Der Erzgebirger mit den vielen Rekorden

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Was macht eigentlich ... Jürgen Löschner? - Der Begründer vom Ersten Nussknackermuseum Europas

Neuhausen.

Der Lärm der Maschinen in der Fabrik am Neuwernsdorfer Weg 7 ist selbst auf der Straße nicht zu überhören. Mittendrin steht Chef Jürgen Löschner, der über viele Jahrzehnte immer wieder mit Schlagzeilen auf die Region aufmerksam machte. Gabi Thieme hat den 76-Jährigen besucht.

"Freie Presse": Sie mit 76 Jahren noch immer im Blaumann an Ihren Maschinen anzutreffen, überrascht. Können oder wollen Sie Ihre Arbeit als Maschinenbaumeister nicht aufgeben?

Jürgen Löschner: Der Beruf ist mein Leben. Was soll ich sonst den ganzen Tag tun? Ich war über 20 Jahre auch 2. Bürgermeister von Neuhausen. Bis heute arbeite ich im Gemeinderat, habe dort im Ältestenrat vor allem Streitigkeiten zu schlichten. Aber das füllt doch den Tag nicht aus. Auch nicht die Fußballspiele, die ich mir als Fan vom FC Bayern und dem FC Erzgebirge regelmäßig anschaue. Deshalb gehe ich also noch jeden Tag in meine Firma, die mein Großvater vor 121 Jahren gegründet hat.

Fünf Tage die Woche in Vollzeit?

Ja, und oft auch samstags. Allerdings habe ich nicht mehr wie zu DDR-Zeiten bis zu 15 Beschäftigte, sondern bin allein und mache vor allem Lohnarbeit für die Stahlbaufirma Heimann in Olbernhau. In Pandemiezeiten arbeitet mein Sohn Uwe hier mit, weil er seine drei Museen ja schließen musste.

Und was sagt Ihre Frau Gabi dazu?

Sie ist froh, dass mir nicht langweilig wird. Ich stehe ihr im Haushalt doch sowieso nur im Weg. Mit dem Sammeln von Briefmarken bin ich auch nur stundenweise ausgelastet. Damit hatte ich in der DDR begonnen, da hatte das noch einen großen Reiz, Neuheiten aus westlichen Ländern zu ergattern, zur Not in einem Trauerbrief versteckt. Heute sammle ich nur noch Deutschland-Marken. Mehr als 100 Alben stehen in einem extra dafür hergerichteten Zimmer.

Viele wissen heute nicht mehr, dass Sie es waren, der schon zu DDR-Zeiten mit seiner privaten Nussknackersammlung den Grundstein für das Erste Nussknackermuseum Europas in Neuhausen gelegt hat, das Ihr Sohn Uwe nun seit Jahren führt.

Ja, und Sie haben als Journalistin damals geholfen, das bekannt zu machen. Aber das ist wirklich eine lange Geschichte, die 1966 begann, als ich von meinen Eltern deren einzigen Nussknacker geschenkt bekam. 1977 hatte ich dann schon 166 Exemplare. Da ich spezielle Holzbearbeitungsmaschinen herstellte, auf die es in der DDR lange Lieferzeiten gab, hatte ich auch mit vielen Nussknackerproduzenten Kontakt. Da gab dann schon mal eine Hand die andere. 1990 besaß ich 1277 verschiedene Knacker.

Und heute sind es ...?

Etwas mehr als 6500 aus etwas mehr als 30 Ländern im Museum meines Sohnes.

Sammeln Sie immer noch?

Ja, für Uwe. Der bekommt immer zum Geburtstag und zu Weihnachten jeweils einen Neuzugang geschenkt. Außerdem sind wir eine gut vernetzte Gemeinschaft von etwa 40 Sammlern aus ganz Deutschland und den USA. Wir treffen uns seit 1991 einmal im Jahr, zuletzt 2019. Dabei gibt es immer eine Tauschbörse. Einige Sammler leben inzwischen nicht mehr. Da wurden uns ihre Stücke angeboten. Auch sonst kommen immer mal Leute, die Nussknacker geerbt haben und damit nicht viel anfangen können. Von den heutigen Produzenten erwerbe ich immer noch fast alle Neuentwicklungen.

Sie sind demzufolge auch viel im Internet unterwegs?

Nein, überhaupt nicht. Das überlasse ich den Jüngeren in der Familie. Den Zug habe ich irgendwie verpasst, obwohl ich zu DDR-Zeiten einen der ersten Robotron-Computer besaß. Selbst das Handy, das ich benutze, kann nicht viel mehr als telefonieren. Ich recherchiere nur auf klassischen Wegen.

Sie selbst waren über viele Jahre immer im Advent Akteur auf dem Weihnachtsmarkt Ihres Museumsgeländes. Doch vergangenes Jahr blieb alles zu - wie schon 2020. Wie erging es da Vater und Sohn samt Familien?

Es hat uns schon traurig gemacht, wie diese Pandemie alles überlagert. Ich war über Jahre immer der Chef am Glühweinstand. Ich erinnere mich an einen dritten Advent, als hier mal mehr als 20 Reisebusse auf das Museumsgelände kamen. Da bin ich dann immer auch als Museumsführer mit eingesprungen. Meine Frau managte die Kasse. Nun mache ich mir viele Gedanken, wie wir mit dem Virus künftig leben können. Für mich ist es eine Geißel der Menschheit.

Die Löschners waren immer eine Vorzeigefamilie im Ort, erst mit Vater, Mutter, Sohn, später auch mit der Familie des Sohnes. Alle haben an einem Strang gezogen und für eine gemeinsame Sache gelebt und gearbeitet. Nun gibt es eine neue Schwiegertochter und nach 20 Jahren gerade noch einmal ein Enkelkind. Ist Ihre Welt immer noch in Ordnung?

Sicher macht man sich als Vater und Opa da viele Gedanken, vor allem, wenn man zunehmend spürt, dass das eigene Leben endlich ist. Meine Frau und ich mussten erst lernen, mit den neuen Tatsachen klarzukommen. Aber das Verhältnis zu allen Familienmitgliedern ist gut. Andere sind in meinem Alter schon Urgroßvater, ich bin eben mit 76 noch einmal Opa geworden. Meine Frau ist glücklich über das Baby.

Auf den Namen Löschner, Neuhausen, gibt es mehrere Einträge in Guinness-Büchern der Rekorde. Wird da noch was folgen?

Eher nicht. Wir schafften es 1994 mit einem 3,86 Meter großen Nussknacker. Dann noch einmal 1998 mit einem 5,87 Meter großen und schließlich 2008 mit einem funktionsfähigen von 10,10 Meter Höhe. 2010 wurde die Sammlung mit damals 4334 Exemplaren im Rekordebuch verewigt. Aber das ist längst Schnee von gestern. Auf Rekordjagd gingen wir auch mit der größten Spieldose der Welt mit 5 Metern Durchmesser sowie dem größten, von uns nach realem Neuhausener Vorbild gebauten Stuhl der Welt, der es auf 3,83 Meter Höhe und 3,6 Quadratmeter Sitzfläche brachte. Allerdings wurde der über die Jahre so morsch, dass er zusammenbrach. Ich haben ihn nun durch einen aus Stahl in gleicher Größe ersetzt. Sämtliche Riesen entstanden in meiner Firma auf eigenen Maschinen.

Hat es Sie eigentlich gestört, dass Sie immer im Schatten des nur fünf Kilometer entfernten berühmteren Spielzeugdorfs Seiffen agiert haben?

Nein. Ich habe zusammen mit Gleichgesinnten vielmehr meinen Ehrgeiz daran gesetzt, unseren Ort attraktiver zu machen. Dass mit jedem Jahr immer mehr Reisegruppen auf ihrer Tour durch das Erzgebirge auch bei uns Station machten, zeigt, dass wir damit genau richtig lagen. Ich hoffe, dass wir das vielleicht 2022 wieder erleben. gt

In der Interview-Reihe sind bislang erschienen: Volker Uhlig, ehemaliger Landrat von Mittelsachsen und Regina Herberger, die frühere Chefin des Mittelsächsischen Kultursommers.

www.freiepresse.de/uhlig

www.freiepresse.de/miskus


Jürgen Löschner

Der 76-Jährige ist Chef einer von seinem Großvater 1900 gegründeten Maschinenbaufabrik in Neuhausen. Heute ist das nur ein Ein-Mann-Betrieb. In den 1970er-Jahren begann er mit dem Sammeln von Nussknackern. 1994 machte er die Sammlung im Ersten Nussknackermuseum Europas zusammen mit seinem Sohn Uwe der Öffentlichkeit zugänglich. Seither führt der Sohn den Komplex an der Bahnhofstraße Neuhausen, der um ein Stuhlmuseum und eine Motorradsammlung mit 89 Maschinen als Leihgabe erweitert wurde. (gt)

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