Der Macher und sein Praktikant

Junge Flüchtlinge haben es in deutschen Schulen am schwersten, behauptet das britische Magazin "The Economist". Das System trenne die Schüler von heimischen Kindern und biete zu wenig Chancen. Dass die Wirklichkeit differenzierter ist, zeigt ein Beispiel aus Mittweida.

Mittweida. Rektor Matthias Möbius von der Johann-Gottlieb-Fichte-Schule in Mittweida ist eine Art Geheimwaffe der Schulbehörde gegen die Angst. Ein Mann mit Ohrring, Bart und Lederweste - sein Äußeres verrät die Leidenschaft für harte Rockmusik. Die ersten Kinder aus Migrantenfamilien kamen nach Mittweida, als 2002 die Schule in Kriebethal, nahe des Asylheims Mobendorf, geschlossen wurde. "14 Jahre hat kein Mensch darüber geredet, wie wir das machen", sagt Möbius provozierend. "Warum auch, ich habe andere Sorgen. Ausländische Kinder, das geht problemlos. Wobei Integration in der Schule und in der Gesellschaft verschiedene Sachen sind. Das muss man wissen."

"Der Mensch kann, was er soll; und wenn er sagt: ich kann nicht, so will er nicht." (Johann Gottlieb Fichte)

Die Oberschule in Mittweida, die den Namen des deutschen Philosophen und Erziehers Fichte trägt, ist in einem mehr als hundertjährigen Gebäude untergebracht - so ansehnlich seit der Generalsanierung vor zehn Jahren, dass man Schulkomödien mit Elyas M'Barek dort drehen könnte. Matthias Möbius ist seit 15 Jahren Rektor. Als Biologie- und Chemielehrer stieg er noch zu DDR-Zeiten ein und kurz nach der Wende auf, zum stellvertretenden Leiter. Wendewirren, winkt er ab, damals ging das schnell. Kaum, dass er das Rektorat bezogen hatte, integrierte die Schule das erste Dutzend Kinder vom Asylbewerberheim.

Der Freistaat Sachsen verfährt schon seit dem Jahr 2000 nach einer "Konzeption zur Integration von Migranten". Die Mehrheit der Kinder, die in der Kriebethaler Schule eine DaZ-Klasse bildeten - "DaZ" steht für Deutsch als Zweitsprache -, waren Spätaussiedler aus Russland. Als die Kriebethaler Schule schloss, kamen sie mitsamt ihrer DaZ-Lehrerin nach Mittweida.


Sie begründeten, ohne es zu ahnen, eine Tradition. In den kommenden Jahren kamen immerzu, mal mehr, mal weniger Neuankömmlinge ins Haus. Das ging "geräuschlos" vor sich, sagt Möbius, "nur die üblichen Probleme mit Kindern dieses Alters." In den vergangenen Jahren waren immer zwischen 60 und 70 Schüler der unterschiedlichen Integrationsstufen hier.

"Der wahrhaft rechtschaffene Mann will, dass das Gute geschehe; durch wen es geschehe, das ist ihm gleichgültig, wenn es nur geschieht." (Fichte)

Einer der Schüler, die an der Fichteschule groß geworden sind, sitzt heute als Praktikant in Möbius' Vorzimmer: Houssein Al Aidi aus dem Libanon. 2008 war das erste "Freie Presse"-Foto des Jungen im Mittweidaer Lokalteil erschienen. Seine Eltern und ein Freund, die im Frankenauer Asylbewerberheim wohnten und in Mittweida einen Imbiss führten, hatten eine Tasche mit Geld, Papieren und Kreditkarten gefunden und ins Fundbüro gebracht. Der Verlierer war erstaunt und überglücklich. Auf dem Foto ist Houssein als schmaler Junge zu sehen, er nimmt die Mitte des Bildes ein.

Vor zwei Jahren gab es wieder eine Schlagzeile über ihn: "Mittweidaer Schüler erhält Stipendium". Voriges Jahr: "Junger Libanese schafft einen der besten Schulabschlüsse". Heute macht er in Mittweida sein Fachabitur und ist als Praktikant an seine alte Schule zurückgekehrt.

Houssein Al Aidi sitzt im Stadtcafé und rührt in seiner Tasse. "Eigentlich war es nicht so schwer", erzählt er. "Ich bin freundlich aufgenommen worden, es war alles gut."
Libanon, Britel bei Baalbek, dem Heliopolis der alten Römer: Hier ist Houssein Al Aidi 1998 geboren worden. "Libanons vergessene Stadt", so nannte die Zeitung "The National" aus Abu Dhabi jenen Ort, an dem sich einem Jungen nur drei Wege eröffnet hätten: sich der Armee anzuschließen, der schiitischen Hisbollah-Miliz - oder aber einer Gangsterbande. In der Gründungsphase der Hisbollah soll Britel iranische Aktivisten beherbergt haben. Auch heute kreuzen sich in der Gegend die Fronten: Nun stehen sich IS- und Hisbollah-Kämpfer gegenüber. Nahost-Experten warnen vor einem blutigen Entscheidungskampf.

Houssein im Stadtcafé erinnert sich an die Stätten seiner Kindheit. Einen Riesenbrunnen habe es dort gegeben, Trauben- und Kirschbaumhaine. "Ich liebe die libanesische Kultur, das Essen, die Offenheit der Menschen. Von der Landschaft, ihren Bergen und Tälern, habe ich Bilder im Kopf." Als die Familie nach Deutschland kam, Houssein war sechs Jahre alt, konnte er noch Arabisch lesen. Das ist verweht. Heute spricht Houssein gediegen und akzentfrei Deutsch. Ins Land seiner Kindheit ist er nicht zurückgekehrt.

"Handeln! Handeln! Das ist es, wozu wir da sind." (Fichte)

Zur Integration der Kinder von Familien aus dem Ausland hat Sachsen ein dreistufiges System eingeführt. Die Basis wird abseits vom Regelschulbetrieb gelegt, in den DaZ-Klassen, die Alltagsdeutsch und kulturelles Wissen vermitteln. Nach meist sechs bis acht Wochen nehmen die Kinder am Unterricht in weniger sprachbetonten Fächern teil: Musik, Kunst, Sport, Technik. Danach wechseln sie in eine Regelklasse. Über das Tempo der Integration entscheiden Pädagogen. Auch in DaZ-Stufe III können Kinder noch in Deutsch gefördert werden.
Schulleiter Möbius hält das dreistufige System, eine sächsische Eigenheit übrigens, für sehr funktional. Houssein Al Aidi, der es durchlaufen hat, gibt ihm recht. Jetzt sind die beiden gewissermaßen als Apostel unterwegs, um besorgten Schulleitern, Lehrern und Eltern von ihren Erfahrungen zu erzählen, oft im Dienst der Schulbehörde. An der Fichteschule sind dieser Tage etwa 100 der 440 Schüler in der Integration, darunter 50 Flüchtlingskinder. Die Ausweitung der DaZ-Klassen auf weitere Schulen ist nötig, um die Integrationsaufgabe auf breitere Schultern zu verteilen.

Die Anzahl der in Sachsens Schulen zu integrierenden Kinder und Jugendlichen liegt bei etwa 27.000. Für das laufende Schuljahr gab der Freistaat 128 neue DaZ-Lehrer-Stellen frei, die nicht alle besetzt werden konnten. Mit genügend Lehrern und Räumen seien die Anforderungen beherrschbar, sagt Möbius: "Das kann jede Oberschule." Wenn zu wenig Pädagogen für zu viele Kinder zur Verfügung stehen, könnten sich am ehesten die Bildungsgespräche als Engpass erweisen, die in Grund- und Oberschulen am Anfang einer jeden Eingliederung stehen.

"Wir lehren nicht bloß durch Worte, wir lehren auch weit eindringlicher durch unser Beispiel." (Fichte)

Für Houssein Al Aidi ist das erste Kapitel seiner Bildungsreise abgeschlossen. Er hat Erfahrungen gesammelt und Lebensregeln entwickelt, mit denen er in die nächsten Etappen geht. Eine lautet: "Alles, was man hat, kommt woanders her." Eine andere: "Alles hängt voneinander ab. Grenzen lösen nichts."

 

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2Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 0
    0
    Abdiel
    10.02.2016

    Was haben jahrzehntealte Probleme im Bildungssektor mit Flüchtlingen (Zuwanderung ist etwas anderes) zu tun?

  • 5
    2
    ColinMacLaren
    08.02.2016

    "Für das laufende Schuljahr gab der Freistaat 128 neue DaZ-Lehrer-Stellen frei, die alle nicht besetzt werden konnten."

    Und siehe da - wir schaffen das nicht. Die notwendigen Ressourcen für die Unterbringung und Integration so vieler Menschen wachsen nicht auf Bäumen. Mit der ungeregelten Massenzuwanderung hat man den Grundstein dafür gelegt, dass ein erheblicher Teil der Migrantenkinder die Bildungsverlierer von Morgen sein werden.



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