"Bunte Bühne" vereinte Hobbykünstler

Nach 1945 bereicherte eine private Theatergruppe Freibergs Kulturlandschaft. Geprobt wurde im "Tivoli", aber beispielsweise auch im "Schwarzen Ross" Siebenlehn. Der 87-jährige Hans-Werner Thümmrich kann viel davon erzählen.

Freiberg.

Hobby-Unterhaltungskünstler haben sich nach dem Zweiten Weltkrieg 1945 in der "Bunten Bühne" zusammengefunden. "Diese private Theatergruppe bereicherte Freibergs Kulturlandschaft", erinnert sich der heute 87-jährige Hans-Werner Thümmrich. "Damals gehörte ich noch nicht dazu. Aber bei einer späteren Neuauflage, damals leitete ein Student die Gruppe, war ich dabei", berichtet der Senior.

Das Freiberger Stadttheater nahm am 16. Juni 1945 mit der Boulevardkomödie "Spiel im Schloss" wieder seinen Betrieb nach dem Zweiten Weltkrieg auf - mit der später bekannten Schauspielerin Inge Keller in einer Rolle.


Im Amateurbereich hingegen agierte die Theatergruppe "Bunte Bühne". Deren Proben fanden laut Thümmrich anfangs in der späteren Stasi-Villa in der Leipziger Straße, im "Tivoli", im "Bayrischen Garten" und im Gewerbehaus in Freiberg sowie im "Schwarzen Ross" in Siebenlehn statt. Leider habe der sehr agile Leiter nach dem Studium die Stadt Freiberg verlassen, sagt Hans-Werner Thümmich. Deshalb pausierte die "Bunte Bühne", bis sich Thümmrich ab Ende der 1940er-Jahre um die Theatergruppe kümmerte.

Damals war er nach abgeschlossener Lehre zum Industriekaufmann Mitarbeiter im Freiberger Rathaus geworden - und das nutzte er für seine künstlerischen Pläne. Thümmrich: "Dort gab es einen Kulturraum mit einer richtigen Bühne und einem richtigen Vorhang." Auf seine Nachfrage hin habe er den Raum, in dem übrigens später zeitweise eine Sparkassenfiliale untergebracht war, für individuelle Veranstaltungen nutzen dürfen. "Ich hatte nun die Möglichkeit, erstmals einem größeren Publikumskreis meine Programme vorzustellen und konnte umsetzen, was ich mir ausgedacht hatte", so Thümmrich.

Deshalb habe er sanges- und spielfreudige Bürger gesucht, ein sehr mühevolles, aber letztlich erfolgreiches Unterfangen. Noch heute muss der Senior schmunzeln, wenn er erzählt dass aus der Kinderkrippe neben dem Landratsamt ein Viertel der Mitarbeiterinnen, einschließlich Leiterin, mitmachen wollte. "Ich fand zum Beispiel Klavierschülerinnen, einen Kumpel, eine Sekretärin und eine Schneiderin, die schon eine richtige Schnellzeichnerin war", erinnert er sich. Und Thümmrich gerät ins Schwärmen, als er berichtet, wie viele Freiberger sich an dem ungewöhnlichen Projekt beteiligten. Eva Balzereit vom Stadtfunk bewarb die Veranstaltungen. Das Modeatelier Kühn schneiderte ihm zu Sonderkonditionen einen schwarz-weißen Bühnenanzug, und Küchenchef Schwarze vom Ratskeller stattete ihn für einen Sketch als Koch aus - von der Mütze bis zur Hose. "Auch Mimen vom Freiberger Theater fanden mein Vorhaben durchaus interessant: Berti Deutsch und Lothar Schlicke als Programmsprecher, Ilse Prätor und Erika Pietzschmann als Sängerinnen", berichtet er. Die 1943 in Freiberg geborene Chansonsängerin Barbara Kellerbauer habe als Kind auf der "Bunten Bühne" gestanden - mit einem Teddybär, über den sie sang. Auch Sonja Landgraf, damals im Gesangsstudium, später Sängerin am Opernhaus Chemnitz, und ihrer Kommilitonin Elisabeth Breul, später Opernsängerin bot die Theatergruppe "eine Plattform zum Bekanntwerden", wie Thümmrich sagt. Bass Harry Steinert, später an der Semperoper, habe sich hier ebenfalls seine ersten Sporen verdient. "Mit dem Fotografen Gerd Breidenstein habe ich einst die Schulbank gedrückt. Gemeinsam spielten wir nun eine Szene aus der ,Fledermaus' - Gerd war der Frosch", so Thümmrich. Seine Cousine Ina Wolf wiederum habe am Konzertflügel gespielt. Die Großveranstaltungen der "Bunten Bühne" hießen "Bunte Ostereier" (1955), "Ostermagazin" (1956 sowie "Unter einem Regenschirm" und "Klingender Advent" (beide 1957).

Und die Bühnenausstattung? Augenzwinkernd berichtet Thümmrich, dass er als damaliger Sachbearbeiter für Personenstandswesen zwei ansehnliche Polstersessel aus dem Raum für die Eheschließungen im Rathaus "in die Bühnendekoration einfügen" konnte. Zu Ostern habe die Firma Ernst Lange der Gruppe Papp-Ostereier ausgeliehen, die auf der Bühne aufgehängt wurden.

Zum letzten "Bunten Reigen aus Oper, Operette und Kabarett" trat der Karikaturist und Humorist Rudi Riebe aus Berlin auf. "Wie alle anderen Akteure war auch er ohne Gage dabei - aus Freude am Spiel", so Thümmrich. "Dafür gilt ihm und auch allen anderen Dabeigewesenen noch heute mein großer Dank." Im Rückblick sagt der Freiberger: "Das gab's nur einmal."


Wechselvolles Leben

Hans-Werner Thümmrich ist Jahrgang 1932. Nach der Lehre zum Industriekaufmann war er im Freiberger Standesamt, im Kulturbund, im Landratsamt sowie in der Konzert- und Gastspieldirektion tätig. 1957 nahm er am Wettstreit Junge Talente teil, 1968 bis 1970 besuchte er Spezialschule Kabarett in Dresden, danach war er Leiter von Kabarettgruppen. Von 1986 bis 2011 leitete er die Freiberger Märchenbühne, in der er noch heute Mitglied ist. (hh)

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...