuen Jahr sein Jubiläum feiern darf, kann Weiß noch nicht sagen. "Sollte dies im Frühjahr nicht möglich sein, machen wir wie in früheren Jahren wieder einen Sommernachtsball, also Fasching in der warmen Jahreszeit", kündigte er an.

Auch in Frankenberg erfolgte die Schlüsselübergabe nach dem Rapunzel-Prinzip. Bürgermeister Thomas Firmenich ließ den Rathausschlüssel vom Balkon am Strick herab. Unten warteten sieben maskierte Mitglieder des Frankenberger Carnevalsvereins (FCV). "Es war genau 11.11 Uhr und damit das erste Mal, dass wir pünktlich waren", erklärte Präsidentin Karin Lohfink. "Einige wenige Leute haben mit genügend Abstand zugeschaut." Ein Motto hat der FCV nicht verkündet. "Wir haben ja auch keine richtige Saison", sagte Lohfink. "Ob wir im Februar wieder feiern dürfen, kann uns noch niemand sagen. Ich selbst glaube nicht so richtig daran."

Der Ringethaler Carnevalsverein (RCV) hatte den Start in die fünfte Jahreszeit mit einem Countdown eingeläutet. Punkt 11.11 Uhr ging am 11. 11. auf der Facebook-Seitedes Vereins ein Video online, in dem Präsident Tom Schreiter aus seinem Vorratskeller grüßte. Von dort aus witzelte er "Alle Kinder sind auf dem Spielplatz außer Mona, die hat Corona". Zudem erklärte er, selbst Corona zu haben und präsentierte die gleichnamige Biersorte. Nach der Verkostung war er überhaupt nicht begeistert. Die Kanzlerin bekam ihr Fett weg, doch Verschwörungstheorien bügelte er ab. Und ein anzügliches Motto hat sich der RCV auch schon überlegt, falls es denn Karneval im neuen Jahr geben darf: "Wenn der Biene der Stachel juckt, der Maulwurf aus den Löchern guckt. Die Blume macht die Blätter breit: Beim RCV ist Gartenzeit."

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